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„Contenance“ ist ihr sehr wichtig

Bild: Gertrud Adlassnig

Auf ein bewegtes Jahrhundert kann Marie Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg zurückblicken. Ein Besuch bei der 104-jährigen Komtess.

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Man schrieb den 18. Juli 1914, vor wenigen Tagen wurde der österreichische Thronfolger in Sarajewo erschossen. Die darauf folgende Julikrise ist einer der wesentlichen Schritte hin zum 1. Weltkrieg. Deutschland dreht sich in einem patriotischen Rausch, angeheizt vom deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem bayerischen König Ludwig III. In München bringt Elisabeth ihre erste Tochter zur Welt, Marie-Gabriele. 104 Jahre später empfängt Marie Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg, genannt Komtess, in Jettingen zum Tee. Hinter ihr liegt ein Jahrhundert, das die alte Ordnung grundlegend zerstört hat, dessen Brüche, Umwälzungen und Verbrechen die Menschen in Europa gezeichnet hat.

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Als die kleine Marie-Gabriele zur Welt kam, schien die noch unverbrüchlich. Die Monarchie, die seit 1000 Jahren regierte, hatte alle demokratischen Anfechtungen des 19. Jahrhunderts überlebt.

Und mit ihr die Standesordnung, die auch für die kleine Marie-Gabriele klare Lebensvorgaben bereithielt. Die Stauffenberger, die dem Uradel zugerechnet werden und sich als Mundschenke den Beinamen Schenk erworben haben, machten keine Ausnahme, obwohl sie sich, wie der Lauf der Geschichte zeigen wird, als offen und modern erwiesen. Im heimatlichen Schloss in Jettingen durfte die kleine Komtess zunächst eine idyllische Kindheit erleben. Selbst 1918, als König und Kaiser sich aus der Verantwortung schlichen und ihr Land im Chaos zurückließen, als das Ende der Monarchie auch das Ende der alten Adelsgesellschaft besiegelte und fortan Adelstitel keine Privilegien mehr mit sich brachten, sondern lediglich einen Namensteil darstellten, ging auf dem Land das Leben seinen gleichmäßigen Gang. Komtess Marie-Gabriele erinnert sich noch gern an diese Kinderzeit, als sie ganz burschikos ihren Lieblingsleseplatz hoch in einer Fichte hatte, wo sie mit Begeisterung die Abenteuer von Karl May verschlang. Der unbeschwerten Kindheit folgte die Zeit im Internat, noch ganz der Tradition verpflichtet, ging es im Kreis ihrer zahllosen Cousinen und anderen entfernten Verwandten nicht nur um Bildung, sondern auch um die Vorbereitung auf das den adeligen Damen vorbestimmte Leben: einen großen Haushalt organisieren, Kinder zur Welt bringen und erziehen, und vor allem stets Haltung bewahren. Contenance, das zeichnet die zierliche Dame auch mit 104 Jahren noch immer aus. Dass ihr Leben so ganz anders verlaufen würde, konnte sie noch nicht ahnen. Alles schien nach Plan zu gehen, als sie 1943 einen Partner fand.

Ihr Lieblingscousin Claus, der spätere Attentäter, hatte ihn in Jettingen eingeführt. Dass Joachim Kuhn, der zum weiteren Kreis der Juli-Attentäter gehörte, nicht von Adel war, störte die modernen Stauffenberger nicht. Doch Mutter Kuhn ließ solche Offenheit vermissen. Sie konnte nicht dulden, dass ihr Sohn eine katholische Frau heiraten wollte und brachte die Beziehung zum Scheitern. Besonders schmerzhaft, verrät ihr Neffe Franz, muss es für seine Tante gewesen sein, dass sich ein Jahr später in den traumatisierenden Monaten der Schutzhaft ausgerechnet Marie-Gabriele um die hartherzige Frau kümmern musste. Dazu kein Wort von Komtess Marie-Gabriele: Contenance! Nach dem Ende der Verlobung plante die junge Komtess eine berufliche Ausbildung. „Mein Traum war es, Medizin zu studieren,“ erinnert sie sich. Am Tag des Attentates, am 14. Juli 1944, war sie in der Nähe von Freiburg, wo sie sich um eine Arbeitstelle bei einem Arzt bewarb, auch er aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis von Claus von Stauffenberg. „Er hat mir sofort zugesagt.“ Doch sie sollte die Stelle nie antreten. Wieder zurück in Jettingen kamen die Männer von der Gestapo. „Ich habe sie daran erkannt, dass sie keine Krawatten trugen.“

