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Fußball-EM: In Wembley stehen 2000 Deutsche Fans gegen 40.000 Engländer

Fußball-EM

In Wembley stehen 2000 Deutsche Fans gegen 40.000 Engländer

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    Zuschauer strömen in London ins Wembley-Stadion.
    Zuschauer strömen in London ins Wembley-Stadion. Foto: Alberto Pezzali, dpa

    Wenige Stunden vor Anpfiff appellierte ein Fan via Facebook noch einmal an jene 2000 Deutschen, die Glück hatten. Diese 2000 Fans, die ein Ticket für den Klassiker England gegen Deutschland ergatterten hatten, weil sie ihren Wohnsitz in Großbritannien haben, und am Abend in Vertretung die schwarz-rot-goldene Flagge schwenken werden. Normalerweise, so die Schätzung, wären mehr als 10.000 Fans aus

    Während in der Innenstadt unter grauem Himmel und bei strömendem Regen Stunden vor Beginn noch keinerlei Fußballstimmung herrschte, pilgerten ab dem frühen Mittag Fans in Richtung Wembley-Stadion. Große Gesänge der Three-Lions-Unterstützer waren nicht zu hören und auch allzu viele Flaggen nicht zu sehen – genauso wenig wie Masken oder die Einhaltung von Distanzregeln. Die Gesänge und Fahnen dürften bis zum Anpfiff kommen, bei den Covid-Restriktionen verhält es sich vermutlich anders. Immerhin, mit einem Ticket für das Achtelfinale erhielt man auch einen persönlichen 30-minütigen Zeitkorridor, während dem man ins Stadion gehen sollte. Mit dieser Maßnahme wollten die Behörden erreichen, dass es kurz vor dem Anpfiff nicht zum großen Gedrängel kommt. Ansonsten aber wurde das Befolgen der Regeln von den Ordnern kaum überprüft. „Wenn man 45.000 Leute zulässt, kann man das nicht mehr kontrollieren“, sagte ein Mann am Eingang und zuckte die Schultern. Ist das fahrlässig, wie manche sagen? Oder würde es schon gut gehen, wie andere meinen?

    So viele Coronafälle in Großbritannien wie seit Anfang Februar nicht mehr

    Ausgerechnet in der Hauptstadt Großbritanniens sind so viele Besucher zugelassen, wo die Delta-Variante des Coronavirus derzeit besonders massiv grassiert. Zwar musste jeder Fan vor dem Eintritt entweder einen negativen Test vorweisen oder belegen, dass sie oder er vollständig geimpft ist. Doch ob das ausreicht in diesem Stadium der Pandemie, bezweifeln zahlreiche Beobachter. Gerade wurde bekannt, dass die Fälle im Königreich innerhalb von einer Woche um fast 50 Prozent stiegen. Zwar haben fast zwei Drittel aller erwachsenen Briten bereits beide Impfungen verabreicht bekommen und rund 85 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten. Doch die Zahl der Neuinfektionen nimmt seit Wochen drastisch zu. Am Samstag erst wurden 18.270 Menschen positiv getestet, das waren so viele wie seit Anfang Februar nicht mehr. Deutschland stufte das Königreich schon vor einiger Zeit als Virusvariantengebiet ein, was bedeutet, dass man nach der Rückkehr in die Bundesrepublik 14 Tage in Quarantäne muss. Vor Ort handelt es sich bei den Fans neben den in London ansässigen Deutschen also nur um wenige Schnellentschlossene, die bereits Anfang letzter Wochen anreisten – und für die 90 Minuten mindestens 19 Tage Isolation in Kauf nehmen. ​

