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Sport

09.11.2019

Dynamo Dresden: Wie der Osten seine Fußball-Seele verkaufte

Das gehört zur Dresdner Fankultur: Dynamo-Anhänger zünden Pyrotechnik.
Bild: Bernd Thissen, dpa

Plus Dynamo Dresden war in der DDR einer der erfolgreichsten Fußballvereine. Nach der Wende folgte wie bei vielen anderen Ost-Klubs der Absturz. Was macht das mit den Fans?

Diese Geschichte beginnt am Dresdner Elbufer im Jahr 1989. Kurz vor Weihnachten hielt Helmut Kohl, der erst eineinhalb Monate zuvor zum Kanzler der Einheit geworden war, eine Rede vor DDR-Bürgern, die bald BRD-Bürger sein würden. Es war die Zeit der großen Hoffnungen und der blühenden Landschaften. An diesem Dezemberabend in Dresden erreichten Kohl die ersten Misstöne. Einige Funktionäre des damaligen DDR-Meisters Dynamo Dresden wandten sich an den Kanzler und beklagten einen Ausverkauf ihrer Mannschaft. Bayer Leverkusen hatte sich die drei besten Spieler des Ost-Klubs gesichert: Torjäger Ulf Kirsten, der aktuelle Fußballer des Jahres Andreas Thom und der Kapitän der DDR-Mannschaft, Matthias Sammer, hatten Verträge beim Werksklub unterschrieben.

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Calmunds Methoden "ein bisschen forsch"

Der damalige Manager Reiner Calmund hatte das Trio noch während des letzten Länderspiels der DDR über einen Unterhändler kontaktieren lassen, der sich als Fotograf akkreditiert und damit Zugang zur Ersatzbank der Mannschaft hatte. Calmund gibt heute zu, dass die Methoden damals "ein bisschen forsch waren". Das sah die Dynamo-Delegation ähnlich. Ihr Vorwurf: Das Vorgehen würde der westdeutschen Bayer AG als Sponsor und Namensgeber des Vereins nicht gut zu Gesicht stehen. Tatsächlich kontaktierte Kohl daraufhin den Vorstand des Konzerns, der wiederum bei Calmund vorstellig wurde. Am Ende war der Transfer von Sammer zu Leverkusen geplatzt, statt zu Bayer ging es für ihn zum VfB Stuttgart.

Ein Kanzler, der höchstpersönlich den Wechsel eines Spielers stoppt – das ist eine von vielen kuriosen Geschichten einer wilden Wendezeit. Und eine, die das vergebliche Bemühen zeigt, eben jenen Ausverkauf eines Fußballvereins zu verhindern. Dynamo Dresden, einer der erfolgreichsten und populärsten Vereine der DDR, verlor nach der Wende die halbe Mannschaft – und stürzte genauso ab wie alle anderen Ost-Klubs. Anfang der 2000er wurde der Verein sogar bis in die viertklassige Oberliga durchgereicht.

Aktuell, 30 Jahre nach dem Abend mit Kohl am Elbufer, spielt Dynamo zwar in der zweiten Liga, kämpft aber auch dort um den Klassenerhalt. In der Bundesliga gibt es mit Union Berlin und RB Leipzig nur zwei Klubs aus den neuen Bundesländern. Der 1. FC Magdeburg, ein anderer Traditionsklub der DDR, ist im Sommer in Liga drei abgestiegen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch bei der liebsten Nebensache der Deutschen ist die Republik zweigeteilt. Ist das am Ende einer der Gründe dafür, warum sich Ost und West bis heute nicht richtig verstehen? Vom Europapokal ganz nach unten – was macht das mit den Fans eines Vereins, der heute mit rund 23.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine der Republik ist?

