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Schule

05.06.2019

Alles im Blick, aber wenig Ansehen

Richtig sauer wird Elisabeth Kern, wenn sie Sprüche hört wie: „Grundschullehrer haben vormittags Schule und nachmittags frei.“ Die Rektorin verwaltet, organisiert, improvisiert, unterrichtet – und ist Ansprechpartnerin für jeden.
Bild: Ulrich Wagner

Schulleitung Rektor einer Grundschule war man früher nebenher. Damals gab es keine Inklusion und keine Ganztagsbetreuung, dafür pflegeleichtere Kinder und Eltern. Über eine Karriere, die nur wenige anstreben

Friedberg Manchmal heißt Chef sein, für alle da und für alles zuständig zu sein. Wenn Elisabeth Kern morgens um sieben die Theresia-Gerhardinger-Grundschule in Friedberg betritt, ist ihr erster Gesprächspartner der Hausmeister: Ist irgendetwas kaputt? Funktionieren die Sonnenrollos wieder? Sind die Toiletten noch verstopft? Dann tauscht sie sich mit der Schulsekretärin aus, die schon Elternanrufe entgegengenommen hat und weiß, ob Lehrer sich kurzfristig krankgemeldet haben.

Anschließend bespricht sich Elisabeth Kern mit ihren vier Kolleginnen von der erweiterten Schulleitung und organisiert nebenbei den Vertretungsplan für die kranken Pädagogen. Sie beschäftigt den Praktikanten von der Fachoberschule, berät Referendare, die Probleme mit einzelnen Schülern haben. Dazwischen ruft ein Schulweghelfer an: Die Ampel ist kaputt – was soll er tun? Eltern liefern ihre Kinder ab und verbinden dies gleich noch mit einem spontanen Besuch bei der Schulleiterin. Die sollte sich, bis der Unterricht um acht beginnt, noch schnell an der Jahrgangsstufenbesprechung einiger ihrer Lehrkräfte beteiligen.

Es gibt Tage, an denen wundert sich Elisabeth Kern nicht, dass nur sehr wenige ihrer Kollegen bereit sind, die Leitung einer Grund- oder Mittelschule zu übernehmen. „Mit zunehmendem Alter wird das stetig belastender“, stellt die erfahrene Rektorin fest. Immer häufiger starte ihr Arbeitstag morgens um sieben und ende nach einem Elternabend, der um halb acht begonnen hat.

Alles im Blick, aber wenig Ansehen

Ihre Kollegin Petra Seibert hat erst unlängst in „viele erschöpfte Gesichter“ geblickt. Die Rektorin leitet in Passau eine Grund- und eine Mittelschule und ist Vorsitzende des Bayerischen Schulleiterverbandes (BSV), zu dessen Jahrestagung Anfang Juni über 100 Rektoren von Grund- und Mittelschulen ins Kloster Banz gekommen waren. Viele funktionierten einfach nur noch, konstatiert Seibert. 60 Prozent der Schulleiter gingen inzwischen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand. Früher habe ein Lehrer mit Organisationstalent eine Schulleitung nebenher gemacht. „Inzwischen ist das ein Vollzeitjob von der Früh bis auf die Nacht.“

Was nach Ansicht der Betroffenen vor allem am veränderten Aufgabenfeld der Schulleiter im Bereich der Grund- und Mittelschulen liegt. Die Inklusion nennt Petra Seibert als einen entscheidenden Faktor, wobei sie darunter alle Kinder zusammenfasst, die einer besonderen Förderung bedürfen: körperlich oder geistig gehandicapte Schüler. Migranten- und Flüchtlingskinder. Kinder mit massiven psychischen Einschränkungen, deren Zahl laut Petra Seibert eklatant zunimmt. Kinder, die mit der Einschulung erstmals in ihrem Leben sozialisiert werden müssen, weil ihre Eltern dies bislang nicht tun wollten oder konnten. Von Schuljahresbeginn bis Weihnachten, so berichtet die Friedberger Schulleiterin Elisabeth Kern, leisteten ihre Kolleginnen in den ersten Klassen regelmäßig Schwerstarbeit. Und richtig einfach werde es auch später nicht. Mit Stillarbeit habe ein Lehrer in den Klassen eins bis vier heute keine Chance mehr: „Wenn da fünf Minuten lang nichts passiert, flippen die Kinder aus“, weiß die Pädagogin, die selbst noch 13 Wochenstunden unterrichtet.

Dass Schulleiter Stunden in zweistelliger Zahl im Klassenzimmer stehen, ist eine Besonderheit der Grund- und Mittelschulen. Und die resultiert laut Bayerischem Kultusministerium daraus, dass die Staatlichen Schulämter die Rolle des Dienstvorgesetzten übernehmen und somit auch „zahlreiche personalrelevante Aufgaben für die Schulen“ umsetzten, die beispielsweise an den Realschulen und Gymnasien die Schulleiter zu leisten hätten. Tatsächlich waren die Schulämter früher etwa für die regelmäßigen Beurteilungen der Grund- und Mittelschullehrer zuständig. Seit einigen Jahren absolvieren allerdings die Schulleiter die Unterrichtsbesuche bei ihren Kollegen selbst und erstellen die Gutachten, die den Schulämtern dann zur Unterschrift vorgelegt werden. Das Kultusministerium verweist darauf, die Staatlichen Schulämter kümmerten sich für die Grund- und Mittelschulen auch um die Organisation von Vertretungslehrern, um die Personalzuweisung und die Unterrichtsversorgung.

