Richtig Streiten: Mit diese Strategien gelingen bessere Konflikte mit Jugendlichen
Beim Streit mit Teenagern kann man vieles falsch machen. Doch Eskalationen lassen sich leicht vermeiden. Ein Experte verrät, wie produktive Gespräche entstehen.
Jugendliche und ihre Eltern reden oft aneinander vorbei. Dabei geht das Einander-Nicht-Verstehen häufig weit über unbekannte Jugendwörter und deren Bedeutung hinaus. Besonders in Streitgesprächen prallen in Familien mit Teenagern Welten aufeinander. Richtig streiten kann – und muss – erst lernen. Ein Mediator gibt Tipps, wie die nächste Diskussion nicht eskaliert und wie das Gespräch von Beginn zur Lösungsfindung beiträgt.
Im Fokus: Familien
Dieser Beitrag ist Teil unseres exklusiven PLUS+ Schwerpunkts „Familien“. Sechs Wochen lang schauen wir jeden Montag auf das Leben mit Jugendlichen: auf Erziehung, Konflikte und die Frage, was Familien in dieser Phase wirklich stärkt.
Die große Frage: Wie gut kann man einander wirklich verstehen?
Einander zu verstehen, sagt Mediator Volker Krusche, ist nie vollständig möglich. „Dazu müsste man ab Geburt jede Sekunde des Lebens exakt gleich erlebt und gefühlt haben.“ Krusche arbeitet als zertifizierter Mediator im Raum Ulm, wo er gemeinsam mit Familien und Familienunternehmen größere und kleinere Streitigkeiten aus der Welt schafft. Das Problem dabei ist eben genau diese Utopie des Einander-Verstehens: Beim Streiten konkurrieren vollkommen individuelle Lebensrealitäten miteinander.
Sich richtig streiten? Das kann funktionieren. Dafür muss jede Person zuerst verstehen, woher der Konflikt rührt.Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg
Dass das zu Spannungen führen kann: vollkommen logisch. Doch der Verlauf eines Gesprächs verändert sich, wenn man sich selbst vor der Konfrontation eine übergeordnete Frage stellt: „Wer ist mein Kind, was braucht es – und wie können wir einander besser verstehen?“ Beide Streitparteien haben dabei unterschiedliche Bedürfnisse und damit einhergehend auch Erwartungen an das Gegenüber. Werden diese verletzt oder missachtet, lohnt es sich, die Situation aus beiden Perspektiven zu betrachten.
Tipp 1: Das Setting – Ort, Zeit und Verbindlichkeit
Ein „guter“ Streit entsteht nicht aus einer akuten Situation heraus. Man streitet also nicht um zu streiten, sondern um eine Lösung für ein Problem zu finden. Welchen Problemen Familien besonders häufig gegenüberstehen, sagt Krusche, könne er aus seinem Alltag als Familienmediator jedoch nicht beantworten. „Jeder Streit ist so individuell wie die Menschen, die sich streiten.“
„In den seltensten Fällen geht es beim Streiten darum zu klären, wer wofür verantwortlich, also wer ‚Täter‘ und wer ‚Opfer‘ ist.“
Volker Krusche, Mediator
Die Fehler, die dabei passieren, seien allerdings oft dieselben. Ein Streit zwischen Tür und Angel etwa. Stattdessen sollte man Krisengespräche planen – Ort, Zeit und Verbindlichkeit werden dabei festgelegt. Dabei sollte man sich nicht vor dem Konflikt scheuen: „Sich über ein heikles Thema auszutauschen, zeugt von gegenseitigem Respekt“, so Mediator Krusche. Anders gesagt, könne ein Streit also auch etwas Wertschätzendes sein. Schließlich streitet man sich nicht mit Menschen, die einem ohnehin egal sind.
Tipp 2: Das Du eskaliert – Ich-Botschaften schaffen Klarheit der Gefühle
Aller Anfang ist unangenehm, besonders, wenn man eine andere Person auf ihre Fehltritte oder ihr verletzendes Verhalten aufmerksam macht. Statt verlegen herumzudrucksen, sollte der nächste Streit daher mit einer klaren Beobachtung beginnen, die (und das gilt für das gesamte Gespräch!) in der Ich-Perspektive formuliert wird. Schulzuweisungen sind dabei tabu – aus ihnen resultieren laut Krusche die meisten Streitigkeiten. „Schuld gibt es ohnehin nur im Zivilrecht“, betont Krusche. Was er damit meint: „In den seltensten Fällen geht es beim Streiten darum zu klären, wer wofür verantwortlich, also wer ‚Täter‘ und wer ‚Opfer‘ ist. Es muss darum gehen, zu verstehen, woher der Konflikt rührt und darum, eine Lösung zu finden.“
Mit einigen Leitfragen lassen sich Konfliktgespräche konstruktiv lösen.Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg
Vorwürfe wie „Du bist zu spät nach Hause gekommen“ sind dabei nicht hilfreich. In Form einer Ich-Botschaft („Ich war besorgt, weil ich auf dich gewartet habe und du nicht zur verabredeten Zeit zu Hause warst“) vermitteln Streitparteien dagegen ihre eigene Perspektive und das unerfüllte Bedürfnis – und damit den Kern des Streites. Auch emotionale Reaktionen, wie Weinen oder der Übergang in die Defensive, könnten so neutral festgestellt werden („Ich sehe, du weinst“) und zum produktiven Verlauf des Gesprächs beitragen („Lass uns eine Pause machen“).
