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Leichtathletik-WM 2019

29.09.2019

Die Sportler quälen sich durch die Hitze - und das Stadion ist leer

Die hohen Temperaturen in Katar bringen auch Top-Sportler an ihre Grenzen. Hier kippt sich Svetlana Kudzelich aus Weißrussland während des Marathons eine Wasserflasche über den Kopf.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Die Wettkämpfe in Katar führen die Athleten an die Grenze der Leistungsfähigkeit. Den um Mitternacht gestarteten Marathon brechen viele entkräftet ab.

Draußen auf dem riesigen Vorplatz brennt die Wüstensonne mit aller Macht auf den Beton. Weit über 40 Grad herrschen dort selbst im Schatten der vereinzelten Palmen, die Luftfeuchtigkeit treibt jede einzelne Schweißpore ans Limit. Langsam schleppen sich die Menschen in Richtung des riesigen Khalifa-Stadions, das aus dem Staub am Rande Dohas ragt. Ein kühler Hauch umweht das Gebäude, das zwei markante Bögen überspannen. Viel war im Vorfeld darüber geschrieben und geredet worden, ob und wie es die Katarer schaffen, ein komplettes Stadion trotz offenen Dachs auf eine erträgliche Temperatur herunterzukühlen.

Sicher ist: Sie haben es geschafft. Oben auf den Rängen und unten auf der Tartanbahn fühlt es sich nach einem lauen Frühlingsabend im Allgäu an. Zwischen 25 und 27 Grad zeigt das Thermometer. Ab und zu streicht eine kühle Prise durch die Reihen. Die kalte Luft strömt aus rund 500 Düsen in die Arena. Nur während des Speerwurfs soll die Anlage ausgeschaltet werden.

Das Stadion gleicht einem riesigen Kühlschrank ohne Deckel

Die Speerwerfer reagieren empfindlich auf Luftströmungen, die die Flugeigenschaften ihres Arbeitsgeräts stören könnten. Über die Ökobilanz dieses riesigen Kühlschranks ohne Deckel ist wenig bekannt. Angeblich stammt ein Großteil der aufgewendeten Energie aus erneuerbaren Quellen, sagen die Veranstalter. Das kann man glauben oder auch nicht. Für den Hinterkopf: Katar ist deshalb so unermesslich reich, weil sich unter seinem Staatsgebiet die gigantischste Erdgasblase der Welt bläht. Was läge näher, als diese quasi kostenlose Energiequelle anzuzapfen.

Was bleibt, sind Fragen und ein angenehm temperiertes Stadion. In dessen Genuss alle Sportler kommen – außer die Marathonläufer und Geher. Wie es denen ergeht, war erstmals in der Nacht von Freitag auf Samstag eindrucksvoll zu beobachten. Die Frauen starteten um Mitternacht ihren WM-Marathon – bei immer noch 32 Grad und 74 Prozent Luftfeuchtigkeit. 68 Läuferinnen schickte Katars Staatsoberhaupt Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani höchstpersönlich auf die Strecke.

Sebastian Coe ist Präsident vom Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.
Bild: Sven Hoppe (dpa)

Ihm zur Seite standen Sebastian Coe, frisch wiedergewählter Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, und der unvermeidliche IOC-Präsident Thomas Bach. Alle lächelten und klatschten. 68 liefen also los, darunter keine deutsche Starterin, 40 erreichten in den flutlichterhellten Straßen von Doha das Ziel. Der Rest gab auf und wurde in gekühlte Behandlungsräume gebracht, viele saßen zitternd in Rollstühlen. Siegerin Ruth Chepngetich aus Kenia hielt durch und benötigte 2:32:43 Stunden. Es war die langsamste Zeit, für die es je einen WM-Titel gab.

"Über dieses Rennen wird man noch in Jahrzehnten sprechen"

Chepngetich kippte dann wenige Minuten nach ihrem Sieg während eines Interviews um. Es war mittlerweile kurz vor 3 Uhr morgens. Bei den Gehern kamen tags darauf etwas mehr als die Hälfte an. Carl Dohmann wurde starker Siebter und sagte danach: „Ich wusste, dass es hart wird. Aber dass es so hart wird, hätte ich nicht gedacht. Über dieses Rennen wird man noch in Jahrzehnten sprechen.“

Im Khalifa-Stadion sind die Athleten nicht mit derart brutalen Bedingungen konfrontiert. Sie müssen nur eine Hürde überwinden: die Mixed-Zone. Diesen Bereich, in dem die Sportler nach ihren Wettkämpfen Interviews geben, haben die Veranstalter derart gekühlt, dass mancher schon nach Eiszapfen Ausschau gehalten hat. Verschwitzt und ausgelaugt nach dem Rennen ist das die perfekte Erkältungsfalle. „Hier ist es eindeutig am kältesten“, sagte die Sprinterin Gina Lückenkemper und ließ sich eine Trainingsjacke reichen.

Im weiten Rund des Stadions ist es dieser Tage am angenehmsten. 50000 Menschen passen dort hinein. Da in Katar die Liebe zur Leichtathletik offenbar nicht ganz so stark ausgeprägt ist, wurden beide Oberränge vorsichtshalber abgehängt. Um die restlichen Plätze zumindest einigermaßen zu füllen, haben die Organisatoren jede Menge Freikarten an Gastarbeiter verteilt. Trotzdem kamen am Samstagabend zum 100-Meter-Rennen der Männer, das Highlight jeder WM, nur etwa 10000 Menschen. Mit der Begeisterung, die vergangenes Jahr während der EM im Berliner Olympiastadion geherrscht hatte, ist das alles nicht zu vergleichen. Hier und da singen ein paar afrikanische Schlachtenbummler. Ansonsten herrscht: vornehme Zurückhaltung. Nur wenn ein katarischer Sportler – meist Läufer, die aus afrikanischen Ländern eingebürgert wurden – auf der Bahn ist, klatschen auch die Herren in den weißen Dischdaschas, dem traditionellen Männergewand auf der Arabischen Halbinsel.

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