Doch unabhängig vom eigenen Lehrerkollegium sehen sich die Leiter von Grund- und Mittelschulen durch den Ganztagsunterricht mit neuen zusätzlichen Aufgaben konfrontiert. An der Gerhardinger- Grundschule in Friedberg gibt es sowohl eine offene Ganztagsversorgung, bei der die Kinder nachmittags beaufsichtigt und betreut werden, wie auch gebundenen Ganztagsunterricht, bei dem reguläre Schulstunden stattfinden. „Das verursacht sehr viel Arbeit“, sagt Elisabeth Kern, die allein für den Nachmittagsbetrieb rund 50 Betreuer zu organisieren und zu verwalten, zu beraten und zu führen hat. Dabei befindet sich die langjährige Grundschullehrerin, wie sie selbst sagt, noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation: Ihre Schule hat vor einigen Jahren an dem sogenannten Modus F-Projekt des Bildungspakts Bayern teilgenommen, in dem erweiterte Führungsstrukturen an allen Schultypen getestet wurden. Für die Realschulen und Gymnasien sei das Konzept landesweit übernommen worden, an den bayerischen Grund- und Mittelschulen habe es das Kultusministerium nicht eingeführt. An der Friedberger Grundschule erhielten im Modellversuch vier Lehrerinnen je eine Freistellungsstunde für den Einsatz in der erweiterten Schulleitung. Und diese Regelung wurde seither immer wieder um ein Jahr verlängert. So kann Elisabeth Kern kompensieren, dass sie aktuell keinen Konrektor hat.

Etwas 300 Schulleiterpositionen sind nach Auskunft des Kultusministeriums jedes Jahr an den mehr als 3000 Grund- und Mittelschulen in Bayern nachzubesetzen. Stellen an den staatlichen Schulen würden frühzeitig ausgeschrieben, sodass „eine kontinuierliche Besetzung der Schulleitung gewährleistet“ sei.

Wer sich nach einigen Jahren als Konrektor entschließt, die komplette Verantwortung für eine Grundschule zu übernehmen, hat zweifellos mehr Arbeit – aber nicht zwangsläufig ein deutlich höheres Gehalt. „Der Unterschied zum Lehrer ohne Zusatzfunktion kann an kleineren Schulen gerade mal 168 Euro ausmachen“, berichtet Petra Seibert vom Schulleiterverband. Da zögen es doch viele Lehrkräfte vor, ihre 27 Wochenstunden zu halten – ohne zusätzliche Belastung.

Zu einer solchen werden für die Schulleiter mehr und mehr die immer anspruchsvolleren und anstrengenderen Eltern der Schüler. Als „ganz, ganz schwierig“ bezeichnet Petra Seibert die Diskussionen mit Eltern, die zunehmend Rechte zugesprochen bekämen, sich häufig für Spezialisten hielten und keinen Respekt vor der Kompetenz des Gegenübers zeigten.

Bei Elisabeth Kern an der Friedberger Grundschule schlagen Eltern meist mit Beschwerden wegen Noten auf. Mitunter auch vollkommen unvermittelt wie unlängst eine Mutter, die nachmittags unangemeldet in das Büro der Rektorin stürmte und bei ihr, den Zeigefinger konsequent auf ihre Brust gerichtet, eine Schimpftirade ablud. Jede Elternbeschwerde heißt für die Schulleiterin, sich erst einmal kundig machen: mit dem Lehrer reden, eventuell dem betroffenen Schüler. Häufig werde ein Runder Tisch gebildet, die mittlerweile ganztags an der Schule beschäftigte Schulsozialarbeiterin hinzugeholt. Und bei Kindern aus mittlerweile 17 Nationen ist auch an der Friedberger Gerhardinger-Grundschule für Elterngespräche immer häufiger der Einsatz eines Dolmetschers erforderlich.

Elisabeth Kern mag ihre Arbeit dennoch gerne. Schule zu gestalten, mache für sie den Reiz aus, sagt sie. Sie freut sich über ihre von der Stadt als Aufwandsträger gut ausgestattete Schule, betont, sie wolle für die 350 Schüler in den 16 Klassen und die 32 Lehrkräfte „möglichst gute Bedingungen“ schaffen. Was sie häufig stört, ist die aus ihrer Sicht mangelnde Wertschätzung, die den Pädagogen an Grundschulen aus der Bevölkerung entgegenschlägt. Die Grundschule sei das Sammelbecken für Kinder aus allen sozialen Schichten und mit allen vorstellbaren Vorprägungen, in dem es für Lehrer und Schulleiter zunehmend gelte, Erziehungsmängel und -fehler der Eltern zu korrigieren, weil denen immer öfter die Erziehungskompetenz fehle.

„An keiner anderen Schulart gibt es ein solches Leistungsspektrum vom Hochbegabten bis zum Förderschüler“, erklärt sie. Für die Bewältigung dieses Spagats hätte sie gerne für sich und ihre Kollegen, die überwiegend Kolleginnen sind, mehr Anerkennung. Auch weil sie sich als Chefin schon heute Morgen wieder um alles und jeden kümmern darf.

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