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Interview

23.01.2021

Fußball-Kommentatorin Sabine Töpperwien: "Ich konnte Bilder erzeugen"

Für Fußball-Fans eine bekannte Stimme aus der ARD-Bundesliga-Konferenz: Sabine Töpperwien.
Foto: Dirk Borm/WDR/dpa

Plus Ihr Name ist allen ein Begriff, die Fußballspiele am Radio verfolgen: Sabine Töpperwien. Nun hört sie auf. Ein Gespräch über Pioniergeist und den Verein ihres Herzens

Sabine Töpperwien, am Donnerstag hat der WDR Ihren Rückzug aus dem Berufsleben verkündet. Welche Reaktionen sind bei Ihnen eingelaufen?

Sabine  Töpperwien: Vor allem sind es so viel mehr als ich erwartet hatte – mit einem derart überwältigenden Feedback habe ich nicht gerechnet. Ob auf dem Handy, per Mail oder in den sozialen Netzwerken - Kolleginnen, Kollegen, Zuhörerinnen und Zuhörer haben sich gemeldet und Erinnerungen geteilt, meistens in Zusammenhang mit der Bundesliga-Konferenz. Und das schönste: 99,5 Prozent waren positiv. Mir ist das Herz aufgegangen.

Als Sie vor über 35 Jahren in den Beruf einstiegen, waren die Reaktionen bestenfalls geteilt. Frauen, die über Fußball berichteten, hatten es schwer - in der Öffentlichkeit, aber auch bei den männlichen Kollegen.

Töpperwien: Das kann man wohl sagen. Ich kann mich noch gut an meine erste Konferenz beim NDR erinnern. Ich wurde als neue freie Mitarbeiterin gefragt, über welche Sportarten ich gern berichten würde. Ich sagte "Fußball" – und ich werde nie vergessen, wie mich zwölf Augenpaare entgeistert ansahen. Der Chef sagte dann: "Aber Sie sind doch eine Frau!" In dem Moment war mir klar, dass der Weg zu meinem Traumziel härter werden würde als gedacht.

Man hat Ihnen dann Rhythmische Sportgymnastik angeboten…

Töpperwien: …aber das habe ich abgelehnt, weil ich keine Ahnung davon hatte. Wir haben uns dann erst mal auf Hockey geeinigt, aber ich habe immer auf meine Chance gelauert. Als dann im September 1987 keiner für einen dreiminütigen Telefonbericht mit Schlusspfiff zum Amateuroberligaspiel zwischen Concordia Hamburg und TSV Havelse gehen wollte, kam ich zu meinem ersten Live-Einsatz. Trainer in Havelse war übrigens Volker Finke, mit dem ich später über dieses Spiel gesprochen habe. Ein paar Wochen später gab ich mein Debüt als Live-Reporterin in der 2. Bundesliga - im Hindenburgstadion des SV Meppen, der gerade aufgestiegen war. Es drängte die Kollegen in Hamburg nicht mit Macht in die emsländische Provinz. Irgendwie passte das ja: Weder der SV Meppen noch die Reporterin wurden damals mit offenen Armen empfangen. Ich habe mich dort jedenfalls sehr wohl gefühlt.

Der erste Bundesliga-Einsatz von Sabine Töpperwien: 1989 kommentierte sie für den NDR das 0:0 zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV.
Foto: Valeria Witters, Witters

1989 waren Sie wieder die Erste – der NDR nominierte Sie für das Bundesligaspiel FC St. Pauli gegen den Hamburger SV am 16. September. Bis dahin hatte noch nie eine Frau ein Bundesligaspiel live im Radio kommentiert.

Töpperwien: Ja, aber das war letztlich nur ein PR-Gag und keine Anerkennung meiner Arbeit. Ich hatte bereits beim WDR unterschrieben, weil man mir dort zusicherte, über Fußball berichten zu können – Bundesliga inklusive. Die verantwortlichen Herren beim NDR ahnten, dass es um einen Eintrag ins Bundesliga-Geschichtsbuch ging und wollten sich diese Premiere noch schnell ans Revers heften. Das Spiel endete 0:0 – mein erster Bundesliga-Torschrei war also im WDR zu hören…

Im Gegensatz zu vielen Kollegen, für die der Hörfunk ein Sprungbrett zur TV-Karriere war, hat es Sie nie mit Macht zum Fernsehen gezogen. Warum blieben Sie dem Hörfunk treu?

Töpperwien: Ganz einfach: Ich liebe das Medium Radio! Gerade im Sport bietet es die einmalige Möglichkeit, sich zu hundert Prozent einzubringen. Ich habe es genossen, nicht nur ein Bild begleitend zu kommentieren, sondern für den Zuhörer alles zu sein: Ich konnte Bilder erzeugen, Stimmungen transportieren, Fachliches und Emotionen verbinden – mit meinem Wissen, meiner Empathie und meiner Stimme. Diese Faszination – für Reporter und Hörer – bietet nur das Radio.

