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Fußball
18.08.2021

Lionel Messi, Paris St. Germain und Geld aus Katar - ein Wahnsinn, der keiner ist

Lionel Messi läuft künftig für Paris Saint-Germain auf. Ein letztes Indiz für die veränderte Struktur im europäischen Spitzenfußball.
Foto: Francois Mori, dpa

Katar zahlt seit Jahren Millionenbeträge an Paris Saint-Germain. Dort spielt jetzt auch noch Überflieger Messi. So holt man Meisterschaften und bekämpft sein schlechtes Ansehen.

Der Fußball mal wieder als Parabel für das Leben. Eine der vorzüglichsten Eigenschaften des Menschen ist es, schnell zu vergessen. Nur so können Partnerschaften auch schlimmste Enttäuschungen überstehen. Ein Strauß Blumen, ein paar nette Worte – Saulus, Paulus.

Als sich im Frühling 2021 einige der populärsten Mannschaften Europas mit einer Superliga selbstständig machen wollen, stellt sich Paris Saint-Germain entgegen. "Als Verein sind wir eine Familie und Gemeinschaft, die von unseren Fans zusammengehalten wird. Ich glaube, dass sollten wir nicht vergessen", spricht Präsident Nasser Al-Khelaifi und schließt aus, dass sein Verein an der einträglichen Veranstaltung teilnehmen wird.

Ausgerechnet Paris Saint Germain verweigert sich der Liga der Superreichen

Dabei wären über Jahre hinweg dreistellige Millionen-Beträge garantiert gewesen. So ist es eben auch und ausgerechnet dem katarischen Unternehmer Al-Khelaifi zu verdanken, dass weiter in der Champions League Millionen eingesammelt werden und nicht in der Liga der Superreichen.

In Madrid und Barcelona, Mailand und Turin hatten sie ja den neuen Wettbewerb als überlebensnotwendig dargestellt. Anders sei das Geschäftsmodell schlicht nicht aufrechtzuerhalten. Um Millionen in Spieler zu investieren, müssen Millionen erwirtschaftet werden. Die Bilanzen der Profiklubs haben allerdings wenig mit der Einnahmen-Ausgaben-Gegenüberstellung eines Privathaushalts gemeinsam. Fußball-AGs gehen kreativer vor.

So stellte Real Madrid wenige Monate nach dem Scheitern der Superliga David Alaba als Neuzugang vor. Die Münchner wollten die zehn Millionen Netto-Jahresgehalt nicht aufbringen, die der österreichische Nationalspieler forderte. In Madrid ist man Spielern gegenüber spendabler. Selbst, wenn Wochen zuvor der Ruin kaum noch abzuwenden gewesen war.

Joan Laporta, Präsident des FC Barcelona, räumt den enormen Schuldenberg des Klubs ein.
Foto: Joan Monfort, dpa

In Barcelona räumte Präsident Joan Laporta gerade erst ein, dass die finanzielle Lage aus dem Gleichgewicht geraten sei . Allein die Spielergehälter würden 103 Prozent der jährlichen Einnahmen betragen. Das ist mehr Sturz mit etlichen Frakturen statt einfacher Schieflage. Die Schulden belaufen sich auf 1,3 Milliarden Euro.

Hier kommen nun wieder die Pariser Retter des Fußballs ins Spiel. Weil es selbst dem in Finanzfragen recht freizügigen spanischen Ligaverband unvernünftig erschien, den katalanischen Klub weiter nicht vorhandenes Geld ausgeben zu lassen, griff er zum drastischsten Mittel: Er trieb ein Nationalheiligtum in die Ferne.

Messi nicht in Barcelona? Wird als nächstes die Sagrada Familia versetzt?

Lionel Messi in einem anderen als dem Trikot Barcelonas schien ähnlich undenkbar wie die Sagrada Família in der Fußgängerzone Gelsenkirchens. Künftig aber wird der Argentinier tatsächlich für die Pariser auflaufen. Barcelona wurde es per Dekret verboten, den auslaufenden Vertrag mit Messi zu verlängern. Überschuldung und so.

Altaristokratische Probleme, die in Paris keine Rolle spielen. Dort steht seit 2011 Nasser Al-Khelaifi dem Klub vor, dem lange Zeit ein ähnliches Image anhaftete wie der Berliner Hertha. Allzu grau für eine Stadt von Weltformat. Der Katarer Khelaifi brachte sich über die Beteiligungsgesellschaft Qatar Sport Investments ein, die schnell 100 Prozent der Aktienanteile des Klubs erwarb. Geld spielte fortan eine nur noch untergeordnete Rolle am Eiffelturm.

