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Lehrstellenoffensive

29.04.2016

Berufsschulleiterin rät: Reden Sie mit Ihrem Kind!

Für Lehrstellenoffensive: Porträt der Schulleiterin Erika Mayer - Berufschule 1 in Augsburg. Bild: Ulrich Wagner

Was tun, wenn Sohn oder Tochter nicht wissen, in welche berufliche Richtung es gehen soll? Und worauf kommt es überhaupt an, um eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen?

Frau Mayer, Sie sind seit über 30 Jahren Berufsschullehrerin und leiten seit vier Jahren die Berufsschule I für Metalltechnik in Augsburg. Warum wollen immer weniger Jugendliche eine Ausbildung machen?

Erika Mayer: Die Eltern spielen hier eine Hauptrolle. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Arbeitshaltung junger Menschen bereits im Alter von fünf Jahren festgelegt wird. Großeltern, Eltern und das Familienleben üben einen prägenden Einfluss auf die entstehende Persönlichkeit aus. Im späteren Leben muss die Familie hinter der Ausbildung des Sprösslings stehen. Wir sehen immer wieder, dass immer mehr Jugendliche aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen, Scheidungskinder sind oder einfach keine Vorbilder haben, niemanden, der ihnen hilft. Der schlimmste Satz für mich ist: „Dann werde ich eben Hartzer!“

Wächst die Bereitschaft, bei jungen Leuten auf staatliche Hilfe zu setzen?

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Mayer: Die Versorgungsmentalität hat zugenommen. Auf der anderen Seite kenne ich viele Eltern, die sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind und gerade deshalb auch arbeiten gehen, obwohl sie so weniger Geld mit ihrer Arbeit verdienen, als sie durch Hartz IV bekämen. Meiner Meinung nach ist die Besteuerung der Löhne und Gehälter von normalen Arbeitnehmern bei uns zu hoch, Arbeit muss sich wieder lohnen.

Kinder sollten nicht zu etwas gezwungen werden

Viele Eltern glauben, für ihre Kinder das Beste zu tun, wenn sie sie auf höhere Schulen schicken.

Mayer: Wenn die Kinder das schaffen, dann ist das auch wirklich in Ordnung. Problematisch wird es, wenn die jungen Leute zu etwas getrieben werden, was sie nicht können oder wollen, wenn die Erwartungshaltung an sie zu hoch wird. Dann ist das Scheitern vorprogrammiert. Und mit solchen Niederlagen kommen gerade junge Menschen sehr schwer zurecht. Auch beobachten wir hier an unserer Berufsschule, die rund 2020 Schüler besuchen, dass gerade gute Schulabsolventen bewusst eine Lehre machen, weil sie dann den Beruf von der Pike auf kennenlernen. Die gehen nicht alle gern in die Werkstatt, aber sie erkennen die Vorteile des praktischen Wissens fürs Studium und für ihren späteren Werdegang.

Sie meinen die dualen Studenten.

Mayer: Ja, das sind allerdings noch nicht sehr viele. Es sind aber die absoluten Profis, diejenigen, die später in der Regel schnell Führungsaufgaben übernehmen und oft auch von den Kollegen in der Produktion geschätzt werden, weil sie die Praxis kennen. Das ist aber eine sehr anspruchsvolle berufliche Ausbildung.

Die Ansprüche nehmen generell zu. Viele Arbeitgeber erklären, keine geeigneten Lehrlinge zu finden.

Mayer: Die Anforderungen steigen in der Tat. Auch im handwerklichen Bereich. Was beispielsweise ein Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik heute wissen muss, ist enorm. In dem Bereich haben wir durchschnittlich 20 Prozent Wiederholer. Doch gerade im Handwerk machen wir immer wieder die Erfahrung, dass nicht nur die Innungen viel Unterstützung anbieten, wichtig in Familienbetrieben sind die Ehefrauen der Betriebsleiter. Sie fangen vieles auf, was in der Firma nicht ganz rund läuft. Ich kenne solche Beispiele. Doch leider gibt es ja immer weniger kleine Familien- und Handwerksbetriebe.

"Smartphone-Sucht ist ein Riesenproblem"

Das heißt, wenn genügend Unterstützung vorhanden ist, gelingt die Lehre?

