21.02.2018

Eine runde Sache

Bild: Christina Bleier

Im sportlichen Bereich ist Zdenko Miletic der dienstälteste Mitarbeiter beim FC Augsburg. Zuerst stand er zwischen den Pfosten, jetzt ist er seit mehr als zehn Jahren Torwarttrainer.

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Als Zdenko Miletic im Februar 2002 beim FC Augsburg anheuerte, war an Bundesligafußball nicht zu denken: Der Verein kickte in der viertklassigen Bayernliga. Seitdem hat der FCA einen rasanten Aufstieg erlebt. Immer mit dabei: der ehemalige Torhüter und aktuelle Torwarttrainer Miletic.

 

Als die aktuelle Saison in München eröffnet wurde, waren alle Bundesligisten mit einer Vereinslegende vertreten. Für Dortmund stand etwa Karl-Heinz Riedle auf dem Platz, für Leverkusen Ulf Kirsten und für den FC Augsburg Zdenko Miletic.

Zdenko Miletic: Ja, das war schon eine schöne Sache, eine Auszeichnung für mich. Ich durfte mit wirklich Großen des deutschen Fußballs auf dem Platz stehen. Den einen oder anderen kenne ich ja noch aus meiner aktiven Zeit, mit Thomas von Heesen vom Hamburger SV habe ich zusammengespielt. Und Ingo Hertzsch, der ja auch mal beim FCA war, repräsentierte RB Leipzig.

Dass so etwas einmal passieren würde, daran war nicht zu denken, als Sie Anfang 2002 zum FCA wechselten. Zuvor standen Sie in Bielefeld unter Vertrag, haben dort 34 Spiele in der Bundesliga gemacht und kamen dann zum FCA in die viertklassige Bayernliga – wo 700 Menschen im Stadion die Spiele verfolgten.

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Miletic: Ich musste mich da schon ein wenig umstellen (lacht). Mit Bielefeld hab ich noch im Jahr 2000 Bundesliga gespielt. Und beim FCA hieß es dann, in der Bayernliga über die Dörfer zu tingeln. Aber als ich mich im Winter 2002 erstmals mit dem damaligen Präsidenten Walther Seinsch getroffen habe, hat er mir seine Pläne aufgezeigt: Es sollte schnell in die Bundesliga gehen. Ich stand kurz vor meinem 34. Geburtstag, hatte zuvor eine schwere Knieverletzung mit Knorpelschaden, war eineinhalb Jahr in Bielefeld außer Gefecht gewesen. Das waren einige Gründe, warum ich mich auf das Abenteuer einige Etagen weiter unten eingelassen habe. Aber ich habe auch an Seinschs ambitionierten Plan geglaubt.

Aber dass Sie 2018 immer noch hier sind…

Miletic: …daran war damals nicht zu denken. Aber, ganz ehrlich: Wir haben damals als Familie – ich war das erste halbe Jahr alleine hier, weil meine große Tochter in Bielefeld bereits in der Schule war – entschieden: In Deutschland wird es keinen anderen Lebensmittelpunkt mehr geben außer Augsburg. Entweder Augsburg oder Kroatien sollte unsere Heimat sein.

Von Andreas Rettig – FCA-Manager von 2006 bis 2012 – habe ich kürzlich in einem älteren Interview gelesen, dass er, als er erstmals sein Büro in der Geschäftsstelle an der Donauwörther Straße gesehen hat, sich schon gefragt habe, ob er mit Augsburg die richtige Entscheidung getroffen hat.

Miletic: Ja, das kann ich nachvollziehen. Als ich 2002 kam, war die Umkleidekabine am Trainingsgelände schon eine böse Sache. Ich habe dann dort ja einige Modernisierungen erlebt. Aus einer Garage wurde beispielsweise mal ein Kraftraum – allerdings wie zu Zeiten von Rocky Balboa.

Es ging damals auch noch deutlich familiärer zu.

Miletic: Klar, man kannte die Fans, vor allem die, die auch auswärts dabei waren. Na ja, es waren ja auch nicht so viele.

Kann man den Verein von damals mit dem von heute überhaupt noch vergleichen?

