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Fußball

27.06.2019

Auferstanden aus Ruinen

Das gibt es doch nicht! Joshua Kimmich, Mats Hummels, Mario Gomez und Thomas Müller trauern einer Chance gegen Südkorea nach. Die 0:2-Niederlage bedeutete das Aus in Russland und kostete Joachim Löw fast den Job.
Bild: Ina Fassbender, dpa

Vor einem Jahr erlebte die Nationalmannschaft ihren Tiefpunkt. Nach dem Aus in Russland stand vor allem Bundestrainer Joachim Löw in der Kritik. Der brauchte lange, ehe er die richtigen Schlüsse aus der Blamage zog

Der 27. Juni 2018 ist der Tiefpunkt der deutschen WM-Geschichte. Das 0:2 gegen Südkorea in Kasan besiegelt das erste Vorrunden-Aus einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach einer total verkorksten WM-Mission des Titelverteidigers in Russland. Genau ein Jahr später hat Bundestrainer Joachim Löw nach einigen Anlaufschwierigkeiten und heiß diskutierten Personalentscheidungen die größten Probleme erst einmal gelöst und einen Stimmungsumschwung eingeleitet. Ein Streifzug durch ein schwieriges Länderspieljahr:

Das Unvorstellbare wird Wirklichkeit. Titelverteidiger Deutschland scheitert in der WM-Gruppenphase. 0:2 gegen Südkorea in Kasan. Tränen und Fassungslosigkeit – und bei Joachim Löw auch ganz viel Leere. Es ist nach einer Vorbereitung mit vielen Hindernissen, dem Fehlstart gegen Mexiko (0:1) und dem Last-Minute-Hoffnungsmacher gegen Schweden (2:1) das traurige deutsche Ende einer missratenen WM. „Ich bin auch geschockt, dass wir es nicht fertiggebracht haben, Südkorea zu schlagen“, sagt Löw. „Der Schmerz hält mich noch gefangen“, sagte der Bundestrainer einen Tag später nach der Landung in Frankfurt. Er kündigt „tiefgreifende Maßnahmen“ an. Wiederum vier Tage später ist schon mal klar: Er selbst macht weiter. „Ich möchte mit ganzem Einsatz den Neuaufbau gestalten“, wird Löw in einer Verbandsmitteilung zitiert.

Löw verspricht eine intensive Aufarbeitung in der Sommerpause – und verabschiedet sich in den Urlaub. Er wird noch einmal in einem Freiburger Café gesichtet. Sonst lässt er Fußball-Deutschland mit allen Debatten allein. Diskutiert wird emotional über die WM-Konsequenzen. Schnell bekommt das sportliche Scheitern eine politische Dimension. Mesut Özil wird zum Sündenbock. Das Schweigen zu seinen Fotos mit dem von ihm verehrten türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan verursacht Unverständnis und provoziert Verunglimpfungen vom rechten Rand. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff heizen die Debatte durch missverständliche Aussagen an. Dennoch rechnet man beim DFB mit einer einlenkenden Erklärung Özils und einer Fortsetzung der Nationalmannschaftskarriere. Es kommt aber ganz anders. In einer Social-Media-Tirade rechnet der gekränkte Star gut drei Wochen nach dem WM-Aus mit dem Verband und besonders mit Grindel ab. Der Rassismus-Vorwurf wiegt schwer.

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Die Fans müssen sich ohnehin gedulden. Erst neun Wochen nach dem WM-Aus präsentiert Löw Ende August seinen Plan für den Neuanfang. Er räumt persönliche Fehler ein, doch die Konsequenzen sind bescheiden. Außer Özil und dem freiwillig zurückgetretenen Mario Gomez hat nur Sami Khedira keine Zukunft mehr im DFB-Trikot. In seinem Stab wird Co-Trainer Thomas Schneider in die Scouting-Abteilung versetzt. Im Team hinter dem Team, dem aufgeblähten Betreuerstab, gibt es auch keine Zäsur. Zu einem radikalen Neuanfang fehlt Löw offenbar der Mut. „Wir brauchen eine Achse, an denen sich die anderen orientieren“, sagt er.

Verläuft der Saisonanfang mit einem 0:0 gegen Weltmeister Frankreich und einem 2:1 gegen Peru im September noch achtbar, kommt im Oktober der nächste Nackenschlag. Beim 0:3 in Holland wird Deutschland vom Erzrivalen in der Schlussphase vorgeführt. Jetzt erkennt auch Löw, dass er handeln muss. Drei Tage später lässt er gegen Frankreich mit Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané erstmals den Turbo-Sturm los. Thomas Müller ist nur noch Zwei-Minuten-Joker. Der verletzte Jérôme Boateng wird nicht vermisst. Der Umbruch nimmt trotz einer unglücklichen 1:2-Niederlage erste Formen an.

Deutschland ist nur noch zweitklassig. In der Nations League steht der Abstieg schon vor dem 2:2 gegen Holland im November fest. Es ist das 100. Länderspiel von Müller und – wie für Mats Hummels – das letzte des Ur-Bayern. Das soll sich aber erst vier Monate später herausstellen.

Noch im Dezember wiederholt Löw im Sportstudio seine Devise, dass beim Neuanfang auch bewährte Kräfte nötig sind. Torwart Manuel Neuer bekommt eine Nummer-1-Garantie bis zur EM 2020. Doch eine Aussage klingt im Nachhinein wie eine Drohung: „Am Ende zählt immer die Leistung. Ich bin kein Hellseher und weiß, was in drei, vier Monaten sein wird. Daher lässt man sich alle Möglichkeiten offen. Ich plane mit allen Möglichkeiten, ich plane mit allen Guten, Hummels, Boateng, Müller, die für Deutschland spielen können, wenn sie die Form haben, die sie zuletzt nicht hatten.“ 94 Tage später wird das Weltmeister-Trio von Löw für immer aussortiert. In persönlichen Gesprächen überbringt er den Spielern die Nachricht. Mehr als für die Entscheidung wird er für seinen Umgang mit den verdienten Akteuren kritisiert. Die Welle der Empörung ist riesig. „Das Spiel ist noch nicht aus“, antwortet der enttäuschte Müller in einer Video-Botschaft.

Eine Woche nach der Ausmusterung der drei Münchner gewinnt das nun maßgeblich verjüngte Team zum Auftakt der EM-Quali mit 3:2 in Amsterdam gegen Holland. Eine demütigende Niederlage wie fünf Monate zuvor hätte den Bundestrainer womöglich doch noch den Job kosten können. Auch ohne den erkrankten Löw folgen im Juni zwei Siege in Weißrussland (2:0) und Estland (8:0). Die nächste Generation um Sané, Gnabry sowie die nun in der Verantwortung stehenden Confed-Cup-Sieger Joshua Kimmich, Niklas Süle oder Leon Goretzka ist Richtung EM 2020 in der Spur. (dpa)

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