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Frauenfußball

18.09.2011

Der weibliche Özil

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Fatmire Bajramaj konnte am Samstag in der Augsburger Arena lächeln. Mit einer herausragenden Leistung und zwei Treffern hatte sie großen Anteil am 4:1-Erfolg der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft.
Bild: Schöllhorn

Fatmire Bajramaj liefert beim 4:1 gegen die Schweiz eine herausragende Leistung ab. Die Leichtfüßigkeit der Fußballerin des Jahres macht die WM-Enttäuschung vergessen.

Es wird noch ein wenig dauern, bis die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen die Weltmeisterschaft im eigenen Land abhaken kann. Das Turnier verlief mit dem Viertelfinal-Aus einfach zu enttäuschend – nicht nur für das gesamte Team, sondern auch für die einzelnen Spielerinnen. Fatmire Bajramaj beispielsweise. Bei ihr schlug sich der mediale Druck direkt auf die Leistung nieder. Ohne Selbstvertrauen behandelte die hübsche Offensivspielerin den Ball während der WM, fand sich deshalb gar auf der Ersatzbank wieder.

Ganz anders hingegen trat die 23-Jährige am Samstag in der Augsburger Arena gegen die Schweiz auf. Sie dribbelte, wirbelte und passte mit der Leichtigkeit, die sich die Fans während der WM gewünscht hätten, und trug so zum 4:1-Erfolg im ersten EM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz weit mehr als ihre zwei Treffer bei.

Jedes Erfolgserlebnis, mittelfristig ist es die Europameisterschaft 2013 in Schweden, hilft den arg gebeutelten Vorzeigefußballerinnen, die Vergangenheit zu bewältigen. Das Spiel gegen oft überfordert wirkende Schweizerinnen war ein Anfang. Bajramaj, am Samstag eine Art weiblicher Özil, bemühte sich, ihren Auftritt ein wenig kleiner zu machen, als er war. Bloß nicht schon wieder den Druck erhöhen. „Man kann sagen, es war ein ordentliches Spiel von mir“, sagte sie nach der Partie. Spitzenform sei etwas anderes, „da geht noch mehr“, fügte sie hinzu.

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Auch Bundestrainerin Silvia Neid wollte ihre herausragende Protagonistin nicht allzu sehr loben, um die Erwartung niedrig zu halten. „Sie kann über außen sehr gut spielen, sie kann auch im zentralen Bereich sehr gut spielen“, sagte Neid. Mehr nicht. Neid zieht Lehren aus der WM, als die deutschen Kickerinnen schon vor dem Turnier Weltmeisterinnen waren. Man übt sich in Bescheidenheit.

Dennoch, etwas mehr Lob hätte sich Bajramaj von ihrer Chefin schon verdient gehabt. Als zentrale Spielerin hinter der einzigen Angreiferin Alexandra Popp, die viel arbeitete, aber im Abschluss oft unglücklich agierte, lebte sich Bajramaj vollends aus. Sie war so ziemlich an jeder torgefährlichen Aktion beteiligt, entweder indem sie eine Idee oder Vorlage gab oder indem sie selbst den Ball aufs Tor schoss. Sie schlug mitunter schneller Haken, als ihr Pferdeschwanz hin und her wedeln konnte.

Bajramaj wirkte gelöst, konnte wieder lächeln, als sie nach dem Spiel am Zaun Zuschauerhände abklatschte. Dies fiel auch Mitspielerin Linda Bresonik auf, die ungewohnt offensiv auf rechts die Außenbahn bearbeitete und sich neben Bajramaj und der eingewechselten Martina Müller als Torschützin auszeichnete. „Ja, ich fand, sie war heute sehr befreit“, sagte Bresonik.

Vor der Partie war Bajramaj zur deutschen Fußballerin des Jahres gekürt worden, beflügelt habe sie dies nicht, meinte sie hinterher. Eine Ehre sei es natürlich und auch ein Trost. Da war sie also wieder, die Enttäuschung der WM. Nach dem Turnier hatten mit Kerstin Garefrekes, Ariane Hingst und Birgit Prinz langjährige Stammkräfte das DFB-Team verlassen, jetzt folgte ein kleiner Umbruch. „Nach jedem Ende kommt ein Anfang“, sagte Linda Bresonik dazu. Unter der Woche hatten sich die Kickerinnen nochmals zusammengesetzt, nochmals über diese unangenehmen Erlebnisse des Sommers gesprochen und nochmals viel diskutiert. Was herauskam? Das bleibt intern, meinte Bundestrainerin Neid nach dem Spiel auf der Pressekonferenz.

Offensichtlich erscheint, dass die neue Spielführerin Nadine Angerer, die beim Treffer der Schweizerin Ramona Bachmann chancenlos war, und andere Führungsspielerinnen nach einer neuen Hackordnung forschen. Auch Bajramaj möchte dabei eine Rolle spielen, bekundete sie in den Katakomben der Augsburger Arena. Da schimmerte dann doch das Selbstbewusstsein durch, das sich die Kreativspielerin im ersten Spiel nach dem Abschied von Rekordnationalspielerin Birgit Prinz geholt hatte.

Prinz, die WM-Verbitterte, stand für körperliche Überlegenheit und Muskelkraft, sie setzte sich mit ihrer Wuchtigkeit durch, die im Misserfolg als Schwerfälligkeit gedeutet wurde. Ein Problem, mit dem auch die deutsche Männer-Nationalmannschaft lange kämpfte.

Bajramaj hingegen überzeugt durch Technik, kaum durch Athletik. Sie löst Situationen filigran, leichtfüßig, weniger kraftvoll. Ein Stil, der inzwischen bei den Männern praktiziert wird und mit dem am Samstag auch bei den Frauen Leichtigkeit zurückkehrte.

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