VISIONEN

19.02.2019

Bio macht Sinn

Die Hühner der Rasse „Sandy“ sind besonders widerstandsfähig. Pro Tag legen die 6000 Hennen des Adelsrieder Hofs etwa 5000 Eier.
Bild: Stefan Großmann

Wie Anna und Jörg Ostermeier mit ihrem Öko-Hühnerhof in Adelsried für eine nachhaltige Landwirtschaft kämpfen - und was sie zu diesem Schritt bewegt hat.

Der Abend des 11. August 2016 ist Anna und Jörg Ostermeier in guter Erinnerung geblieben. Damals, so erzählen die Jungbauern, standen sie vor der Verwirklichung ihres Traumes: Ein Erdloch, fußballfeldgroß, gummistiefeltief und blassbraun, lag zu ihren Füßen. Hier, am Nordrand von Adelsried, sollte bald ihr Hasenberghof Heimat für 6000 Bio-Legehennen werden.

„Wir haben den Blick schweifen lassen: Von der Baggerschaufel, zum rostroten Bulldog, zur Pritsche des Lkws“, erinnert sich Anna Ostermaier. Dann drehte sich ihr Mann zu ihr: „Jetzt können wir noch zuschütten! Hop oder top?“ Anna Ostermeier hörte auf ihr Bauchgefühl: „Nein, wir ziehen’s durch.“

3,7 Hennen pro Quadratmeter

Der Kampf für ihren Plan vom Glück hat sich gelohnt: Seit Oktober 2017 sind im Hause Ostermeier Junior die Hennen los. „Die Zeit bevor das erste Ei gerollt ist, war finanziell am schlimmsten. Anfangs hat man nur Ausgaben, keine Einnahmen“, erzählt die Adelsriederin. Investiert haben die Hofgründer in einen Holzstall mit zwei Mal 3000 Hühnern, der die Bioland-Richtlinien sogar übertrifft. „In ökologischer Stallhaltung sind sechs Hennen pro Quadratmeter die Norm. Bei uns teilen sich 3,7 diese Fläche“, erklärt die studierte Landwirtin. Die Hallendecke sei extra hoch. Das sorge für eine gute Raumluft und genug Platz für eine gleichmäßige Flugkurve. Sitzstangen und Gruppennester sind in einem weitmaschigen Geflecht angeordnet, das dem Baumkronenaufbau nachempfunden ist. „Hühner sind Waldvögel. Die ranghöchsten Tier sitzen oben. Eine stabile Hackordnung ist wichtig für ein natürliches Sozialverhalten“, weiß Anna Ostermeier. Bei Schmuddelwetter bleibt das Federvieh im Wintergarten trocken. Draußen picken sie auf 4,6 Hektar Weidefläche.

Bauer war ursprünglich nicht der Lebenstraum

Dass das Ehepaar einmal als Ökobauern auf einem Aussiedlerhof ihren Lebensunterhalt verdienen würden, war nicht sofort klar. Zwar wuchs Jörg Ostermeier auf dem elterlichen Milchviehbetrieb auf. Bauer wollte der älteste Sohn der Familie allerdings nicht werden. „Früher ließ sich Jörg öfter nach der Schule mit dem Auto zum Feld fahren. Mit dem Traktor durchs Dorf zu tuckern war ihm peinlich“, erzählt seine Frau. Heute steht er abends im Stall. Morgens arbeitet er halbtags für eine Handelsfirma, die sich auf Agrar, Energie und Bau spezialisiert hat.

Anna Ostermeier übte sich dagegen früh. Schon im Schulbus löcherte sie ihren Zukünftigen mit Fragen: „Wie viele Kühe habt ihr? Welches Futter brauchen die? Habt ihr gerade Kälbchen?“ Jörg Ostermeier war das unangenehm. Nach der FOS studierte er Elektrotechnik, fühlte sich aber irgendwie fehl am Platz. „Ich habe das gemerkt und ihn kurzerhand an der FH Freising für Agrarwissenschaften eingeschrieben“, sagt Anna. Ihr Vorstoß gelang. Im gemeinsamen Studium begeisterten sich beide für die geschlossenen Produktionsketten in der Biolandwirtschaft.

Endgültig „klick“ machte es während eines Almsommers im Chiemgau 2015. „Das war die beste Zeit unseres Lebens“, verrät die Jungbäuerin. Eine Hütte auf 1500 Metern, ohne Telefon und warmes Wasser, dafür mit Plumpsklo, brachte sie zum Nachdenken. Nachdem ihr Partner mit einem Biogeflügelwirt die Machbarkeit diskutiert hatte, kam die Entscheidung. „Wir saßen auf einer Holzbank, schauten ins Tal. Jörg sagte zu mir: So, und jetzt gehen wir runter, jetzt heiraten wir und jetzt bauen wir den Hof.“ Gesagt, getan.

"Wir wollen Kreisläufe schließen"

Was aber bewegt zwei Menschen, Anfang 30, berufstätig, Landwirte im Haupterwerb zu werden? „Unser gesamter Hof ist darauf ausgelegt Kreisläufe zu schließen. Die Pappeln, die ich in unserem Waldgarten gepflanzt habe, sollen den Hühnern Schatten spenden. Später werden sie zu Hackschnitzeln, die sich mit dem Hühnerkot zu Humus zersetzen und dann aufs Feld ausgebracht werden. Dort düngt er das Getreide, das wiederum im Futter der Tiere landet“, sagt die Bäuerin, die ganztags im Marketing eines Biounternehmens arbeitet.

Das Schreddern von männlichen Küken lehnen die Landwirte ab. „Die Bruderhähne werden über unseren Kooperationspartner in Österreich aufgezogen“, so Anna Ostermeier. Anders als konventionelle Mastgöckel leben sie hier zehn statt fünf Wochen. Danach werden sie im Hofladen verkauft. Es sei ethisch nicht vertretbar, dass die Buben Abfall sein sollen, meint die Juniorchefin. Ihr sei bewusst, dass das reiner Idealismus ist: „Da brauchen wir nicht auf den Businessplan zu schauen und können froh sein, wenn es Null auf Null aufgeht.“

Pause muss sein

Die weißen Hennen der Rasse „Sandy“, die im Stall von Jörg und Anna gackern, legen 15 Monate lang qualitativ einwandfreie Eier – der Dotter ist rapsgelb, die Schale bis 0,4 Millimeter dick. Danach bricht die Legeleistung ein. Um das hinauszuzögern, hat das Ehepaar eine ihrer Herden im August in die Mauser geschickt. „Hühner verlieren normalerweise einmal im Jahr – nämlich im Winter – ihr Kleid. In dieser Pause legen sie keine Eier. In den neun Folgemonaten sollen sie dafür weiter gesunde Eier produzieren. Gesteuert wird die Mauser über das Licht und die Futtergabe im Stall“, sagt Anna Ostermeier.

Ihre „zukunftsträchtige Hühnerhaltung“ und der „feste Willen, mit gutem Beispiel voran zu gehen“ hat den Betriebsgründern im November 2018 den Öko-Junglandwirte-Zukunftspreises eingebracht. „Ein toller Ansporn, um genau so weiter zu machen“, sagt Anna Ostermeier. Ideen hat sie genug: Ein paar Rinder und Schweine könnten etwa als „Securities“ mit den Hühnern mitlaufen. Ein Hoffest und Hofführungen wären schön: „Am Liebsten möchte ich alle Leute wachrütteln und sagen: ‘Schau mal hin! Denk nach! Bio macht Sinn!’“

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