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Algorithmen treiben Jugendliche ans Handy: Dark Patterns verlängern Bildschirmzeit

Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen.
Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg
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Wie Dark Patterns Jugendliche am Handy halten – und was Familien hilft

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    Es ist etwa zehn Jahre her, als Instagram noch ein Ende hatte. Die Urlaubsfotos von Freunden, die Bilder vom Frühstück der Cousine. Die App ließ sich damals noch problemlos schließen – hatte man doch alles gesehen und nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen. Social Media, wie es Teenager heute erleben, hat dagegen kein Ende mehr. Stunden in sozialen Medien vergehen schnell, weil der endlose Sog des Algorithmus das junge Belohnungssystem auf Trab hält. Eine Professorin erklärt, wieso gerade Jugendliche häufig auf den Apps versacken – und wie man sie zurück ins echte Leben holen kann.

    Im Fokus

    Dieser Beitrag ist Teil unseres exklusiven PLUS+ Schwerpunkts „Familien“. Sechs Wochen lang schauen wir jeden Montag auf das Leben mit Jugendlichen: auf Erziehung, Konflikte und die Frage, was Familien in dieser Phase wirklich stärkt.

    Soziale Medien sind heute ein Flickenteppich aus dunklen Mustern, die man in der Verhaltensökonomie „Dark Patterns“ nennt. Der „Infinite Scroll“, also das endlose Weiterwischen, wirkt dabei auf Jugendliche besonders anziehend. Auf den Zusammenschnitt vom letzten Video des Lieblingsstreamers folgen sprechende Früchtchen, darauf fünf Slides zum neuesten Videospiel, ein schnell geschnittenes Outfit-Reel, dann die Direkt-Nachricht der besten Freundin.

    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen.
    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen. Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg

    Infinite Scroll zieht junge Nutzer in den Bann

    Ute Schmid ist Professorin für Kognitive Systeme an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, ist Mitglied des bayerischen KI-Rats und im Direktorium des Bayerischen Forschungsinstituts für digitale Transformation. Sie sagt: Die Teenies von heute sind gewissermaßen die Tablet-Kinder von gestern. Das Problem beginne dabei schon viel früher. Wer bereits in der Kindheit lernt, dass das Tablet, das zur Beruhigung vor der Nase landet, endlose externe Unterhaltung bietet, droht zu verlernen, sich selbst zu motivieren. „Kinder sind darauf angewiesen, sich mit ihren Eltern gemeinsam die Welt zu erschließen“, sagt die Expertin.

    Dark Patterns

    Unter Dark Patterns versteht man Nutzeroberflächendesignelemente, die Nutzende dazu verleiten, Aktionen auszuführen, die im Interesse der Website- oder App-Betreiber stehen. Hinter ihnen steckt in vielen Fällen ein Geschäftsmodell zur direkten oder passiven Geldeinnahme, etwa über Werbeeinnahmen. Sie werden bewusst eingesetzt, um User zu manipulieren. Ihre Regulierung stellt eine große Herausforderung dar. Laut einer Studie der europäischen Kommission aus dem Jahr 2022 nutzen 97 Prozent der populärsten Websites diese Muster.

    Der Infinite Scroll gilt als solches Dark Pattern. In sozialen Medien erscheinen permanent neue Inhalte angezeigt, die teilweise automatisch an- oder abgespielt werden. Der Zweck ist es, die Nutzungsdauer zu erhöhen.

    Eine ausführliche Aufzählung und Beschreibung dieser Muster finden Sie hier.

    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen.
    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen. Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg

    Betrachtet man das eigene Konsumverhalten, ist man vermutlich auch nicht immer absolut diszipliniert und scrollt weiter als man möchte – Glückshormonen sei Dank. Wie beim Glücksspiel erhoffen sich User in sozialen Medien immer den nächsten „guten“ Post. Für Teenager hat das einen besonderen Reiz, sagt Schmid. „Da kommt vieles zusammen, weil gerade in der Pubertät die Suche nach Sensation und Endorphinausschüttung relativ zentral ist.“ Dabei mache es einen Unterschied, ob man wie früher nachts heimlich länger wegbleibt oder unerlaubt mit einem Mofa fährt. „Im Gegensatz sitzen Jugendliche heute oft allein daheim und bleiben einfach in einem digitalen Medium hängen und merke gar nicht, dass Leben draußen ist. Sie lassen sich mit ‚Second-Hand-Erlebnissen‘ abspeisen.“

