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Lehrstellenoffensive

06.05.2016

Ihr Großvater machte sie zur Technikerin

Für Lehrstellenoffensive / Jennifer Vulprecht arbeitet als Elektronikerin bei Sensortechnik Wiedemann in Kaufbeuren in einer Männder-Domäne. Bild: Ulrich Wagner

Jennifer Vulprecht ist Elektronik-Meisterin. Warum sie als Frau in einer Männerdomäne arbeitet.

Der Ausbildung von Jennifer Vulprecht ging eine Familientragödie voraus. 2006 starb ihr Großvater. „Er war die wichtigste Person für mich“, sagt die 24-jährige Elektronikerin. Das älteste von sechs Enkelkindern hatte schon früh mit dem Opa an dessen VW-Käfer herumgeschraubt. Mit ihm schaute sie Autorennen im Fernsehen an. Die Barbie-Puppe sei nicht mehr interessant gewesen.

Doch dann starb der Maler und Lackierer. Dass Jennifer Vulprecht heute stellvertretend die Ausbildung im Kaufbeurer Unternehmen Wiedemann Sensortechnik leitet, habe auch mit ihm zu tun, sagt sie. Eigentlich war ihr Ziel, das gemeinsam gepflegte Hobby zum Beruf zu machen. Doch in der Kfz-Branche erhielt sie nach ihrer mittleren Reife 2008 keinen Ausbildungsplatz. „Das war schon sehr traurig für mich“, erinnert sie sich. Etwas Technisches sollte es aber sein. Im Urlaub erhielt sie dann die Zusage für die Elektroniker-Ausbildung in einem Unternehmen mit 440 Mitarbeitern. „Ich kannte die Firma vorher gar nicht“, gesteht Vulprecht.

„Als ich hier angefangen habe, war ich die erste Frau im technischen Bereich“, sagt sie stolz. Erst in der Berufsschule habe sie weitere Elektronikerinnen getroffen. Ob es deshalb ein Problem mit ihren männlichen Kollegen gab? „Je weniger man miteinander zu tun hat, desto mehr gibt es Klischees“, stellt sie fest und betont: „Dann haben sie gesehen: Die kann ja wirklich was.“

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Von Klischees ließ sie sich nicht blenden

Elektroniker ist nach wie vor eine klare Männerdomäne. Nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung lag in Bayern die Frauenquote unter Elektronikern, die 2014 einen Abschluss gemacht haben, bei 2,4 Prozent. In anderen technischen Berufen sieht es kaum besser aus. Warum so viele Frauen diese Jobs meiden, ahnt Oliver Heckemann, Geschäftsfeldleiter Bildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben: „Technische Berufe sind immer noch mit den Klischees behaftet wie ,schmutzige Hände voller Schwielen‘ oder körperlich schwere Arbeit, was vielfach nicht mehr zutrifft.“ Das betont auch Vulprecht: „Es ist kein dreckiger Job, da wird man nicht schmutzig.“

Der Auto-Fan hat sich von den Klischees nicht blenden lassen – und eine Aufgabe gefunden, bei der er seine Stärken einsetzen kann. Nach der Ausbildung lernte sie weiter, vermittelt nun selbst Wissen. Heute ist sie stellvertretende Ausbildungsleiterin. „Ich kann gut zuhören, da kommt die Frau schon raus“, sagt sie augenzwinkernd. Einzelkämpferin ist sie nicht mehr. „In jedem Ausbildungsjahrgang ist mindestens eine Frau dabei.“ Und die würden ihre eigenen Akzente setzen. „Man merkt schon, dass Frauen etwas vorsichtiger sind.“ Oftmals arbeiteten sie ihrer Meinung nach auch genauer, gerade beim Löten. Das sei auch ihre eigene Paradedisziplin, erzählt Vulprecht und ergänzt, dass sie von den Auszubildenden gelegentlich auch „Löt-Mama“ genannt werde. „Beim Löten sieht man einfach, was man getan hat.“ Zumal die kleinen grünen Platten mit ihren dutzenden Einzelteilen eine große Wirkung hätten. „Es ist faszinierend, dass solche kleinen Teile einen Kran oder sogar ein Auto steuern können.“

Sie hat den Meistertitel

Seit 2015 ist Vulprecht Meisterin. Den Brief dazu machte sie im Laufe von zwei Jahren neben ihrem Job. „Das war eine hohe Belastung und nicht einfach. Umso stolzer bin ich darauf“, sagt sie. Weitere Karrieresprünge sind vorerst nicht geplant. „Ich will irgendwann auch einmal ankommen.“ Dass ihr der Einstieg in die Kfz-Branche nicht gelang, stört sie nicht mehr. Auch bei ihrem Hobby geht sie mittlerweile eigene Wege im Vergleich zum Großvater. „Der VW-Käfer ist nicht so mein Fall. Ich bin BMW-verrückt“, sagt sie. Und zwar nach den neuen Modellen „mit viel Leistung“. Sie habe nun auch endlich ein DTM-Rennen live gesehen – das hatte sie noch mit ihrem Großvater seinerzeit vorgehabt. „Formel 1 kann ich aber immer noch nicht schauen. Das erinnert mich doch zu sehr an ihn.“

Hürden sind dazu da, überwunden zu werden. Das gilt gerade auch beim Berufseinstieg. Mit der Lehrstellenoffensive unserer Zeitung wollen wir junge Menschen auf dem Weg in den Beruf unterstützen. Es ist eine gemeinsame Aktion mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben, der Handwerkskammer für Schwaben sowie den Arbeitsagenturen der Region. Alle Informationen zur Lehrstellenoffensive gibt es unter www.leo-bayern.de.

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