Shane Pitter hatte sich gefreut. 2021 war er gefragt worden, ob er Interesse an Olympischen Spielen hätte. Natürlich hatte er. Konnte ja keiner ahnen, worum es letztlich gehen würde. Pitter ist Sprinter und Weitspringer, Sportarten, die in Jamaika weitverbreitet sind. Usain Bolt ist der Weltrekordler über 100 und 200 Meter, auch Shelly-Ann Fraser-Pryce ist weltbekannt. Was also soll schiefgehen? Olympia? Natürlich. Zumal Pitter ein Talent ist. Im Weitsprung und im Sprint.
Pitter also war zuversichtlich. Ebenso Junior Harris. „Es war immer mein Traum, Olympionike zu werden“, sagt der 21-Jährige. In der Leichtathletik. Als Nachfolger von Bolt. Auf 100 Metern rennt Harris 10,32 Sekunden, eine starke Zeit. In Deutschland würde er zur Spitze gehören, in Jamaika ist er einer von vielen. Und doch ist er jetzt bei Olympia dabei. Allerdings anders als erwartet.
Pilot Pitter und sein Anschieber Harris stehen im Cortina Sliding Center. Am Ende der Bobbahn also. Sie sind umringt von Journalisten. Kalt ist es, die beiden frieren. Gerade sind sie aus ihrem Bob gestiegen und blicken auf die Berge um sie herum sowie die Bobbahn. Sie sind bei Olympia, sie sind stolz darauf. Aber eben nicht in der Leichtathletik.
Shane Pitter musste lange Geduld haben
Als Pitter 2021 gefragt worden war, ging es nicht um Olympische Sommerspiele. Der Mann, der ihn ansprach, suchte ein Bobteam für die Winterspiele 2026. Bob? Schnee? Kannte Pitter nicht, der auf Jamaika Fischer ist. Er rief dennoch lautstark ja, er sei bereit. Lange musste er warten, bis der ersehnte Anruf mit der Zusage kam.
Seine Mutter sagte ihm immer wieder, er müsse Geduld haben. Zwei Monate dauerte es bis zum erlösenden Telefonat. Pitter war ausgewählt von Ronaldo Reid, einem ehemaligen Bobfahrer, der eine neue Mannschaft zusammenstellte. „Cool runnings“ reloaded sozusagen.
Durch diesen Film war die Bobmannschaft Jamaikas berühmt geworden, die 1988 in Calgary angetreten war. Pitter kannte die Geschichte lange nicht. Genauso wenig wie den Bobsport. „Was ist das?“, fragte er damals. Die Antwort klang angsteinflößend. „Eine kleine Kiste, die man den Hügel runterschiebt, dabei schnell rennt, reinspringt und herunterfährt.“ Pitter wagte es trotzdem. Mittlerweile hat er auch den Film geschaut. Als Inspiration, aber auch als Motivation. „Wir wollen es besser machen“, sagte der 26-Jährige.
Erstmals saß er 2022 in Lake Placid im Bob. Viermal stürzte er bei der ersten Fahrt, es war eine niederschmetternde Erfahrung. Zurück in Jamaika schwor er sich, es künftig besser zu machen. Er sah sich Videos anderer Fahrer an, er lernte schnell. Er fühlte sich bereit und machte Fortschritte.
Bob Jamaika war schneller als Brasilien oder Israel
In Jamaika gibt es kein Eis, keinen Schnee, keine Bobbahn. Aber schon wieder ein Team. Wie 1988, oder zuletzt vor vier Jahren in Peking. Die beste bisherige Olympia-Platzierung für ein Bobteam aus Jamaika war Rang 14.
Im Zweierbob fuhren Pitter und Harris zu Wochenbeginn hinterher. Aber sie waren immerhin schneller als die Konkurrenz aus Trinidad und Tobago, Brasilien oder Israel. „Es ist unser olympisches Debüt, wir haben keinen Druck“, sagt der 21-jährige Harris. Am Samstag und Sonntag treten die beiden mit zwei weiteren Teamkollegen im Viererbob an. Da seien sie stärker, so Harris. Weil sie schnell beim Anschieben seien und viel Gewicht mitbringen.
Pitter hat sich stetig entwickelt. Er hat sich nicht entmutigen lassen. Von keinem Sturz, keinem Rückschlag. Im November vergangenen Jahres stand er im Viererbob im Nord-Amerika-Cup ganz oben auf dem Podest. Erstmals. Der Wettbewerb ist vergleichbar mit dem in Europa zweitklassigen Europacup. Achtmal hat er mittlerweile dort Gold gewonnen, erzählt er stolz. Im Weltcup ist er noch nie angetreten. Das soll sich ändern, deshalb will Bob Jamaika den nächsten Winter in Europa verbringen. In der Nähe der Bobbahnen, um bessere Trainingsmöglichkeiten zu haben.
Sein Ziel ist klar: „Wir wollen bei Olympia gewinnen“, sagt Pitter. Im Idealfall schon in vier Jahren in Frankreich. Pitter, der Sprinter und Weitspringer ist, weiß, dass der Weg weit und die Konkurrenz groß ist. Die Stimmung aber sei gut, der Optimismus groß. Ebenso die Unterstützung. Wo Bob Jamaika hinkommt, warten die Fans. Sie wollen Bilder und Autogramme.
Auch in der Heimat fiebern die Menschen mit. „Sie schauen unsere Rennen“, erzählt Junior Harris. Ihre Landsleute wollen sie stolz machen. Womöglich auch Usain Bolt, den sie schon häufiger beim Training beobachtet haben. Ihren Olympia-Traum jedenfalls haben sie sich erfüllt – wenn auch anders als zunächst gedacht.
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