    In der Folge verlieren Jugendliche Anstrengungsbereitschaft, eigene Erfahrungen zu sammeln und stolz auf diese zu sein. „Die Kinder erlernen daher keine Resilienz und die intrinsische Motivation, etwas zu schaffen.“

    Eltern leben in einer anderen analogen Erfahrungswelt, die Jugendliche nicht mehr kennen

    Die Krux dabei ist, dass es genau dieser innere Anreiz ist, der Kindern lehrt, stolz auf sich selbst und das Erschaffene zu sein. Um zu verstehen, wie diese innere Motivation bei vielen Teenagern abhandengekommen ist, müssten Eltern sich klarmachen, dass sie selbst noch in der Kindheit und Jugend ausschließlich in der analogen Welt gelebt haben. Das Lagerfeuer am Abend, das Treffen mit Freunden, der Konflikt, den man nicht beenden konnte, indem man die App schließt und Nachrichten ignoriert. Und besonders eines: die Langeweile. „Jugendliche wissen heute kaum mehr, was Langeweile ist und dass sie der Treiber für eigene Ideen und Erlebnisse ist“, sagt Schmid. Die Gleichung scheint einfach: Höhere Bildschirmzeit = weniger Langeweile = weniger Stolz = weniger Antrieb, sich um etwas zu bemühen.

    „Viele Jugendliche sind von vornherein in einer digitalen, oberflächlichen Belohnungswelt gefangen und haben gar keine Chance mehr, sich zu überlegen, was ihnen an ihrer Umwelt gefällt“, sagt Schmid. „Sie werden gewissermaßen kalt gestellt.“

    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen.
    Das Internet ist voller manipulativer Designelemente. Besonders Jugendliche fühlen sich vom "Infinite Scroll" angezogen. Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg

    Kurze Bestandsaufnahme: Viel Zeit vor Bildschirmen in der Kindheit ist also tatsächlich schlecht für Kinder. So weit, so bekannt. Dass die externe Fütterung des Belohnungssystems ebendiese Kinder in suchtähnliche Muster treibt, ist zumindest nachvollziehbar. Aber wie geht es weiter?

    Gemeinsame Aktivitäten stärken das Belohnungssystem der Jugendlichen

    Einfach gesagt: Die Jugend muss wieder nach draußen. Oder zumindest zurück ins analoge Leben, sagt Schmid. Keine Erlebnisse mehr aus zweiter Hand durch den Bildschirm hindurch ins Hirn scrollen, sondern selbst erfahren. „Da sind Jugendliche natürlich ein schwieriges Klientel“, weiß die Professorin. Dennoch: Gemeinsames Kochen, Ausflüge und weitere Offline-Aktivitäten bringen dem verwöhnten Belohnungssystem bei, dass diese Art der Belohnung qualitativer, weil selbst erarbeitet, ist.

    Der zweite Tipp für Eltern ist, dass sie informiert und aufgeklärt bleiben, wie soziale Medien und ihre Algorithmen funktionieren. Ein Verbot dagegen bringe nichts, meint Schmid. Teenies finden immerhin immer einen Weg, sich gegen solche Verbote zu widersetzen. Stattdessen müssen Eltern wie Kinder ihre Medienkompetenz ernst nehmen und ausbauen. Eltern seien laut Schmid jedoch hier teilweise überfordert. Entsprechend sei es unverzichtbar, dass die Vermittlung von digitalen Kompetenzen, insbesondere auch KI-Kompetenzen in der institutionalisierten Bildung, etwa in der Schule, einen festen Platz in den Lehrplänen erhält – am besten bereits ab der Grundschule.

    Zuletzt gilt es, die Lage ernst zu nehmen. Eine „Social-Media-Sucht“ ist derzeit zwar psychologisch noch nicht als einheitliches Krankheitsbild definiert, doch verschiedenste Applikationen haben aber eine gemeinsame Tendenz: Sie sind designt, um Menschen anzulocken, zu halten und zurückzuholen. Dabei lohnt sich ein Gespräch über die Gefahren dieser Mechanismen mit den Teenagern, ähnlich, wie man auch über die Konsequenzen von Alkohol und Co. sprechen würde. Es vollkommen zu verbieten ist freilich gerade in diesem Alter schwer – ein bewusster Umgang aber zumindest erlernbar.

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