Die katarische Tourismusbehörde spendete als Hauptsponsor über 200 Millionen Euro pro Jahr – ohne beispielsweise auf dem Trikot in Erscheinung zu treten. Da stutzte selbst die Uefa, die in Finanzfragen nur ungern bremsend einschreitet. Eine kurze Mahnung. Dann wieder: Laissez-faire.

PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi (l) lotste Lionel Messi nach Paris.
Foto: Stephane De Sakutin, dpa

Dabei hatte sich der europäische Fußballverband ja mal ein Reglement gegeben, das finanzielle Exzesse verhindern sollte: Financial Fairplay. Der Ausweichpfade gibt es viele. Al-Khelaifi hat den elegantesten genommen. Der Pariser Präsident ist Mitglied des Exekutivkomitees der Uefa und steht der Spitzenklubvereinigung ECA vor. Der Sport wartet immer mal wieder mit interessanten Rechtssystemen auf.

"Eines möchte ich klarstellen: Wir wollen die Regeln des Financial Fairplay immer einhalten und beachten. Wir haben vor dem Messi-Transfer auf unsere Zahlen geschaut und abgewogen, ob es möglich ist, diesen Transfer zu stemmen. Es war möglich. Bevor wir etwas tun, prüft unser Finanzteam alles", sagt der Präsident. Was er eben so sagt, wenn nichts zu befürchten ist.

PSG-Boss Al-Khelaifi war ein hervorragender Tennisspieler

Dem Mann ist immerhin nicht abzusprechen, sich in der Welt des Sports auszukennen. Al-Khelaifi war selbst ein ausgezeichneter Tennisspieler, trat für sein Heimatland im Davis Cup an, machte international allerdings nicht weiter auf sich aufmerksam.

Zwei Mal durfte er bei Turnieren der höchsten Kategorie ran, beide Male verlor er in der ersten Runde. Beste Weltranglistenposition: 995. Nationale Spitze, international keine große Nummer. In Paris läuft es besser für den 47-Jährigen.

Er hat keine Sanktionen zu befürchten ob der 40 Millionen Euro, die Messi pro Jahr netto verdienen soll. Immerhin können die Pariser für sich geltend machen, diesmal keine Ablöse gezahlt zu haben. Anders noch als bei Neymar und Kylian Mbappé, die in den Jahren 2018 und 2019 für 222 Millionen beziehungsweise 145 Millionen Euro verpflichtet wurden und somit die beiden teuersten Spieler der Welt sind. Für die nun laufende Saison rüsteten die Pariser ihre Mannschaft mit dem italienischen Nationaltorwart Gianluigi Donnarumma, dem aus Liverpool geholten Niederländer Georginio Wijnaldum und Reals Abwehrfiesling Sergio Ramos auf. Einzig für Inters Außenverteidiger Achraf Hakimi musste der Klub eine Ablöse zahlen. 60 Millionen. Lächerlich.

Sogar die Festgeldkonto-Bayern sind zum Sparen gezwungen

Mag sein, dass all die namhaften Neuzugänge nach Paris ziehen, um in sehenswerter Umgebung möglichst anstrengungsfrei der Meisterschaft entgegenzustreben. Warum dann aber nicht nach München wechseln?

Die Corona-Pandemie hat den Fußball durchgeschüttelt, es allerdings verpasst, ihn auf die Füße zu stellen. Ausgerechnet jene Klubs, die von jeher abschätzig auf ausgeglichene Bilanzen blicken, sind der große Gewinner. Selbst die Festgeldkonto-Bayern spüren die satten Auswirkungen des Virus. Zu gern würde Trainer Julian Nagelsmann mit dem Leipziger Marcel Sabitzer sein ausgedünntes Mittelfeld verstärken. Die aufgerufenen 20 Millionen Euro hätten vor zwei Jahren eine umgehende Vertragsunterschrift zur Folge gehabt.

Nun aber sollen erst noch Transfererlöse erwirtschaftet werden, ehe ein Neuzugang präsentiert werden kann. Bayern-Präsident Herbert Hainer hat einen Umsatzrückgang in Höhe von 150 Millionen Euro infolge der Pandemie genannt. Eine Summe, die in Paris nicht viel geringer gewesen sein dürfte.

