Lindsey Vonn weiß, wie es funktioniert. Immer. Die US-Amerikanerin hat ein Gespür, wonach die Öffentlichkeit lechzt. Nach Unterhaltung. Auf der Skipiste, aber auch daneben. Dafür ist die 41-Jährige wie gemacht. Auch jetzt noch, auf den wohl letzten Metern ihrer Karriere.
Als die Ski-Welt 2018 davon ausgegangen war, dass die Olympischen Spiele in Südkorea Vonns olympischer Abschied wären, war im Vorfeld ein riesiger Saal für sie reserviert worden. Wie in einem Kino sah es dort aus, die Sitzreihen gingen steil nach oben. Vonn saß unten auf dem Podest und lieferte. Sie bot eine Show und hatte ihren Hund Lucy dabei. Sie unterhielt im besten Sinne. Auf der Piste holte sie später Bronze in der Abfahrt. Acht Jahre zuvor hatte sie sich in Vancouver Gold gesichert.
Lindsey Vonn könnte ein Superstar dieser Spiele in Mailand und Cortina werden. Sie könnte bei ihrem erneuten Comeback tatsächlich ganz vorne mitfahren – trotz ihrer Teilprothese im rechten Knie. Die vergangenen Wochen haben Hinweise darauf geliefert, dass sie auch bei Olympia eine Medaillenkandidatin ist.
Kreuzbandriss soll Lindsey Vonn nicht stoppen
Bis zum schweren Sturz vor wenigen Tagen in Crans-Montana. Vonn verletzte sich am linken Knie, es soll ein Kreuzbandriss sein. Die US-Amerikanerin aber will in Cortina dennoch starten, sie ist überzeugt davon, am Sonntag (11.30 Uhr) in der Abfahrt am Start zu stehen. So ein Kreuzbandriss kann sie doch nicht stoppen.
Olympia sei noch immer ihr großer Traum, hatte sie im Vorfeld der Spiele gesagt. Noch vor ihrer schweren Verletzung. Gerade die Abfahrt in Cortina reize sie. Weil Olympia endlich wieder auf einer Traditionsstrecke angekommen ist. Olympiasiegerin in Cortina d‘Ampezzo klingt anders als in Pyeongchang oder Peking. Vonn weiß das. Sie will sich ihren letzten großen sportlichen Traum erfüllen. Aber kommt es auch dazu?
Beim Training am Freitag war Vonn dabei, mit der Startnummer 10. Immer wieder musste jedoch die Einheit unterbrochen werden, Nebel zog über die Strecke. Am frühen Nachmittag aber ging es weiter. Vonn zeigte eine stabile Leistung, das Knie scheint zu halten.
Eine junge deutsche Skirennfahrerin könnte die US-Amerikanerin ärgern. Emma Aicher hat mit ihrer Unbekümmertheit in diesem Winter schon mehrfach auf sich aufmerksam gemacht. Hat gezeigt, dass sie gewinnen kann. In dieser Saison war sie bei einer Abfahrt und einem Super G die Schnellste. Groß reden möchte sie darüber nicht. Die 22-Jährige schweigt lieber, sagt nur das Nötigste. Dass sie etwa „einfach gut Skifahren“ möchte.
Aicher ist das genaue Gegenteil von Vonn. Introvertiert, mehr mit sich selbst statt mit der Öffentlichkeit beschäftigt. Dabei hat die 22-Jährige alles, um ein Superstar zu werden. Sie ist eine Allesfahrerin, auch in den technischen Disziplinen kann sie vorne dabei sein. Weil sie ein besonderes Gefühl für die Skier hat. Weil sie genau weiß, was es braucht. Sie fährt nicht zu brachial, attackiert nicht mit letztem Nachdruck. Sie drückt die Skier aber so präzise in den Schnee, dass sie immer Geschwindigkeit aufnehmen kann. Eine Qualität, die sie mit Vonn eint.
Es könnte zum Duell der Generationen kommen. Darüber aber macht sich Aicher keine Gedanken. Sie will Spaß haben, will sich stetig verbessern. Ehrgeizig aber ist sie. Läuft es nicht, kann sie vor Enttäuschung hemmungslos weinen. Wie zuletzt nach ihrem Aus beim Nachtslalom in Flachau.
Auch Weidle-Winkelmann könnte überraschen
Aicher ist die deutsche Medaillenhoffnung. Auch Kira Weidle-Winkelmann hatte zuletzt aufsteigende Form. 2021 war sie in Cortina Vize-Weltmeisterin geworden, ihr könnte die Strecke mit dem Tofana-Schuss gleich zu Beginn liegen. Eine Medaille pro Geschlecht ist das Ziel des Deutschen Skiverbands (DSV). Vielleicht kann Aicher ja gleich zu Beginn liefern. Andererseits weiß sie, dass Vonn nie zu unterschätzen ist. Auch nicht mit einem vermeintlichen Kreuzbandriss. „Die Lindsey ist immer schnell, die kann man nicht abschreiben, wenn sie am Start steht“, sagte Aicher.
Sollte es sich für die 22-Jährige nicht gleich in der Abfahrt ausgehen, hat sie im Super G und Slalom weitere gute Chancen. Erstmals gibt es bei diesen Winterspielen zudem eine Teamkombination, in der zwei Athletinnen antreten. Eine in der Abfahrt, eine im Slalom. Aicher kann beides, was Cheftrainer Andreas Puelacher vor eine schwere Entscheidung stellen könnte. Lässt er am Dienstag Aicher im Slalom mit Kira Weidle-Winkelmann oder als Abfahrerin mit Lena Dürr ran?
Emma Aicher bleibt da ganz pragmatisch. Wie immer. Als sie gefragt wurde, welche Disziplin sie in Cortina d‘Ampezzo favorisiere, sagte sie einen typischen Aicher-Satz: „Ich fokussiere mich auf das Skifahren. Ich will einfach zeigen, was ich kann.“ Und das im Idealfall gleich am Sonntag im Duell mit Lindsey Vonn.
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