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Handball-WM

19.01.2019

Das Tal durchschritten, den Blick gen Gipfel

Trainer Christian Prokop (links) schonte gegen Serbien zahlreiche seiner Stammkräfte, darunter Uwe Gensheimer und Andreas Wolff. Weil auch die zweite Reihe überzeugte, sind die Aussichten nicht schlechter geworden.
Bild: Soeren Stache, dpa

Der Enttäuschung gegen Russland folgte das beste Spiel seit Jahren. Nun: Umzug nach Köln, noch mehr Fans und der feste Glaube daran, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Die deutsche Mannschaft ist bereit, Geschichte zu wiederholen

Tolle Fotos waren das. Klatschnasse Handballer in Schlauchbooten. Mutig hatten sie sich eine Raftingstrecke hinunterstürzt, sich gegenseitig geholfen, zusammengearbeitet und den reißenden Fluss gebändigt. Das war im Sommer. In Japan. Während eines Trips, der anfangs nicht bei jedem Nationalspieler Begeisterungsstürme hervorrief. Der eine oder andere hätte die zehn Tage direkt im Anschluss an eine strapaziöse Saison lieber mit der Familie verbracht. Doch jetzt, über ein halbes Jahr später, spüren die deutschen Handballer, dass damals etwas gewachsen ist, auf das sie jetzt zurückgreifen können: ein neuer Zusammenhalt.

Als am Montagabend für ein paar Stunden der Winter Einzug in Berlin hält, fährt die deutsche Mannschaft in ihrem schwarzen Bus schlecht gelaunt durch die Bundeshauptstadt. Das liegt weniger an den kühlen Temperaturen und den glatten Straßen als vielmehr an der Leistung, die sie kurz zuvor in der Arena am Ostbahnhof abgeliefert hat. 22:22 gegen Russland. Ein Rückschlag bei dieser Heim-Weltmeisterschaft, die gerade durch den überragenden 34:21-Erfolg zwei Tage zuvor gegen Brasilien an Schwung aufnahm. Doch dann der jähe Rückschlag.

Denn die Russen gehören längst nicht mehr zur ersten Garde in ihrer Sportart. „Wir waren die traurigsten Spieler des Turniers“, räumt Kreisläufer Hendrik Pekeler später ein. Jeder malt sich zu diesem Zeitpunkt aus, wie trostlos sich diese WM fortsetzen könnte, wenn das Team des Gastgebers mit der Hypothek von drei Minuspunkten in die Hauptrunde starten würde. Dann wäre eine Medaille kaum noch realistisch. Denn die eigentliche Prüfung in der ersten Gruppenphase wartet zu diesem Zeitpunkt ja noch. 26 Stunden später. Gegen Frankreich, den Titelverteidiger.

Es gibt eine kurze Analyse, aber kein Klagen, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen, sondern ein Gemeinsinn. „Wir haben uns zusammengerappelt“, erklärt Paul Drux. Die Nationalspieler liefern gegen die Franzosen eine Leistung ab, die nicht nur Bob Hanning, den Vizepräsidenten des Deutschen Handball-Bundes, etwas staunend zurücklässt. „Das war das beste Spiel in den vergangenen zwei Jahren“, frohlockt der starke Mann des deutschen Handballs angesichts des 25:25. Dass der Ausgleich, wie auch schon gegen Russland, erst in den Schlusssekunden fällt, verkommt zur Randnotiz. Hervorgehoben wird vielmehr: Das erste Tal bei diesem Turnier ist durchschritten. „Das hat uns zusammengeschweißt“, betont Drux am Donnerstag nach dem 31:23 zum Abschluss der tollen Tage von Berlin gegen Serbien – dem dritten Sieg im fünften Spiel.

„Wir haben Stresssituationen gemeinsam bewältigt“, freut sich Bundestrainer Christian Prokop, wobei der 40-Jährige seit Wochen das Wort „gemeinsam“ so gerne betont. Vor einem Jahr in Kroatien hat er erlebt, wie seine Truppe zusammenfiel, wie es Grabenkämpfe gab, wie er den Zugang zu den Spielern mit jedem Tag mehr verlor. Das lag an ihm, an der Mannschaft, an den Verantwortlichen, die sich alle treiben ließen. Jeder in eine andere Richtung. Eine Mannschaft war das nur noch auf dem Papier. In Wahrheit trug eine Ansammlung von Kleingruppen das gleiche Trikot.

Ein Jahr später ist das anders. „Alle haben brutal an sich gearbeitet“, findet Hanning. Ob innerhalb eines Jahres die große Liebe zwischen Spielern und Trainer ausgebrochen ist, vermag niemand zu beurteilen. Die braucht es auch gar nicht. Aber es hat sich wieder eine bestens funktionierende Einheit gebildet, die natürlich durch den Faktor des Heimturniers mit seiner besonderen Stimmung gleichermaßen zusammengehalten wie angetrieben wird.

Statt Tristesse, wie vor einem Jahr in Kroatien, herrscht Euphorie. Der WM-Traum lebt – was auch damit zusammenhängt, dass das Remis gegen Russland nicht mehr in der Wertung ist. Der Olympiasieger von 2000 hat die Hauptrunde verpasst, weil er gegen Brasilien verlor.

Mit 3:1 Punkten reist die deutsche Mannschaft aus Berlin ab. Bestens gelaunt steigen die Spieler in den Flieger Richtung Köln. An diesem Samstag wartet die Aufgabe gegen Island (0:4 Zähler, 20.30 Uhr, ARD)), am Montag folgt die Partie gegen Kroatien (4:0), am Mittwoch gegen Europameister Spanien (2:2). Wer die Franzosen über weite Strecke dominiert, der muss vor diesen drei Mannschaften keine Angst haben. Schon gar nicht, wenn ihm die Unterstützung von fast 20000 Zuschauern sicher ist. In Berlin waren es 13500.

Nach dieser Vorrunde ist klar: Dem Gastgeber ist alles zuzutrauen. Positiv wie negativ. Die Defensive imponiert. 22 Gegentreffer sind es bislang im Schnitt. Das ist ein überragender Wert. Im Angriff fehlt dagegen noch die Selbstverständlichkeit. Um es tatsächlich ins Halbfinale nach Hamburg zu schaffen, braucht es in der Offensive besondere Momente. So wie die von Martin Strobel und Fabian Wiede gegen Frankreich, die beide urplötzlich explodierten. Oder einen von Steffen Fäth, der das Potenzial dazu in sich trägt, es bislang aber lediglich angedeutet hat.

Dieses Team hat einen Plan, der stark an das Wintermärchen von vor drei Jahren erinnert. Diese Abwehrstärke und dieser Teamgeist führte die einstigen „Bad Boys“ 2016 bei der EM in Polen ganz nach oben. „Bad Boys“ nennen sie sich heute nicht mehr. Die sind in Kroatien auf der Strecke geblieben. „Bad Boys“ brüllen sie auch nicht mehr. Der neue Schlachtruf heißt „Ganbaru“ - das bedeutet „sein Bestes geben“ und ist japanisch.

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