Gera Klingelbrett Verfall .JPG

1991 reiste unser Reporter in den Osten. Nun wieder. Was hat sich verändert?

Als junger Reporter berichtete Michael Schreiner aus den neuen Ländern, von Schauplätzen wie Gera und Kaltensundheim. Nun ist er noch mal hingefahren. Was ist aus den Orten und Menschen geworden?

Eddie sieht müde aus, wie er da im Halbdunkel seiner Existenz sitzt. Es ist ein grauer Nachmittag in der rauen Rhön, und in "Eddie’s Eiscafé" könnte man das Eis tauen hören, so still ist es. Kaltensundheim ist nicht der Ort, an dem man überhaupt ein Eiscafé vermuten würde. Es ist ein Dorf, und es gibt auch keine Pizzeria. Edgar Friedrichs Heimatort hätte höchstwahrscheinlich auch kein Eiscafé, wenn nicht die friedliche Revolution gekommen wäre vor 30 Jahren und Eddie den Arbeitsplatz fortgerissen hätte.

Edgar Friedrichs in seinem Eiscafé.
Bild: Michael Schreiner

Friedrichs war einst Versandleiter bei der "Rhön Plüsch", einem Betrieb, der in Kaltensundheim begehrte Kuscheltiere hergestellt hat. Fast 200 Beschäftigte, inklusive Heimarbeitern, produzierten zu DDR-Zeiten Stofftiere. Hasen, Eichhörnchen, Rhönschafe, alles. "Das war Qualität, was wir gemacht haben", sagt Friedrichs, ein Mann mit grauem Bart, grauem dichten Haar und breitem Kreuz. Sie verkauften auch in den Westen, viel nach Belgien, aber vor allem nach Russland. Sie verschifften Kuscheltiere sogar bis Kuba. Zwölf Jahre war Eddie Versandleiter, auch seine Frau arbeitete bei Rhön Plüsch. Der Betrieb residierte auf einem riesigen Gelände mit zwei Werkshallen in Kaltensundheim. Der Ort lag fast schon in der Sperrzone, so nahe war er dran am Westen – keine 20 Kilometer.

Fast 200 Beschäftigte, inklusive Heimarbeitern, produzierten zu DDR-Zeiten Stofftiere bei "Rhön Plüsch".
Bild: Wolfgang Diekamp

Die Rhön Plüsch machte nach der Grenzöffnung und dem Zusammenbruch der DDR weiter, kämpfte als GmbH ums Überleben. Friedrichs kämpfte nur die ersten Monate mit – dann musste er gehen, wie viele andere auch. Sie waren einfach zu ahnungslos, sagt er heute, hatten die Marktgesetze nicht begriffen. "An der Qualität lag’s nicht! Ich war mit unseren Produkten nach der Wende auf der Spielwarenmesse in Nürnberg. Wir hatten mehr Handarbeit als Steiff", meint Friedrichs und blickt einem tief in die Augen. Im Halbdunkel seines Lokals beschreibt er mit seinen Händen, wie sie den Gesichtsausdruck eines Eichhörnchens mit einem Abnäher von Hand gestalteten, die berühmten Steiff-Stofftier-Westler ihr Eichhörnchen dagegen nur mit Farbnuancen … Es hätte durchaus. Wenn … Vorbei. Sie hatten zu wenig Zeit und hatten vielleicht auch keine realistische Chance.

Im Oktober 1992 öffnete Eddie’s Eiscafé. Dann wurde eine Gaststätte daraus.
Bild: Michael Schreiner

Edgar Friedrichs wollte es sich und allen anderen nach dem Sturz in die Arbeitslosigkeit zeigen: Er stellte dann selbst was auf die Beine. Sofort. Wartete nicht auf eine Nachwendedepression oder auf ein Wunder. Er kochte gern und riskierte was. Nicht unterkriegen lassen. Im Oktober 1992 öffnete Eddie’s Eiscafé – finanziert mit Krediten, die ihn fast ruiniert hätten. Aber Edgar Friedrichs, der viel eigenhändig gemacht hat, hat durchgehalten, hat überlebt und den Anbau an sein Wohnhaus am Ortsrand von Kaltensundheim immer wieder den Marktgesetzen angepasst. "Ich sagte mir: Die Blöße gebe ich mir nicht."