Ihre Leidenschaft war das Kommentieren von Spielen im Stadion - nun geht Sabine Töpperwien in den Ruhestand.
Foto: Federico Gambarini, dpa

Je mehr Sie beim WDR Managementaufgaben und 2001 die Leitung der Hörfunkredaktion Sport übernahmen, desto weniger konnten Sie Ihrer Leidenschaft Live-Reportage folgen. Haben Sie das mal bereut?

Töpperwien: Es stimmt, meine Leidenschaft gehört dem Job im Stadion. Aber es war auch eine Herausforderung, die Redaktion als Teamplayer zu führen. Höhepunkt war sicherlich die Aufgabe, bei der WM 2006 das gesamte ARD-Hörfunkteam zu koordinieren und zu steuern. Da musste ein bundesweites Puzzle gelegt werden. Dass ich als ARD-Teamchefin auf diese Weise am legendären Sommermärchen beteiligt war, hat viel Spaß gemacht. Wir hatten im Team ein tolles Wir-Gefühl, wie eine Sportmannschaft. Mein Credo war immer: Erst, wenn das letzte Glied in der Kette motiviert ist und gut arbeitet, ist auch das Gesamtprodukt gut.

Ein ganz anderer Ritterschlag Ihrer Laufbahn war wohl, dass Otto Rehhagel Sie als Gesprächspartnerin akzeptiert hat – obwohl für ihn ja lange Frauen nur in der Rolle der Spielerfrau im Fußball einen Platz hatten. Wie haben Sie das hinbekommen?

Töpperwien: Es lag an seiner Frau Beate. Sie hatte mich im Radio gehört und ihrem Mann gesagt: Da gibt es jetzt eine, die macht das richtig gut – mit der kannst Du ruhig reden. Geholfen hat mir auch der Name, denn mein Bruder Rolf hatte ja lange einen sehr guten Draht zu Otto.

Nun ist also Schluss, und zwar abrupt. Schon an diesem Wochenende sind Sie nicht mehr im Einsatz. Warum gönnen Sie sich kein Abschiedsspiel?

Töpperwien: Weil das in diesen Corona-Zeiten einfach überhaupt keinen Spaß machen würde – das wäre trostlos. Sich sozusagen ganz offiziell in einem leeren Stadion von diesem Beruf verabschieden, in dem ich es immer ganz besonders genossen habe, mich von der Atmosphäre und der Stimmung in einem vollen Stadion packen zu lassen und das dann an die Zuhörer weiterzugeben – nein, das wollte ich nicht.

Sabine Töpperwien, Sportchefin von WDR 2 und Fußballkommentatorin, beendet zum Ende des Monats ihre Laufbahn als Sport-Journalistin.
Foto: Karlheinz Schindler, dpa

Vielleicht gibt es ja ein Kurz-Comeback, wenn alle wieder ins Stadion dürfen. Welches Spiel hätten Sie denn gern?

Töpperwien: Ja, über diese Möglichkeit habe ich auch schon nachgedacht. Ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen zum Abschied gesagt: Wenn ihr mich nicht vergesst und mir was Gutes tun wollt, dann würde ich gern das Spiel des 1. FC Köln gegen Bayern München kommentieren – Köln ist meine zweite Heimat, hier lebe ich seit 31 Jahren und der FC Bayern ist seit Kindertagen der Verein meines Herzens. Es würde auch in anderer Hinsicht passen, denn das war auch die letzte Paarung, die ich vor Corona kommentieren durfte – 1:4 am 16. Februar 2020.

Zum Abschluss eine Frage, die Sie vor fast neun Jahren mit "Absolut ausgeschlossen" beantwortet haben: Glauben Sie, dass wir es noch erleben, dass eine Frau das Finale einer WM oder EM im TV kommentiert?

Töpperwien: Nein, zu meinen Lebzeiten wird es das nicht geben. Die Entscheidungsträger werden auch dann noch durchweg Männer sein…

Zur Person: Sabine Töpperwien wurde am 6. Oktober 1960 geboren und wuchs in Osterode/Harz auf. Mit Vater, Mutter und Bruder Rolf besuchte sie die Heimspiele des VfR Osterode. Die Tischtennis-Zweitligaspielerin zog es nach dem Studium der Sozialwissenschaft in den Sportjournalismus. Über Praktika bei Tageszeitungen kam sie 1985 zum NDR, der sie 1987 fest anstellte. 1989 folgte der Wechsel zum WDR. 2001 übernahm sie dort die Leitung der Hörfunk-Sportredaktion. Nach 36 Berufsjahren – davon 32 beim WDR – hört die Wahl-Kölnerin Ende Januar 2021 aus gesundheitlichen Gründen auf.

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