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Aus dem Archiv
03.11.2020

Gerd Müller: Das schwerste Spiel seines Lebens

Einer der größten Momente im Leben von Gerd Müller. Zum 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft im WM-Finale 1974 steuerte er einen Treffer bei.
Foto: Witters

Gerd Müller war der erfolgreichste Stürmer seiner Zeit. Jahrelang litt der gebürtige Nördlinger an Alzheimer und lebte in einem Pflegeheim. Nun ist er gestorben.

Dieser Artikel stammt aus unserem Archiv – von November 2020.

Gerd Müller, der erfolgreichste Fußball-Torjäger aller Zeiten, wird heute 75. Ob er selbst das weiß, ob er es versteht? Schwer zu sagen. Der geborene Nördlinger sitzt im Rollstuhl und muss mit pürierter Nahrung gefüttert werden. "Er isst so gut wie nichts mehr", sagt seine Frau Uschi, die ihn seit fünf Jahren täglich in einem Pflegeheim vor den Toren Münchens besucht.

Gerd Müller leidet seit Jahren an Alzheimer-Demenz. "Es ist schön, wenn der Gerd kurz die Augen aufmacht", sagt Uschi Müller in Bild. "Er ist ruhig und friedlich, muss, glaube ich, auch nicht leiden."

Das Verschwinden des Gerd Müller begann 2011

Die Krankheit ist unheilbar. Sie lässt die Menschen langsam verschwinden. Müllers Verschwinden begann 2011. Das Taxi, das von Trento aufbrach, kam nicht weit. Schon nach wenigen hundert Metern ließ sich der kleine Mann mit den grauen Haaren und dem gepflegten Vollbart am Bahnhof absetzen. Es war fünf Uhr morgens.

Der Fahrgast hatte bemerkt, dass er nicht genügend Geld für eine derart weite Fahrt dabeihatte. Er wollte den Zug nehmen. Mit der Bahn aber ist er dann auch nicht gefahren. Desorientiert und verwirrt sei er gewesen, als Polizisten Müller am frühen Morgen aufgriffen, hieß es.

Seine Frau Uschi, mit der Müller seit über 50 Jahren verheiratet ist, hat ihn damals aus Norditalien abgeholt. Uschi war immer da, wenn Gerd sie gebraucht hat. Und das war häufig der Fall.

Irgendwann war die Erkrankung nicht mehr geheimzuhalten

Der FC Bayern, der Müller als Nachwuchstrainer beschäftigt hatte, spielte den Vorgang herunter. Der Verein, der seinen Spielern mehr als man es glauben möchte, nicht nur Arbeitgeber sondern auch Retter in verschiedensten Malaisen des Lebens war, hat Müller auch hier geschützt und gestützt. Irgendwann war die Erkrankung nicht mehr geheimzuhalten.

Als am Abend des 6. Oktober 2015 die Nachricht von Müllers Erkrankung über die Agenturen lief, blieb nicht nur in vielen Sportredaktionen für Momente die Zeit stehen. Es waren die alten Bilder in den Köpfen, die nicht zu einem dementen Jahrhundertstürmer passen wollen. Wie der Sport in seiner kraftstrotzenden, leistungsorientierten Jugendlichkeit überhaupt immer irritiert, wenn er auf Verfall und Ende trifft.

"Kleines dickes Müller" taufte ihn sein erster Trainer beim FC Bayern

In wenigen Fußballern auf der Welt war das Außergewöhnliche derart konzentriert, wie in den 1,76 Metern, auf die sich ein erstaunlich rundlicher Körper erstreckte. Für einen Weltklassestürmer war Müller eigentlich zu klein und zu pummelig. "Kleines dickes Müller", hat ihn Zlato "Tschik" Cajkovsky gerufen, sein erster Trainer beim FC Bayern. Der Jugoslawe durfte das. Er war kleiner als Müller und dennoch einer der besten Außenstürmer der Welt gewesen.

Gerd Müller war als jüngstes von fünf Kindern in Nördlingen geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ein Straßenfußballer, wie viele in seiner Zeit. Aber anders als andere war er schüchtern und bescheiden. Als Zwölfjähriger schloss er sich dem TSV Nördlingen an, dessen Spielstätte ein halbes Jahrhundert später zum "Gerd-Müller-Stadion" ernannt wurde.

Mit 14 begann er eine Weberlehre. Mit 17 debütierte er in der Nördlinger Männermannschaft, die er praktisch im Alleingang in die Landesliga schoss. Nach 47 Toren in 28 Partien war klar, dass im Ries ein Juwel heranwuchs. Eines, dass sich der damalige Bundesligist 1860 München gerne gesichert hätte. Doch der FC Bayern war eine Stunde früher im Hause Müller aufgekreuzt. Für 4400 Mark Ablöse wechselte der spätere Jahrhundertstürmer zu den Roten. Nebenher arbeitete er halbtags bei einem Möbelhändler.