"Es waren einmal 200 Beschäftigte – geblieben sind 40, Überleben unsicher."

damaliger Bürgermeister Möllerhenn

So sind sie in der Rhön – stur und stolz. Aufgeben? So müde kann man gar nicht sein. Dass er mit Eis und Kaffee allein nicht bestehen kann, war bald klar. So wurde aus "Eddie’s Eiscafé" an der Bundesstraße 285 eine Gaststätte. Wie ein Eiscafé hatte es eh nie ausgesehen. Nun also Zapfhahn, Speisekarte, Schnitzel, Salzstreuer und Bierdeckel auf den Tischen – aber eben auch den selbst gemachten Kuchen im Vitrinenkühlschrank, der auch an diesem trüben Nachmittag leuchtet wie ein Schrein. Bis aus Hessen kamen die Kunden und kauften seine Torten. Eddie musste dann aber noch einen Partyservice dazunehmen und Zimmer vermieten. Heute ist er 69. Er macht weiter.

Ich lerne Edgar Friedrichs kennen, weil ich nach über 28 Jahren zurückgekehrt bin nach Kaltensundheim. Als junger Reporter, der in den aufregenden Umbruchzeiten durch die "Ex-DDR" reiste, hatte es mich im Sommer 1991 zufällig nach Kaltensundheim verschlagen, ein Dorf in einer Senke in der Rhön. "Überlebenskampf in leeren Hallen" war die Geschichte aus dem Ort überschrieben, erschienen in der Ausgabe vom 27. Juli 1991 (hier können Sie die Geschichte lesen ).

Michael Schreiner besuchte kurz nach der Wende Orte der ehemaligen DDR. Knapp 30 Jahre später brach er erneut auf.
Video: Axel Hechelmann

Bürgermeister und Präsident des Karnelalvereins von Kaltensundheim, 1053 Einwohner, war damals ein 32-Jähriger.

Uwe Möllerhenn sitzt lässig im T-Shirt am Schreibtisch, spricht von "verflogener Euphorie" und "Erwartungsdruck" und zählt dann auf, was geblieben ist von der einstigen wirtschaftlichen Hochburg Kaltensundheim mit ihrem großen Reservoir an Arbeitsplätzen. Die LPG (Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft), ehemals eine der großen und mächtigen im Kreis Meiningen, ist von 400 auf knapp 100 Beschäftigte geschrumpft. "Das wird sich weiter reduzieren". Flaute auch beim Plüschspielwarenbetrieb. "Es waren einmal 200 Beschäftigte – geblieben sind 40, Überleben unsicher."

Uwe Möllerhenn im Jahr 1991 – und heute.
Bild: Wolfgang Diekamp/Michael Schreiner

Uwe Möllerhenn ist längst nicht mehr Bürgermeister, er gab das Amt 1992 ab, als die "Verwaltungsgemeinschaft Hohe Rhön" gegründet wurde. Aber er ist seit drei Jahrzehnten im Gemeinderat von Kaltensundheim, wo er noch immer lebt.

Eine Rückkehr ins Dorf nach 28 Jahren? Schauen, was sich getan hat? Eine Bilanz? Die Idee findet Möllerhenn am Telefon interessant. Als Treffpunkt schlägt er "Eddie’s Eiscafé" vor. Und da sitzt er nun am Tisch, kariertes Hemd, die Lesebrille am Halsband, über ein Luftbild Kaltensundheims gebeugt, und könnte mit seinem grauen Vollbart ein Bruder von Edgar Friedrichs sein. Er ist ein Freund – so wie hier fast alle sich gut kennen und nur mit Vornamen ansprechen. Vorhin in der Metzgerei Pfaff, wo auf dem Kassendisplay in Endlosschleife der Satz "Es geht immer um die Wurst" läuft, war das schon zu merken. "Hast du was für mich?" – Nein, kein Paket abgegeben worden. "Willst du die Wurst aufgeschnitten?" Nachnamen brauchen sie hier nicht.

Uwe Möllerhenn ist eigentlich noch immer eine Art Herzensbürgermeister von Kaltensundheim. Der Ort gehört seit 1. Januar 2019 zur Stadt Kaltennordheim. Deshalb hat Eddies Eiscafé bald eine neue Adresse. Straßenumbenennung – es darf die Bergstraße ja nicht zweimal geben. Künftig also: Hinter dem Kirchhof. Anders als in so vielen, fast allen Kommunen der DDR gab es in Kaltensundheim hingegen keine eifrigen Straßenumbenennungen nach der Wende. Bloß einen Gedenkstein für den kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896 – 1933), der nach einem mittelalterlichen Heerführer des Deutschen Bauernkriegs auch "Florian Geyer der Rhön" genannt wurde, haben sie verschwinden lassen.

"Wir sind am Arsch der Welt, kriegen wir dauernd zu hören."