Miletic: Eigentlich kaum, aber man darf nicht vergessen, dass sich der Fußball insgesamt sehr verändert hat. Beim FCA ist diese Entwicklung durch den Marsch von der Bayernliga in die Bundesliga und die nötigen Strukturanpassungen besonders extrem. Der Sport wird anders vermarktet, es gibt mehr Zuschauer, die WM 2006 in Deutschland hat für einen Modernisierungsschub gesorgt. Aber beim FCA herrscht immer noch eine besonders familiäre Atmosphäre. Das ist uns allen wichtig und macht den Verein aus.

Und was sind die Konstanten beim FCA?

Miletic: Die gibt es auch: Da muss ich zum Beispiel nur an Salva (Salvatore Belardo, seit mehr als 20 Jahren Mannschaftsbetreuer, Anm. d. Red.), seine Frau Marlene (ebenfalls seit vielen Jahren Mannschaftsbetreuerin) und Evi (Evi Heindl, arbeitet seit den 1990er-Jahren in der Geschäftsstelle) denken.

Zurück zu Ihren Anfängen beim FCA. Als Sie kamen, wurden Sie erst einmal nur in Pokal-Begegnungen eingesetzt.

Miletic: Ich kann mich noch gut an mein erstes Spiel im FCA-Trikot erinnern. Das war ein 1:0-Sieg in Pipinsried, da habe ich super gehalten (lacht). Später konnten wir ja auch bei einem Pokalspiel in Neusäß den Aufstieg feiern, weil zeitgleich ein Nachholspiel in der Liga stattfand, dessen Ergebnis uns Wochen vor Saisonende den Aufstieg sicherte. Aber da kann ich mich nur an die Aufstiegsfeier erinnern. Und an eine Polonaise, die wir auf dem Platz veranstaltet haben.

Wie ging denn später der Wechsel in den Trainerstab vonstatten?

Miletic: Nach dem Aufstieg in die Zweite Liga 2006 bin ich in die Saison als Nummer 1 gegangen. Zum Auftakt haben wir im ausverkauften Rosenaustadion gegen Köln eine bittere Niederlage einstecken müssen. Dann habe ich mir vor dem zweiten Spieltag gegen Paderborn einen Muskelfaserriss zugezogen. Und danach noch eine Knieverletzung. Gegen 1860, beim 3:0 im eigenen Stadion habe ich wieder gespielt. Noch lieber hätte ich allerdings in der ausverkauften Allianz-Arena im Rückspiel gespielt. Jedenfalls hat mich eine weitere Verletzung aus dem Tritt gebracht, und Sven Neuhaus, der vor der Saison gekommen war, hat es ordentlich gemacht. In der folgenden Spielzeit sollte ich als Stand-by-Profi fungieren. Ich habe also mittrainiert und teilweise bereits einzelne Aufgaben als Torwarttrainer übernommen. Als dann Rainer Hörgl ging, kam mit Ralf Loose ein neuer Trainer, der seinen Stab erweitern wollte und ich wurde Torwarttrainer. Das war also so ein fließender Übergang.

Der Job beim FCA hat Sie nach Aindling und an die Anfield Road gebracht. Gibt es da noch einen Traum?

Miletic: Ja, wenn man sich vorstellt, wo wir herkommen und wo es uns schon hinverschlagen hat, dann kann man ja hoffen, dass wir uns auch noch weiterentwickeln. Vielleicht schaffen wir es ja mal, vielleicht in zehn Jahren, nach Madrid oder Barcelona. Im Jahr 2028. Aber erst einmal müssen wir noch ein paar Jahre die Klasse halten. Vielleicht geht es ja noch Schrittchen für Schrittchen ein bisschen weiter. Man kann schon träumen – mein nächster Traum ist allerdings erst einmal, 2018/19 Bundesliga zu spielen.

Das hätte man 2002 nicht zu träumen gewagt.

Miletic: Das hätte man sich ja nicht einmal nach dem ersten Bundesligajahr zu träumen gewagt. Das wissen am besten die, die so wie ich schon seit der Bayernliga dabei sind. Im Grunde gilt immer noch: Wir sollten für jedes Spiel im Oberhaus dankbar sein. Dass hier in Augsburg mit dem FCA Bundesliga gespielt wird, das ist noch immer eine richtig tolle Sache. Man muss sich ja nur dran erinnern, wie glücklich die Stadt war, als wir in die Zweite Liga aufgestiegen sind. Endlich, hieß es da, endlich sind wir wieder im bezahlten Fußball. Nach so langer Zeit. Das war ein Riesenschritt. Vielleicht entscheidender als der Aufstieg in die Bundesliga.

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