Die Fußballer wollten in den Westen – das war der Niedergang für den Osten

Gunter A. Pilz ist einer der renommiertesten Fanforscher des Landes. Er ist überzeugt: "Was damals passiert ist, wirkt bis heute nach." Dresden sei eines der prominentesten, aber beileibe nicht das einzige Beispiel. "Die West-Klubs haben sich schnell auf die besten Spieler gestürzt und den Vereinen damit die wirtschaftliche Existenz genommen." Dass der Lieblingsklub nach der Wende in der Versenkung verschwindet – für Pilz ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor: "Hier geht ein großes Stück an Identität verloren." Vorbehalte gegen West-Klubs seien bei Teilen der Dynamo-Fans bis heute zu spüren, sagt Pilz – schließlich witterten deren Manager ebenso wie manch anderer die schnelle Mark im Osten. "Wenn man zur Wendezeit etwas behutsamer vorgegangen wäre, hätte man dafür sorgen können, dass diese Strukturen erhalten bleiben."

Bernd Schneider glaubt an gute Chancen für das DFB-Team. Foto: Achim Scheidemann dpa
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Diese Fußballer haben ihre Wurzeln in der DDR

Ob die Ost-Klubs tatsächlich eine Chance hatten – davon ist Sven Geisler nicht überzeugt. Der 53-Jährige ist Sportredakteur bei der Sächsischen Zeitung in Dresden und berichtet seit 20 Jahren über Dynamo. Dass die West-Klubs die alleinige Schuld haben am Niedergang der Ost-Klubs, das sieht Geisler anders. Auch bei Dynamo sei das Problem hausgemacht gewesen: "Nicht die Calmunds haben diesen Verein damals überrollt – die Spieler wollten weg. Die wollten damals alle zu den West-Klubs."

Dass die Spiele der BRD-Bundesliga auf der anderen Seite der Grenze intensiv verfolgt wurden, war ebenso kein Geheimnis wie die Gehälter, die im Westen gezahlt wurden. Kirsten und Thom etwa verdienten in Leverkusen je eine knappe halbe Million D-Mark – damals eines der Spitzengehälter, auch wenn heute jeder Erstligakicker darüber lachen würde. Jahrelang waren immer wieder Fußballer aus der DDR in den Westen geflohen, hatten ihr Leben riskiert und ihre Freunde verlassen, waren als Verräter gebrandmarkt worden – doch nun war diese Hürde gefallen.

Uli Hoeneß (links) gegen Eduard Geyer im Europapokal der Landesmeister 1973.
Bild: Imago Sportfotodienst

Am Vorgehen von Bayer Leverkusen findet Geisler nichts Problematisches: "Die Wechsel waren keine Geschenke, keine Schnäppchen." Alleine für Thom zahlte Leverkusen drei Millionen Mark – laut Calmund "die bis dahin mit Abstand höchste Ablöse Leverkusens". Zudem war Dresden einer von zwei Ost-Klubs, die nach der Wende in der Bundesliga starten durften. Woran lag es also, dass Dynamo ins Bodenlose fiel? Geisler glaubt: "Die Mechanismen waren nicht bekannt. Es war eine große Portion Naivität dabei." Reihenweise fiel man auf falsche Versprechungen herein, zugleich musste zum Beispiel das Stadion auf Bundesliga-Anforderungen gebracht werden. Ein Schuldenberg häufte sich an. "Am Ende stand man permanent unter finanziellem Druck – und unter diesem Druck trifft man keine guten Entscheidungen."

"Entweder man liebt oder man hasst Dynamo"

Eine dieser Entscheidungen war es, im Jahr 1993 Rolf Jürgen Otto zum Präsidenten zu wählen. Der Kneipier, Boxveranstalter und Bauunternehmer aus Hessen war einer derjenigen, die wegen der schnellen Geschäfte in den Osten gekommen waren. Der polternde Otto brachte eine ganze Entourage an zwielichtigen Gestalten mit. Er rettete dem Klub anfangs zweimal die Lizenz, gab ihn aber auch regelmäßig mit Wutanfällen und Großspurigkeiten aller Art der Lächerlichkeit preis. Im August 1995 musste Otto wegen Insolvenzverschleppung und vorsätzlichem Bankrotts in den Knast. Zu diesem Zeitpunkt war Dynamo bereits aus der Bundesliga abgestiegen und wegen der maroden Finanzen direkt in die Regionalliga durchgereicht worden. Der Traum von der Bundesliga – er endete im Fiasko.