Damaliger Bürgermeister Möllerhenn

Die alten Zeiten … "300 Arbeitsplätze aktuell", nennt Uwe Möllerhenn für Kaltensundheim, dessen Bevölkerung von 1000 auf nun unter 800 geschrumpft ist. Die Rhön Plüsch ist seit Mitte der 1990er Jahre aufgelöst. Die Halle mit dem verblassten Logo, einem Pandabär, aber steht noch – leer.

Ortstermin bei Rhön Plüsch. Geschäftsführer Meinrad Dreßler sieht nicht sehr glücklich aus. 50 Prozent der Kuscheltiere aus Kaltensundheim gingen früher in die UdSSR. Vorbei, der Ost-Export "ist weggebrochen, die nehmen nicht einen einzigen Bären mehr ab." Auf dem westlichen Markt wiederum hat es die neue GmbH vor allem mit der harten Konkurrenz aus Fernost zu tun. (...) In den großen Hallen sind viele Nähmaschinen abgedeckt. Nur wenige Frauen arbeiten. Die Mehrzahl der noch verbliebenen 40 Mitarbeiterinnen sitzt daheim – Kurzarbeit.

"Die Rhön Plüsch? Gibt es schon lange nicht mehr."
Bild: Michael Schreiner

Anruf bei Meinrad Dreßler, 28 Jahre später. Ich erreiche ihn daheim in Kaltensundheim bei der Gartenarbeit. "Die Rhön Plüsch? Gibt es schon lange nicht mehr. Die Spielzeugindustrie Thüringens, die ist im Preiskampf ziemlich kaputtgegangen. Das riesige Gebäude hat jemand gekauft, nur um Solarpaneele aufs Dach zu machen." Dreßler klingt verbittert. "Was wollen Sie denn? Die Rhön Plüsch, das ist vorbei."

Michael Schreiner über eine DDR-Fabrik in Kaltensundheim, die heute nicht mehr existiert.
Video: Axel Hechelmann

Unweit der abgewickelten Kuscheltierhallen ragt das imposante, ja riesige "Kulturhaus" heraus, das sich die LPG einst hingestellt hatte. Es gehört noch immer der Nachfolgeorganisation, der "Agrargenossenschaft". Im Juli 1991 stand unter dem Foto: Riesig, verrammelt, eingestaubt und leer: das Kulturhaus von Kaltensundheim. Im Herbst 2019 steht es – wieder – so da. Immerhin bis 2018 wurde es nach einer Sanierung Ende der 1990er Jahre betrieben. Karneval, Sport, Kirmes, Hochzeiten.

Imposant. Riesig. Das "Kulturhaus" Kaltensundheim.
Bild: Michael Schreiner

Und nun? Möllerhenn, der mich in seinem Kleinwagen auf eine Tour durchs Dorf mitnimmt, zuckt die Schultern. Er ist ja selbst Pendler, arbeitet seit 16 Jahren im Landesverwaltungsamt in Suhl, 50 Kilometer entfernt.

"Wir sind am Arsch der Welt, kriegen wir dauernd zu hören." Die Gemeinde könne jetzt nur Gewerbegebiete ausweisen und "mal warten, ob einer kommt".

Wir fahren durchs neue Gewerbegebiet. Uwe Möllerhenn zählt auf: "Der da repariert Flugzeug-Kleincontainer, hier ein nagelneuer Autolackierbetrieb, eine Spedition, ein Elektriker, eine Fahrschule, ein Betrieb für speziell präparierte Holzpaletten, ein Maschinenbauer und ein Kofferhersteller für Prüfgeräte." Nirgendwo der Rieseninvestor – aber es läppert sich.

"Da gibt’s Leute hier, die glauben, sie werden über Nacht Millionär."

Damaliger Bürgermeister Möllerhenn

Die Wucht der Massenarbeitslosigkeit schlägt in Kaltensundheim nur deshalb nicht so durch, weil Bayern und Hessen nah sind. Viele pendeln zu neuen Jobs. Ansonsten hofft man im Dorf, das immer noch besser dran ist als die umliegenden Gemeinden, auf Neuansiedlungen von Betrieben – wie überall. "Da gibt’s Leute hier, die glauben, sie werden über Nacht Millionär, wenn der Investor aus dem Westen kommt und 25 Mark für den Quadratmeter Wiese zahlt", meint Rathauschef Möllerhenn und fügt leicht unwirsch hinzu: "Lächerlich, Wunschträume."