Tipp 3: Pausen vereinbaren
Ein gutes Streitgespräch verläuft dabei nicht linear. Pausen dürfen und sollten genommen werden. Pumpt zu viel Adrenalin durch den Körper, ist ein sachliches Gespräch kaum möglich. Oder in Krusches Worten: „Die Denkkanäle sind verengt“ – Weiterstreiten ist daher meistens unproduktiv oder gar destruktiv. Die Entscheidung, einen Streit zu unterbrechen, steht dabei einem Teenager ebenso zu wie seinen Eltern. Weint eine der Parteien, kann eine Pause helfen, die eigenen Gefühle zu artikulieren und einzuordnen.
In seiner Arbeit als Mediator löst Volker Krusche Streitigkeiten innerhalb von Familien und Familienunternehmen.Foto: Sammlung Krusche
Tipp 4: Was fühle ich – was brauche ich – was sagst du dazu?
Die Kommunikation der eigenen Gefühle bleibt im Verlauf des Gesprächs gleichbleibend im Fokus. „Im Prinzip ist die Leitfrage des Streits, zu ergründen, worauf der Streit fußt (genau er begründet liegt) und wie man mit ähnlichen Situationen künftig besser, beziehungserhaltender umgehen kann“, sagt Krusche. Auf der Suche nach der Antwort können folgende Fragen helfen:
Was fühle ich?
Was brauche ich?
Was sagst du dazu?
„Mit diesen Fragen nähert man sich einem gegenseitigen Verständnis an“, sagt der Mediator. Gerade bei Teenagern ließen sich so innere Kämpfe aufzeigen.
Tipp 5: Nur ein Thema pro Streit
Wenn man schon einmal zusammen sitzt, kann man gleich ein paar Themen bearbeiten – oder? „Auf keinen Fall“, sagt Mediator Krusche. Das eigentliche Ziel, eine Lösung zu finden, rückt damit aus dem Fokus. Es ginge nicht darum, möglichst viel zu klären, sondern einander besser zu verstehen. Dabei betrachte man bestenfalls nur ein Thema pro „Streit-Termin“.
Tipp 6: Über gemeinsame Werte zu Lösungen finden
Wie versteht man einander besser? Laut Krusche, indem man zuerst sich selbst versteht und dann zuhört.Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg
Das Kind hätte um zehn Uhr zu Hause sein sollen, kam aber um Mitternacht? Betrachtet man das Szenario aus der Sicht des Mediators, prallen an einem solchen Abend das Bedürfnis der Eltern nach der Sicherheit des Kindes auf dessen Bedürfnis nach Freiheit und Zugehörigkeit. „Wenn man versteht, wie die jeweils andere Person sich in der gegebenen Situation gefühlt hat und wieso, ist man der Lösung schon einen Schritt näher“, versichert Krusche. Aber wie findet man nun eine Lösung?
Eine Lösung könne man dann etwa durch einen Wert finden, seien diese immerhin nicht verhandelbar. Etwa Verlässlichkeit und Pünktlichkeit. „So schlägt man eine Brücke zu einer Verbindlichkeit im Miteinander“, sagt der Mediator. Und auch wenn Eltern ihren Kindern selbstredend Grenzen setzen dürfen, sagt Krusche, sollte versucht werden, gemeinsam eine Lösung zu finden, der jeder (emotional) zustimmen kann. Eine solche Lösung berücksichtigt, dass die Bedürfnisse aller gewürdigt werden.
Auf einen Blick: Richtig streiten
Verbindlichkeit schaffen: Termin und Ort im Voraus vereinbaren
Zielsetzung verdeutlichen: Was ist der Ursprung des Konflikts?
In Ich-Botschaften die eigene Wahrnehmung, Gefühle und Bedürfnisse kommunizieren
Was fühle ich?
Was brauche ich?
Rückfragen stellen und erlauben
Was sagst du dazu?
Bedürfnisse abgleichen
Lösung (etwa über gemeinsame Werte) konkret benennen
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