Mayer: Ja, meistens schon. Daher machen auch unsere Lehrkräfte mit den Schülern etwa am Wochenende Ausflüge, um die Auszubildenden auch sozial einzubetten. Doch das reicht nicht immer. Was wir bräuchten, sind Paten. Wir bräuchten Menschen, die junge Leute auf den Weg in den Beruf begleiten und ihnen helfen. Man darf nie vergessen, in welch schwierigen Situationen die Jugendlichen oft stecken. Hier sei nur die Patchwork-Familie genannt. Sie gibt den Jugendlichen oft zu wenig Rückhalt.

Sind viele Jugendliche vielleicht auch noch gar nicht ausbildungsreif?

Mayer: Bei vielen wäre tatsächlich das frühere Berufsvorbereitungsjahr wichtig, weil sie noch ein wenig Zeit brauchen. Aber viele reifen auch in der Ausbildung. Sie benötigen eben mehr Geduld, mehr Nachhilfe, mehr Betreuung.

War das früher denn anders?

Mayer: Was den jungen Leuten heute meist fehlt, sind Disziplin und soziale Kompetenzen. Das war früher anders. Dies muss aber ab dem frühen Kindesalter im Elternhaus, im Kindergarten und in der Grundschule vermittelt werden. Ohne soziale Kompetenzen gelingt keine Ausbildung. Denn viele haben es mit Kunden zu tun, und alle müssen verlässlich zusammenarbeiten. Daher sind wir bei uns an der Schule in diesem Punkt so streng: Wer etwa dreimal unpünktlich ist, der weiß, dass dies seinem Ausbildungsbetrieb gemeldet wird und er dem Hausmeister zur Hand gehen muss. Auch gilt bei uns: Wir sprechen und schreiben in ganzen Sätzen.

Weil die jungen Leute aufgrund von Kurznachrichtendiensten nur noch in Schlagworten kommunizieren, oder?

Mayer: Die Smartphone-Sucht ist für uns ein Riesenproblem. Viele Jugendliche sind komplett abhängig von den Geräten. Und ja, sie sind es nicht mehr gewohnt, mit anderen Menschen richtig zu sprechen. Deshalb auch mein großer Appell an die Eltern: Reden Sie zu Hause mit Ihren Kindern. Machen Sie gemeinsam Ausflüge, gehen Sie in die Natur und nehmen Sie sich vor allem Zeit für die Kinder. Wir leben in einer so schnelllebigen Zeit, in der das Miteinander schnell verloren geht. Wir sehen die Folgen davon bei den jungen Menschen: Sie sind unkonzentriert und zeigen nicht selten autistische Züge. Gerade Jugendliche brauchen viel Feedback, Ermunterungen, Lob für das, was sie gut machen und können. Das fehlt vielen.

Viele Eltern haben aber auch das Problem, dass ihr Kind einfach nicht weiß, was es beruflich machen möchte.

Mayer: Das gibt es sehr oft. Da hilft nur: ausprobieren. Die Jugendlichen sollten in so viele Bereiche wie möglich reinschnuppern und Praktika machen. Jugendlichen kann ich nur raten: Hör ganz tief in dich hinein, wohin zieht es dich gefühlsmäßig? Eine Botschaft ist hier ganz wichtig: Eine Ausbildung ist heute keine berufliche Festlegung mehr fürs Leben. Unser Bildungs- und Ausbildungssystem ist durchlässig geworden: Wer heute eine Ausbildung zum Mechatroniker macht kann bei Fleiß und Engagement zehn Jahre später sein Brot als Kraftfahrzeugingenieur verdienen. Das ist doch eine starke Perspektive! Das Motto heißt: Karriere durch Lehre.

Interview: Daniela Hungbaur

Hürden sind dazu da, überwunden zu werden. Das gilt gerade auch beim Berufseinstieg. Mit der Lehrstellenoffensive unserer Zeitung wollen wir junge Menschen auf dem Weg in den Beruf unterstützen. Es ist eine gemeinsame Aktion mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben, der Handwerkskammer für Schwaben sowie den Arbeitsagenturen der Region. Alle Informationen zur Lehrstellenoffensive gibt es unter www.leo-bayern.de.

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