Große Traktoren rumpeln mehrmals am Tag durch die Straßen des Dorfes. Die Agrargenossenschaft beschäftigt 40 bis 50 Leute und ist heute ein Gemischtwarenladen mit viel Gelände, Hallen, Baracken – Erbe der LPG. "Platz war ja nie ein Problem in der DDR", meint Möllerhenn. Sie betreiben eine Tankstelle mit Shop, eine Autowerkstatt, handeln mit Traktoren, haben 2017 einen ganz neuen Riesen-Kuhstall mit Melkrobotern und 740 Kühen hingestellt – "die größte Dachfläche in der ganzen Rhön", meint Möllerhenn und zeigt auf den riesigen roten Balken am Horizont. Wie in alten USA-Filmen liefert der Kaltensundheimer Agrarbetrieb Milch literweise frei Haus.

Es gibt ein neues Wohngebiet "Am Graswald", dort stehen ein paar schmucke Häuser, manche villengroß. 39 Euro der Quadratmeter Baugrund – erschlossen. "Wir würden auch lieber 200 nehmen, aber  des ist nicht realistisch…", meint Möllerhenn und grinst. Auf dem Kindergarten, frisch gestrichen, im selben Gebäude wie einst die DDR-Kita, steht in großen Lettern "Graswaldknirpse" – Referenz an die Neubürger, an die Zukunft. Das Dorfleben scheint noch intakt. Zwölf Vereine, die Kegelbahn haben die Kegler komplett selbst gebaut – so ist das in Kaltensundheim, wo auch eine Schalke 04-Fahne weht.

"Weder Gewinner noch Verlierer" der Wende: das Dorf Kaltensundheim.
Bild: Michael Schreiner

Bäcker, Metzger, zwei Gaststätten, ein Nahversorgungszentrum mit kleinem Supermarkt, Blumenladen, Reisebüro, Sparkasse, eine Postannahmestelle, ein großes Gymnasium, zu dem Schüler aus weitem Umkreis kommen, und ein Arzt – ist dieses Rhöndorf ein glücklicher Wendegewinner? Wendegewinner? "Nee, das ist zu viel des Guten", wehrt Uwe Möllerhenn ab. "Weder Gewinner noch Verlierer", sagt er dann. Man habe wohl manches richtig gemacht, das schon. Es gibt naturgemäß auch Verlierergeschichten. "Seven Garden" steht auf einem ziemlich protzigen Neubau nahe des Gymnasiums, das früher polytechnische Oberschule war. Ein Arzt hatte das hingestellt – mit großem Schwimmbad, Wellness, Fitness, Heubad und und und. Lief nicht. Zwischendrin war mal ein Swinger Club Zwischennutzer, jetzt ist ein Friseur im Haus, das abgedeckte Schwimmbad kann man als Partyraum mieten …

Auf dem Friedhof von Kaltensundheim, unterhalb der 700 Jahre alten Wehrkirche St. Albanus, gibt es seltsamerweise keine Gräber mit Sterbedaten vor 1989. Als wäre auch dieses Erinnern der neuen Zeit geschuldet, die laut Schaukasten vor der Gemeindeverwaltung "durch zwei Ereignisse bestimmt ist: die Wiedervereinigung im Jahr 1990 und – nur ein Jahr später – die Verleihung des Prädikats "Biosphärenreservat" an die Rhön durch die Unesco".

Kurios: Auf dem Friedhof von Kaltensundheim gibt es keine Gräber mit Sterbedaten vor 1989.
Bild: Michael Schreiner

Spät abends in Eddie’s Eiscafé, bei Bier und Underberg, reden sie dann doch über die DDR-Zeiten. Legendäre Karnevalssitzungen mit 1500 Leuten im Kulturhaus, den selbst gemixten Apfelkorn, den Abschnittsbevollmächtigten – und abgewickelte Firmen, das Gebahren der Wessis. Edgar Friedrichs schaut in sein Glas und sagt: "Sie wollen das mit der Treuhand ja jetzt alles wieder aufarbeiten. Aber was bringt das? Was soll das jetzt noch?"

GERA  (64).JPG

Ortswechsel. Gera, zwei Autostunden östlich.

Bild: Michael Schreiner

Das "Fettnäppchen" in Gera betritt man seit 1973 über eine schmale Kellertreppe am Marktplatz, die in ein Gewölbe unterm Rathaus führt. Hier empfängt Eva-Maria Fastenau ganz in Schwarz gekleidet an einem runden Tisch vor einem imposanten Kaffeebecher. Das Fettnäppchen ist ihre Höhle, ihr Lebensprojekt. Seit 1978 spielt sie hier Kabarett, seit 1991 ist sie die Chefin, die das ehemalige DDR-Organ übernommen und zu einem privaten Betrieb umgeformt hat. Fastenau ist die Mutter Courage von Gera – und eine der bekanntesten Figuren der Stadt im Osten von Thüringen. In tausenden Auftritten hat sie den Finger in Wunden gelegt, von denen es genug gibt in Gera. Aber natürlich kann sie auch Ulknudel. Ihr Kabarett soll auch unterhalten, die Leute wollen lachen. Jetzt sagt die inzwischen 68 Jahre alte Bühnenkünstlerin ernst: "Es lebt sich nicht schlecht in Gera. Aber der Ruf ist ruiniert. 30 Prozent AfD, die die stärkste Fraktion im Stadtrat ist."

