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Rätselhafte Orte

10.07.2017

Die Erdställe: Das Geheimnis der alten Gänge unter Kissing

Menschen haben die Erdställe in den festen Sand des Kissinger Untergrunds gegraben. Ob vor 1000 Jahren oder vor noch viel längerer Zeit weiß keiner genau.
Bild: Gönül Frey

In Kissing gibt ein jahrhundertealtes Tunnelsystem Rätsel auf. Keiner weiß, wer die Erdställe gebaut hat.

Ganz aus Sand bestehen die Erhebungen im alten Ortsgebiet von Kissing. Vor rund 1000 Jahren haben Menschen hier ein umfangreiches Höhlensystem gegraben. Über den Zweck rätseln die Wissenschaftler heute noch. Lange Zeit wussten die Kissinger gar nichts von dem Mysterium, das sich unter ihren Häusern und Kirchen verbirgt. Erst im 19. Jahrhundert wurden die ersten Gänge entdeckt - durch Zufall. Sie waren die Sensation im Ort: Jung und Alt sei durch die frisch entdeckten Höhlen gerobbt, berichtet Hanns Merkl, Coautor des Kissinger Heimatbuches. Aus München reisten sogar die königlichen Ingenieure an, um die unterirdischen Anlagen zu vermessen. Fünf Höhlensysteme wurden gefunden: am Petersberg, Kirchberg, Katzensteig, Fuchsberg und bei Gut Mergenthau.

Wie alt sind die Erdställe?

Die Gänge, die von den Fachleuten als „Erdställe“ bezeichnet werden, haben sehr spezielle Eigenschaften. Sie verengen sich immer wieder zu Schlupflöchern, die das Durchkommen erschweren und sie sind - wie bei ähnlichen Anlagen in anderen Orten fundleer. Entsprechend ist eine genaue Datierung schwierig. Sie könnten jedoch nach Meinung der Wissenschaftler ab dem 10. Jahrhundert entstanden sein. Manche vermuten die Ursprünge sogar noch weit früher.

Warum es die Gänge gibt, ist unklar

Zuletzt hat sich in Kissing ein Forscherteam vom Institut für Geografie an der Uni Augsburg unter Leitung von Dr. Markus Hilpert mit den Erdställen befasst. Sie haben die Gänge unter dem Petersberg vermessen und ein dreidimensionales, digitales Geländemodell erstellt. An besonders engen oder gefährlichen Stellen war dafür ein Roboter im Einsatz. Die Frage nach dem ursprünglichen Sinn der Erdställe kann auch Hilpert nicht beantworten. „Als Versteck taugt es nicht, die Kammern sind zu klein, für die Flucht auch nicht, denn viele Gänge enden in einer Sackgasse und als Lager sind die Gänge zu feucht“, sagte er während seiner Forschungen.

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Ein Fernsehteam des bayerischen Rundfunks begleitete die Wissenschaftler der Uni Augsburg bei ihrer ersten Vermessung. Mittlerweile darf außer den Forschern niemand mehr die Gänge betreten.
Bild: Anita Hilpert

Neben der Theorie von Flucht- oder Lagerräumen gibt es die Idee, dass die Erdställe einen kultischen Zweck erfüllten.

Für die Öffentlichkeit nicht zugänglich

In Kissing am besten zugänglich sind heute noch die Höhlen unterm Petersberg. Eine unscheinbare grüne Metalltüre verbirgt den Eingang. Sie ist mittlerweile allerdings immer verschlossen. Den Schlüssel dazu hat alleine der Kissinger Bürgermeister Manfred Wolf - und der lässt niemanden hinein. Zu groß sei das Risiko, meint er. Denn sollten die sandigen Höhlen über einem Besucher zusammenbrechen, wäre eine schnelle Bergung schier unmöglich. Tatsächlich sind die meisten Gänge dieser Art - laut dem Arbeitskreis für Erdstallforschung soll es in Bayern rund 700 geben - nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Forscher Markus Hilpert hat nach seiner Vermessung des Kissinger Erdstalls bereits viele weitere Anfragen erhalten. Er möchte jetzt ein Forschungsprojekt auf die Beine stellen, um noch weitere Höhlensysteme in Bayern zu erkunden.

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