Gerd Müller traf wie er wollte

Müllers Start beim damaligen Regionalligisten FC Bayern verlief holprig. "Was soll ich mit dieses Junge, diese Figur, unmöglich", maulte Trainer Cajkovsky und ließ den Nördlinger zunächst links liegen. Am Ende der Aufstiegssaison in die Bundesliga hatte "kleines dickes Müller" 39 Mal getroffen. Sein außergewöhnliches Talent aus beinahe jeder Lage ein Tor zu erzielen, war nun nicht mehr zu übersehen. Müller hatte einen siebten Sinn für den Weg des Balles und ein ausgeprägtes Gefühl für Raum und Zeit. Auf diese Weise hat er es in den Duden geschafft. Müllern nannte man das, was Müller tat. Ein "Bomber der Nation", wie er fälschlich beschrieben wurde, war er nicht. Er traf selten spektakulär oder aus großer Distanz. Sein Stilmittel war Raffinesse, nicht Kraft.

Müllers Tore waren Grundlage für die Entwicklung des FC Bayern zum deutschen Rekordmeister und international ruhmreichsten Aushängeschild der Bundesliga. Von 1974 – 76 gewannen die Münchner dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister, geprägt von der Achse Maier – Beckenbauer – Müller. Müller war im Zenit seines Könnens. Deutscher Meister, Europapokalsieger der Landesmeister, Weltmeister – er schoß die entscheidenden Treffer.

"Ohne Gerd Müllers Tore", hat Franz Beckenbauer später immer wieder die Verdienste des Nördlingers in den 60er und 70er Jahren hervorgehoben, "würden sich die Spieler des FC Bayern heute noch in einer Holzbaracke umziehen". Auch wenn bekannt ist, dass Beckenbauer gerne vereinfacht, ist die Botschaft klar. Ohne einen Müller, der auf unerklärbare Art all die Bälle, die Beckenbauer & Co. nach vorne geschaufelt hatten, ins gegnerische Tor bugsierte, wären die Münchner nie zur Weltmarke aufgestiegen – und natürlich 1974 nicht Weltmeister geworden.

Erst profitierte der FC Bayern, dann die Nationalelf

So wie der FC Bayern hat auch die Nationalelf von seinen Toren profitiert. Zehn Müller-Tore bei der WM 1970 mit der anschließenden Kür "Europas Fußballer des Jahres" waren ein Höhepunkt seiner Karriere. Müller war der erste deutsche Spieler, dem diese Ehre zuteil wurde. Zwei Jahre später: der WM-Triumph in Deutschland. 2:1 im Finale gegen Holland. Die deutschen Torschützen waren Breitner und natürlich Müller. Nach dem Abschied vom FC Bayern 1979 zog es Müller dorthin, wo sich damals alle Großen der Fußball-Welt noch ein üppiges Übergangsgeld verdienten – in die USA. Es begann die schwierige Zeit in Gerd Müllers Leben. Auf die Frage, was er nach der Profikarriere macht, hatte er keine befriedigende Antwort. Müller hat immer die Sicherheit gefehlt, sich neben dem Platz so zu bewegen, wie sie sich Franz Beckenbauer im Laufe der Zeit erworben hat.

Als Fußball-Pensionär übernahm Müller als Teilhaber ein Steakhouse, in dem er den prominenten Gastgeber spielen sollte. Er, der auch nach zwei Jahren in den USA kaum einen Satz Englisch sprach, in der Rolle des Unterhalters. Das musste schief gehen. Müller fand sich in seinem neuen Leben nicht zurecht und begann zu trinken. Ohne Perspektive kehrte er mit seiner Frau Uschi, die in der Anfangszeit seiner Karriere auch seine Managerin war, und seiner Tochter Nicole nach München zurück. Aber auch hier wusste er nichts mit sich anzufangen. Er hatte keine Aufgabe mehr. Saß nur rum. Stürzte in eine Lebenskrise.

Die innere Leere betäubte er mit Alkohol – bis sich Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß seiner annahmen. Nach einer erfolgreichen Entziehungskur, in der Müller phasenweise ans Bett gefesselt war, schien sich das Leben des erfolgreichsten Fußball-Stürmers aller Zeiten wieder zum Guten zu wenden. Der FC Bayern engagierte Müller als Assistenz- und Nachwuchstrainer. Müller war beschäftigt und das in der einzigen Welt, in der er zu Hause war. Fast 20 Jahre lang, bis ihn die Demenz ihrer ganz langsam für immer entriss. "Jetzt", sagt Uschi Müller, "schläft der Gerd seinem Ende entgegen."

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