Eva-Maria Fastenau im Jahr 1991 – und heute.
Bild: Wolfgang Diekamp/Michael Schreiner

Eva-Maria Fastenau rückt ihre blaue Brille zurecht. Ihre Bühnenstimme dröhnt im Kellergewölbe. "Was es in dieser Stadt schon an Dusseligkeiten gab." Schallendes Gelächter. Dabei war sie selbst öfter Opfer von solchen Dusseligkeiten. Leicht macht es Gera seinem Traditionskabarett nicht.

"Marx ist tot, es lebe Waigel."

Kabarett "Fettnäppchen"

Im März 1991 war ich zuletzt hier und sah Eva-Maria Fastenau und ihre Kollegen auf der Kellerbühne. "Ohne Maulkorb durchbeißen" hieß die Überschrift über dem Artikel, der am 26. März erschien (hier können Sie ihn lesen ) und so begann:

In Gera ist abends wirklich nichts los. Umso dankbarer nutzen die gelangweilten Wessis den einzigen Ausweg, der sich im Keller unterm Rathaus der 130.000-Einwohner-Stadt auftut. Dort spielt das Kabarett "Fettnäppchen". An diesem Abend läuft das Programm "Lieber gleich berechtigt als später". 70 Leute sitzen an den Tischchen im Gewölbe – ausverkauft. An den Dialekten des Publikums ist unschwer zu erkennen: Rheinländer, Bayern, Hessen und Hanseaten sind weitgehend unter sich. Auf den Papierdeckchen steht noch immer: "Guten Appetit, HO-Gaststätten Gera." Die zum "Osteinsatz" in Thüringen weilenden Beamten und Berater aus dem Westen amüsieren sich köstlich. "Marx ist tot, es lebe Waigel" – so was will man hören im Kabarett.

"Abends nichts los – das ist immer noch so", sagt Eva-Maria Fastenau amüsiert, als sie den Artikel 28 Jahre später noch einmal überfliegt. Aber es hat sich viel geändert. In Gera, das nicht mal mehr 100.000 Einwohner hat. Und für das Kabarett. "Die Kugelblitze in Magdeburg haben es nicht geschafft …", meint Fastenau. Sie schon. Das Abenteuer Privatisierung hat viel unternehmerisches Geschick erfordert – und Energie, Zähigkeit, Überlebenswillen.

Am 27. Oktober sind unübersehbar Wahlen in Thüringen.
Bild: Michael Schreiner

Das "Fettnäppchen" baute sich ein zweites Standbein auf und richtete in einem sanierten Gasthof in Kapellendorf zwischen Jena und Weimar eine zusätzliche Spielstätte ein. Und für die Sommersaison kam ab 2008 noch ein großes Projekt dazu: Das "Hofgut" im Stadtteil Untermhaus, wozu auch eine große Gastronomie gehörte – beliebt für Hochzeiten, Firmenfeiern und ähnliches. Drei Spielstätten – und parallel immer Tournee-Tingeln über Land. Als ihr das Hofgut 2017 von der Stadt gekündigt wurde, wäre das beinahe das Aus für das "Fettnäppchen" gewesen.

Das "Fettnäppchen" in Gera existiert seit 1973. Bis zur Wende hing das Ensemble programmatisch an der SED und organisatorisch an der kurzen Leine der staatlichen "Konzert- und Gastspieldirektion". Mit Beginn der neuen Spielzeit im Sommer stürzt sich das "Fettnäppchen" ins Abenteuer Privatisierung. (...) Frau Fastenau springt ins kalte Wasser und hofft, dass das Becken nicht leer ist.