Es waren Leute aus Augsburg, keine Jettinger, die die Familie Stauffenberg verhafteten. Viele Mitglieder des weit verzweigten Adelshauses kamen in Sippenhaft, völlig gleichgültig, ob sie Kenntnis vom Attentat hatten oder nicht. Auch den Jettingern hatte Claus wohl nichts verraten. Dennoch bedeutete das keinen Schutz für die geliebten Verwandten. Auch Marie-Gabriele wurde von Lager zu Lager verschleppt, in Außenbereichen von Konzentrationslagern inhaftiert, unzählige Stunden und Kilometer in Zügen herumgekarrt. Das Chaos des untergehenden  Dritten Reiches nahm Gestalt an. Marie-Gabriele hat alles festgehalten. „Ich hatte mein Tagebuch im Koffer, der wurde seltsamerweise nie kontrolliert. Und auf den langen Zugfahrten habe ich es herausgenommen.“ Die Gefahr, der sie sich mit den Aufzeichnungen aussetzte, war ihr nicht bewusst. Die hat sie einfach ausgeblendet mit ihrem starken Willen, ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument zu verfassen.

Das Ende der Naziherrschaft bedeutete für die Komtess aber noch nicht die Befreiung. Das Ende ihrer Haft ließ noch Monate auf sich warten. Im Gewahrsam der Amerikaner wurden sie und ihre Mithäftlinge auf einer Odyssee durch Europa gekarrt, um schließlich in München zu landen, von wo aus sie in einem von Kardinal Faulhaber organisierten Auto endlich wieder nach Jettingen zurückgebracht wurden.

Doch auch dort hatte sich das Leben verändert: Der Vater 1944 gestorben, die Mutter von Haft und Alter krank und gezeichnet, starb 1946. Bruder Karl Berthold, der Erbe von Jettingen, war bereits 23-jährig 1941 gefallen. So blieb ihr nur übrig, mit ihrem kleinen Bruder Markward (25), Jettingen wieder in Gang zu bringen, die zum Schloss gehörenden Betriebe wieder zu bewirtschaften. Kein Gedanke mehr an eine medizinische Ausbildung. Doch für Marie-Gabriele war klar, dass sie mit dem Einzug einer Gräfin ins Schloss einen neuen Wirkungskreis brauchte, auch wenn ihr in Jettingen ein Wohnrecht zusteht von dem sie seit ihrem Ruhestand Gebrauch macht. Mit einem großzügigen Erbe konnte sie nicht rechnen, das geht in Adelshäusern auch in Zeiten der Demokratie an den ältesten Sohn. Ihre Aussteuer, teils wertvolle Möbel und Einrichtungsstücke, investierte die kluge Komtess vorausschauend in ihre Altersvorsorge und ging nach Rißtissen, wo ein anderer Stauffenbergzweig beheimatet ist. Dort übernahm sie die Stelle einer Hauswirtschafterin, Erzieherin, Zweitmutter. Die einst flotte Karman Ghia - Fahrerin wird bis heute von ihren Neffen und Nichten heiß geliebt. Und mit ihrer dezenten Zurückhaltung und Contenance, in der es kein Jammern gibt über verpasste Chancen und schwere Schicksalsschläge, ist sie auch mit 104 Jahren und einem bewegten Leben nicht nur Zeitzeugin sondern lebendiges Vorbild.

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