Nicht nur Paris St. Germain gibt Millionensummen aus. Chelsea zahlte 115 Millionen Euro für Romelu Lukaku an Inter Mailand.
Foto: Piero Cruciatti, dpa

Auch in Frankreich durften lange keine Fans ins Stadion, konnten keine überteuerten Trikots und lauwarme Würstchen kaufen. Für Messi und Co. aber reichte das Geld trotzdem. Die Katar-Millionen machen es möglich, und so steigen immerhin die Chancen, sich den großen Traum vom Champions-League-Titel endlich zu erfüllen. Dem nämlich jagen die katarischen Investoren nun schon seit zehn Jahren hinterher.

Die Pariser hatten die im Frühjahr abgelehnte Superliga schlicht nicht nötig. Sie werden auch alimentiert, wenn sie in der Liga gegen Metz, Lens und Montpellier spielen statt Woche für Woche gegen Real, Milan oder Chelsea.

Sie sind allerdings kein Solitär im europäischen Fußball. Vergangene Woche erst wechselte der belgische Stürmer Romelu Lukaku für 115 Millionen Euro von Inter Mailand zum FC Chelsea. Kurz davor zahlte Manchester City 120 Millionen Euro an Aston Villa, um sich die Dienste von Jack Grealish zu sichern. Chelsea erhält sein Geld vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, City gehört zu großen Teilen der Herrscherfamilie des Emirats Abu Dhabi.

"Sportswashing": Was Katar mit den Millioneninvestitionen bewirkt

Katar und Abu Dhabi überweisen seit Jahren Milliardenbeträge, die sich auf den ersten Blick finanziell niemals lohnen können. Und auf den zweiten Blick ebenso wenig. "Ich reibe mir auch gelegentlich verwundert die Augen, wie das alles funktioniert", sagt Bayern-Coach Nagelsmann, der immerhin im Besitz eines Vordiploms in Betriebswirtschaftslehre ist. "Ich weiß nicht, wie das alle hinkriegen."

Sie kriegen es auch nicht hin. Zumindest nicht auf herkömmliche Weise.

Die Anstrengungen der Geldgeber werden unter dem Begriff "Sportswashing" zusammengefasst. Einziger Zweck: über den Sport das Ansehen steigern. Für die Emire und Scheichs ist es von Zeit zu Zeit ganz angenehm, wenn in Zusammenhang mit ihren Ländern nicht nur von einem autoritären Regime gesprochen wird, von sklavenähnlichen Angestelltenverhältnissen oder der Unterdrückung von Frauen. Sondern: Messi, Guardiola, Titel.

Hinzu kommt, dass Fußball mittlerweile anders rezipiert wird als vor 20 Jahren. Kinder und Jugendliche müssen nicht mehr auf die "Sportschau" warten, um die besten deutschen Spieler in Ausschnitten zu sehen. Highlight-Videos der größten internationalen Stars sind rund um die Uhr auf Tablets abzurufen. Wo im E-Jugendtraining früher vier Kinder ein Bayern- und drei ein 1860-Trikot anhatten, läuft heute Mbappé neben Ronaldo, Neymar neben Benzema. Support your local team! Aber wieso denn, wenn jedes Team nur einen Smartphone-Wisch entfernt ist. Wenn Messi in der Hosentasche wartet.

Man zeigt, was man hat: Paris Saint Germain präsentierte unlängst die Neuzugänge Achraf Hakimi, Georginio Wijnaldum, Torwart Gianluigi Donnarumma, Sergio Ramos und Lionel Messi (v.li.).
Foto: Sebastien Boue, Witters

Am vergangenen Wochenende präsentierte sich die neue Pariser Superhelden-Gang erstmals dem Publikum. Hakimi, Wijnaldum, Donnarumma, Ramos und Messi posierten vor dem ersten Saisonspiel. Die Fans jubelten entrückt. Zu viele Stars können den Brei nicht verderben. Kaum verwunderlich daher, dass auch Cristiano Ronaldo mit den Parisern in Verbindung gebracht wird. Dann wären endgültig die größten Stars der Szene in einer Mannschaft versammelt. Es ist ein unrealistisches Szenario. Andererseits: Warum eigentlich nicht?

Woher das Geld für die Stars stammt, ist nicht nur den Pariser Fans reichlich egal. So wie es auch für die meisten Anhängerinnen und Anhänger des FC Bayern nebensächlich ist, dass mit Qatar Airways die nationale Fluggesellschaft des Emirats als zahlungswilliger Ärmelsponsor auftritt.

Der Einsatz von Geld ist immer nur dann abzulehnen, wenn der Vorteil nicht auf der eigenen Seite liegt. Auch das lässt sich vom Fußball problemlos auf andere Bereiche übertragen.

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