Michael Schreiner erzählt von Menschen, über die er kurz nach der Wende berichtete - und die er knapp drei Jahrzehnte später wieder traf.
Video: Axel Hechelmann

Gera war in den 1920er Jahren eine der reichsten Städte Deutschlands. Seine Textilindustrie blühte um die Jahrhundertwende. Viele der Industriellenvillen aus dieser Zeit gibt es heute noch – wie etwa das von Henry van de Velde erbaute "Haus Schulenburg", das heute ein Privatmuseum ist. Zu DDR-Zeiten war Gera Bezirkshauptstadt. Die SED blähte die Stadt auf – mit Plattenbausiedlungen für 40.000 Leute, die größtenteils im Bergbau bei der Wismut arbeiteten, im Uranabbau. Damit war es nach der Einheit ebenso vorbei wie mit der Elektroindustrie und der nicht mehr konkurrenzfähigen Textilindustrie. Gera verlor über 30.000 Einwohner, sie demonstrierten damals mit Pappsärgen gegen die Treuhand.

Proteste gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in Gera.
Bild: Wolfgang Diekamp

Seit 30 Jahren sucht die Stadt einen Neuanfang, einen Neustart – zumindest einen Halt. Als Beobachter von außen erscheinen einem diese Bemühungen wie das Stochern in einem lauwarm gewordenen Essen. Gera sollte Einkaufsstadt sein.

Projekt "Neue Mitte": Das Zentrum von Gera soll weiter entwickelt werden.
Bild: Michael Schreiner

Das alte Interhotel wurde abgerissen, die wuchtigen "Gera-Arcaden" kamen – und ein weiteres Einkaufszentrum noch dazu. Folge: viele Geschäfte in der Innenstadt machten dicht, ganze Straßenzüge verödeten. Dann wurde die Otto-Dix-Stadt Gera ausgerufen. Mit dem berühmten Maler (1891 – 1969), in dessen Geburtshaus im Ortsteil Untermhaus ein Museum eingerichtet wurde, sollte die Kultur neuer Leitstern werden. Tatsächlich hat Gera ein erstaunlich reiches Kultur-Angebot. Thüringens einziges Fünfsparten-Theater in einem prachtvollen Jugendstilbau, viel Bauhaus-Erbe, die Sammlung Otto Dix, ein Museum für Angewandte Kunst, ein Stadtmuseum, Musikschule, eine Kunstbiennale in den berühmten Geraer "Höhler"-Bierkellern und und und. Die nächste Oberbürgermeisterin aber ließ die Otto-Dix-Stadt verkümmern und rief die "Hochschulstadt" Gera aus.

Otto Dix in Gera? Überall.
Bild: Michael Schreiner

Der neue Oberbürgermeister, parteilos, will jetzt aber wieder das Pferd Kultur satteln. Gera bewirbt sich wie sieben weitere deutsche Städte als Europäische Kulturhauptstadt 2025. Gefundenes Fressen fürs "Fettnäppchen" und sein aktuelles Programm "Unterm Rathaus brennt noch Licht! Was ist los in dieser Stadt?". Die Vorstellung an einem Mittwoch ist gut besucht. 17 Uhr Beginn. "Das mögen die älteren Leute, dann sind sie um sieben daheim", sagt Eva-Maria Fastenau am Schminktisch. Gera gilt als überaltert, als Rentnerstadt. Das "Aussterben" ist ein Dauerthema im Kabarett am Markt. 15 Prozent Sozialhilfeempfänger.

Das "Fettnäppchen" mit seinem aktuellen Programm "Unterm Rathaus brennt noch Licht! Was ist los in dieser Stadt?".
Bild: Michael Schreiner

"Kulturhauptstadt? Wir brauchen Größeres. Die Olympischen Spiele nach Gera!" Und dann die Frage ins Publikum: "Glaubt hier jemand, dass Gera ne Kulturstadt ist? Zur Kultur gehört auch Sprache, Bildung …" Das klingt bitter – und ist auch so gemeint. "Da wurde eine Frau zur Oberbürgermeisterin gewählt, weil sie gegen ein Kunsthaus und gegen die Otto-Dix-Stadt war. Und die selben Leute wollen jetzt, dass Gera Kulturhauptstadt wird?"

Denn die Verhältnisse, sie sind nicht mehr so sicher wie einst. Zu DDR-Zeiten, als das "Fettnäppchen" wie alle anderen sozialistischen Staats-Kabaretts eine geduldete Ventilfunktion innehatte, war man ausgebucht. Die Kabarettisten aus Gera waren reine Darsteller, die Fremdtexte einstudierten. Künftig müssen sie alles selber machen: Texte schreiben, Regie führen, sich um Ausstattung, Technik und Organisation kümmern.