Rolf Jürgen Otto war einer derjenigen, die wegen der schnellen Geschäfte in den Osten gekommen waren.
Bild: Matthias Hiekel, dpa

Im Jahr 2019 hat der Verein langsam Boden gutgemacht. Seit vier Jahren spielt er wieder in der zweiten Liga. Einer, der seit Februar 2019 dabei ist, ist Patrick Mölzl. Der ehemalige Spieler des FC Augsburg ist Co-Trainer. Mölzl ist in München geboren und hat die größte Zeit seiner Fußballer-Karriere in Süddeutschland verbracht. Die Sogwirkung, die der Klub hat, wirkt auf ihn beeindruckend. Der 38-Jährige erzählt: "Sobald du nur im Großraum Dresden bist, wirst du mit Dynamo konfrontiert. Jede Brücke, jedes Verkehrsschild hat einen Aufkleber." Die Begeisterung, die die Dresdner ihrem Klub entgegenbringen, sei extrem: "Die Menschen hier lieben ihren Verein. Die positiven Ausschläge sind ebenso extrem wie die negativen. Vielleicht hört es sich etwas extrem an, aber ich glaube: Die würden auch für ihn sterben."

Wer zu Pegida ging, war nicht selten Dynamo-Dresden-Fan

Kaum ein anderer Verein hat eine Fanszene, die so leidensfähig ist: Wer es mit Dynamo hält, hat Insolvenzen und Abstiege, Notvorstände und andere Demütigungen überstanden. Dass der Klub als schlafender Riese gilt, kann Mölzl aber nicht nachvollziehen: "Eine große Fankultur ist kein Grund, warum man erfolgreicher sein müsste als andere Vereine."

Allerdings hat Dresden auch ein Problem mit einem Teil seiner Anhänger. Es gibt Schmähplakate gegen andere Klubs und den DFB, die die Grenze des guten Geschmacks regelmäßig überschreiten. Das Image der Dynamo-Fans war bis vor einigen Jahren noch miserabel, was auch an einem Problem mit rechtsextremen Tendenzen liegt. Vor allem mit dem Abstieg in die Niederungen des Fußballs mehrten sich die Radikalen und offen Fremdenfeindlichen. Der Einfluss dieser Gruppe ist bis heute spürbar.

Ein Banner mit der Aufschrift "Lügenpresse" hängt am Dresdner Fanblock.
Bild: Robert Michael, dpa

Bei den Demonstrationen gegen Flüchtlinge im Jahr 2015 war mancherorts das Dynamo-Logo zu sehen. Wer zu Pegida ging, war nicht selten auch im Dynamo-Fanblock zu finden. Dresden gehört zum AfD-Kernland: Bei der Bundestagswahl 2017 lag die Partei mit 22,5 Prozent nur knapp hinter der CDU. Allerdings gilt Dynamo auch als Beispiel für einen Klub, der rechten Tendenzen entgegensteuert und Stellung gegen rechts bezieht: 2015 lud Dresden Flüchtlinge zu einem Heimspiel ein, seit 2010 gibt es einmal im Jahr eine Menschenkette in der Innenstadt. Im Jahr 2006 gründete sich nach einem rassistischen Vorfall im Dynamo-Stadion die Faninitiative "1953international", die sich mit Unterstützung des Vereins gegen rassistische Tendenzen wehrt.

Fanforscher Pilz sagt: "Es gibt hier eine durchaus aktive rechte Szene, doch der Verein hat sich dieser Problematik gestellt. In dem Verein ist eine nachvollziehbare Besserung eingetreten." Auch innerhalb der Stadt sieht man den Verein kritisch, sagt Journalist Geisler. Vor allem die jahrelangen internen Querelen und die Ausraster der Fans hätten das Image beschädigt. Wer aber zum Klub hält, tut das bedingungslos. "Entweder man liebt oder man hasst Dynamo." Dazwischen gebe es nichts – wie immer bei diesem Verein.

Unser Special "30 Jahre Mauerfall": Alle Artikel finden Sie hier in der Übersicht.

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, stellt unsere große Sonderbeilage zu 30 Jahren Mauerfall in Print und Digital vor. Diese Geschichten finden Sie darin.
Video: Axel Hechelmann
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