    Auf der Webseite des Deutschen Fußball-Bundes wurde am Freitag bekanntgegeben, dass die Uefa Tickets nur Anhängern anbieten könne, deren Wohnsitz in der sogenannten Common Travel Area liege. Dazu zählen Großbritannien, Irland, Isle of Man, Guernsey und Jersey. Hintergrund dafür sind die aktuellen Einreisebestimmungen der britischen Regierung. Die Bundesrepublik steht auf der Liste der Reiseländer in der mittleren Ampel-Kategorie „amber“, gelb. Das bedeutet, dass auf der Insel Ankommende nicht nur vor und nach ihrer Ankunft mehrere Tests machen müssen, sie haben auch eine Quarantänepflicht, die mindestens fünf Tage andauert. Damit zerschlugen sich alle Träume der Anhänger des deutschen Teams, das Spiel doch live im legendären Wembley-Stadion verfolgen zu können.

    Strikte Regeln in Londons Pubs

    Derweil bereiteten sich die Pubs in allen Teilen der Stadt am Dienstag ebenfalls auf den Klassiker vor, auch wenn die Stimmung im Mutterland des Fußballs während dieses Turniers deutlich anders ist als in Nicht-Pandemie-Zeiten. Wo sich sonst zum Fußball Trauben von Menschen vor dem Pub versammeln, wo es sonst kaum ein Durchdringen zur Theke gibt und das Bier der Pint-Gläser wegen des Gedrängels und Jubels überschwappt, herrschen nun strikte Regeln. Deutlich weniger Menschen sind in Gaststätten erlaubt, Kunden werden nur am Tisch bedient, in den meisten Pubs bestellt man per App. Gleichwohl haben andere Spiele gezeigt, dass sich die Fans mit jedem Pint und jeder Spielminute weniger an die Maskenpflicht auf dem Weg zur Toilette oder an Distanzregeln halten. Zu euphorisch werden die Mannschaften gefeiert – und plötzlich gerät das Coronavirus in Vergessenheit.

    Mehr Polizei war wenige Stunden vor Anpfiff lediglich um das Wembley-Stadium und die Fan-Zone am Trafalgar Square im Zentrum Londons zu beobachten. In der offiziellen Fan-Zone, die durch dunkle Sichtschutzzäune abgesperrt ist, geht es denn vermutlich am Strengsten zu, was Corona betrifft. Auch hier brauchen die Fans ein Ticket sowie einen negativen Test beziehungsweise den Nachweis der Doppelimpfung, um auf einer der beiden Großleinwände das Spiel zu verfolgen. Man erhält einen Tisch zugewiesen und das alles findet unter freiem Himmel statt. Wirkliche Stimmung kommt unter den nicht einmal 1000 Fans auf diese Weise kaum auf, wie ein Passant moniert. „Ich schaue das Spiel lieber zuhause vom Sofa aus“, sagt er, nachdem er einen Blick in den Innenbereich geworfen hat. „So verkrafte ich es auch besser, wenn wir mal wieder gegen Deutschland verlieren.“ Der Brite lacht auf. Die englischen Fans, sie hoffen und bangen und drücken Daumen für ihr junges, talentiertes Team. Aber Deutschland gilt als ultimativer Angstgegner, insbesondere wenn es zum Elfmeterschießen kommen sollte. Bei der WM 1990 und der EM 1996 hatte Deutschland die Engländer jeweils im Halbfinale im Elfmeterschießen aus dem Turnier geworfen. Nur einmal, im Jahr 1966, schlug das englische Team Deutschland in der Nachspielzeit mit dem wohl berühmtesten Tor/Nicht-Tor der Fußball-Geschichte. Das legendäre 3:2 im WM-Finale im Londoner Wembley-Stadion begründete erst den Mythos rund um die Begegnungen zwischen den beiden Ländern. Und die Engländer finden, es sei mal wieder an der Zeit für einen Erfolg. Der ehemalige Nationalspieler Alan Shearer präsentierte sich am Dienstagmorgen dementsprechend optimistisch. „Ich bin so aufgeregt“, verriet er Journalisten. Die Mannschaft habe „die Chance, heute Abend ihre eigene Geschichte zu schreiben“.  

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