Aufführung im "Fettnäppchen" mit Eva-Maria Fastenau (rechts).
Bild: Wolfgang Diekamp

Holger Peter Saupe ist sozusagen der dienstälteste Weggefährte von Otto Dix in Gera. 1988, noch zu DDR-Zeiten, hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kunstsammlungen angefangen, die er seit nunmehr 15 Jahren leitet. Saupe, Jahrgang 1960, ist ein leicht zerknittert aussehender Mann, dessen Offenheit und Begeisterungsfähigkeit über alle Rückschläge hinweg wach geblieben sind.

Für die Kultur: Museumschef Peter Saupe.
Bild: Michael Schreiner

Wir sitzen in einem Bäckerei-Café und reden über Gera und die Kultur. Auf dem kurzen Weg von der Orangerie, wo eine der beiden Otto-Dix-Präsentationen Geras zu sehen ist, hat Saupe das originelle Eiscafé gegenüber gelobt ("Fräulein Claras Eis", wo eine lange Schlange ansteht) und sich über die wunderbare Form der Kastanienblätter zu seinen Füßen gefreut.

"Ihr habt noch mehr Chancen, als Otto Dix sie hatte."

Museumschef Saupe

Holger Peter Saupe hat schwere Zeiten hinter sich. Als die Stadtwerke-Holding Geras spektakulär pleite ging, musste die völlig überschuldete Stadt jahrelang einen extremen Sparkurs fahren – natürlich vor allem zulasten der "freiwilligen Leistungen" – also der Kultur. Das eigentlich geplante spektakuläre Kunsthaus in der ehemaligen Landeszentralbank, ein Leuchtturmprojekt für Dix, "war nicht mehr durchsetzbar", sagt Saupe. "Schade, das wäre toll geworden." Gera, meint der Museumschef, habe es nie geschafft, ein konsequentes Marketing für die Kultur durchzuhalten. Städte wie Chemnitz und Leipzig zogen vorbei. Immerhin habe man es in Gera geschafft, trotz aller Krisen "die Grundsubstanz zu halten". Ein Hochwasser zwang zur Schließung der Orangerie über vier Jahre. "Ohne Gelder aus dem staatlichen Hochwasserfonds wären wir heute noch zu", sagt Holger Saupe.

"Kultur ist immer gut für Offenheit und Toleranz", sagt Saupe.
Bild: Michael Schreiner

Welche Rolle spielt die erstaunlich breite Aufstellung von Kulturangeboten in Gera für das Stadtleben? "Kultur", meint Saupe, "hat einen hochgradig zivilisatorischen Aspekt". Deshalb lohne es sich, dafür zu kämpfen. Die harten letzten Jahre, so sieht es der Museumschef, haben die Kulturmacher in Gera eher näher zusammenrücken lassen. "Wir haben uns gegenseitig gebraucht." Saupe spricht von einer "Allianz" und blickt aus dem Fenster auf die Straße. "Kultur ist immer gut für Offenheit und Toleranz." Man könne von Künstlern etwas lernen: Wagnis, Risikobereitschaft. Der Geraer sei eher spröde, skeptisch, zweifelnd. Deshalb freue er sich, wenn er bei Kinderführungen durch die Otto-Dix-Sammlung sagen kann: "Ihr habt noch mehr Chancen, als Otto Dix sie hatte, euch stehen alle Wege offen! Dix zeigte, dass man die Möglichkeiten, die man im Leben hat, nutzen kann. Geht euren Weg." Saupe ist ein Mutmacher, den die Abwinker und Verzagten noch nicht aufgerieben haben.

Gera, das von einer Stadtratsmehrheit der Linken zu einer der AfD umgeschwenkt ist, sucht seinen Weg noch. Im "Küchengarten", dem Park vor der Orangerie, lobt Holger Peter Saupe noch einmal den Schwung und den Schub, den die Bundesgartenschau 2008 der Stadt gebracht habe. Vorübergehend.

"Im Grunde kommt es darauf an, den Menschen face to face zu begegnen."

Pfarrer Beutel

Einer, der mit 83 noch Dinge in Bewegung setzen will, ist Franz Beutel. Ich treffe ihn in der Gagarinstraße in einem evangelischen Gemeindezentrum, das der Pfarrer im Ruhestand unter schwierigen Bedingungen einst in der SED-Bezirkshauptstadt aufgebaut hat. Unten im Keller ist heute das "Cafe Global 26", wo Beutel mit 20 Mitstreitern des 2015 von ihm gegründeten "Freundeskreis für Flüchtlinge in Gera" mit Migranten Deutsch paukt.

In Gera sind viele Flüchtlinge aus Syrien, aber auch aus Afrika. "Im Grunde kommt es darauf an, den Menschen face to face zu begegnen", sagt Beutel mit einem feinen Lächeln. "Gewisse Unsicherheiten und Ängste, Vorbehalte auch gegen alles Fremde" – das gebe es natürlich in Gera. Es gelte, solche Stimmungen sensibel zu begleiten. Franz Beutel sieht "ein halbwegs normales Nebeneinanderherleben" in seiner Stadt und hält es zumindest für einen Erfolg, dass "die Atmosphäre insgesamt unbedenklich" sei – auch wenn es Leute aus der AfD gebe, die Probleme "herbeireden wollen".

Ein Mann für die Verständigung: Pfarrer Franz Beutel.
Bild: Michael Schreiner

Im leeren Gemeindesaal hallt die Stimme des Pfarrers laut wider, als er unvermittelt grundsätzlich wird. "Mein Eindruck ist: Ganz viele gelernte DDR-Bürger haben eine Kurve nicht gekriegt – sie haben Dankbarkeit nicht gelernt." In 30 Jahren hätten sich die Leute so "an Dinge gewöhnt, die so viel besser sind als das, was wir hatten, dass wir gar nicht daran denken, dankbar zu sein." Gleichwohl, und das ist dem Pfarrer wichtig, gebe es Gründe für die Gemütslage. Gera habe gewaltige wirtschaftliche Verluste erlitten, ja es habe sogar "Wirtschaftsverbrechen" gegeben nach der Wende. "Bei alledem hat man nicht an die Identität der Leute vor Ort gedacht."

Diese Verletzungen wirkten fort, weshalb Franz Beutel, gelernter Orgelbauer, sich freut über Geras Ambition, Kulturhauptstadt zu werden. "Wenn das Wunder geschehen sollte, dass Gera den Zuschlag bekommt – das wäre großartig". Gut fürs Selbstwertgefühl. Das leidet – zumal die andere Vierbuchstaben-Stadt in der Nachbarschaft, Jena nämlich, so viel erfolgreicher dasteht.

Steht bis heute: Das Kultur- und Kongresszentrum aus DDR-Zeiten.
Bild: Michael Schreiner

Am Abend geben der Filmregisseur Andreas Dresen und Schauspieler Alexander Scheer mit ihrer Band ein Konzert im "Comma", einem Kulturzentrum in Gera. Sie spielen Lieder von Gundermann, dem Musiker, der als Baggerfahrer im Braunkohletagebau in der DDR eine authentische, populäre Figur war. Dresen hat sein Leben verfilmt, mit Scheer als Gundermann. Deutscher Filmpreis. Der Saal ist voll. Vielleicht sind auch ein paar Rentner darunter, die meisten aber sind jünger. Die Leute können jede Zeile mitsingen.

Der ostdeutsche Liedermacher Gerhard Gundermann bei einem Auftritt in Cottbus.
Bild: Rainer Weisflog, dpa (Archiv)

Gundermann, der 1998 mit 43 starb, war auch IM bei der Stasi, wie nach der Wende herauskam. Eine widersprüchliche Persönlichkeit, einer, dessen DDR-Biografie nicht blütenweiß und nicht pechschwarz, aber wahrhaftig und "echt" war. In Gera verstehen sie das nicht nur, sie fühlen es mit jedem Takt, jeder Zeile von "Gundi", dem Proletarier und Poeten, der nach der Wiedervereinigung populärer war denn je im Osten. Gundermann hat weitergemacht, er ist sich treu geblieben bis zuletzt.

"im herzen asche in den adern alkohol"

Liedermacher Gundermann

1992 besang Gundermann seine Grube "Brigitta". Der Text:

 

ich wurde bergmann wie mein vater und fuhr ein

aber mein sohn wird hier kein bergmann mehr sein

die gleise rosten und das förderband ist leer

die braune kohle von hier will jetzt keiner mehr

 

ich war\’n bergmann weiter hab\’ ich nüscht gelernt

ich hab dieses land in jedem winter treu gewärmt

die lunge ist wien sack mit kohlebrocken voll

im herzen asche in den adern alkohol

 

ach meine grube brigitta ist pleite

und die letzte schicht lang schon verkauft

und mein bagger der stirbt in der heide

und das erdbeben hört endlich auf

 

ich war\’n bergmann langsam geh ich durchs revier

die frau will wegziehen aber ich bin angebunden hier

gehör dazu wie aufm fensterbrett der staub

ein jeder baum trägt meinen steckbrief unterm laub  

Was hat Michael Schreiner auf seiner Reise in den Osten gelernt? Im Video verrät er es.
Video: Axel Hechelmann

Unser Special "30 Jahre Mauerfall": Alle Artikel finden Sie hier in der Übersicht.

Schreiner.jpg