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Fußball
21.08.2018

Nach WM-Aus und Rassismus-Debatte: Krisentreffen mit Löw

Joachim Löw hat in Frankfurt seine Pläne und Maßnahmen nach dem WM-Desaster vorgestellt.
Foto: Boris Roessler, dpa

Der Bundestrainer, DFB-Präsident Grindel und die Manager der Profiliga DFL arbeiten das WM-Debakel auf. Die Bundesliga will künftig ein gehöriges Wort mitreden.

Die Ecke Guiollettstraße und Ulmenstraße ist gemeinhin kein besonders frequentierter Treffpunkt im feinen Frankfurter Westend. Die in diesem Areal des Bankenviertels arbeitenden Angestellten haben sich jedenfalls sehr gewundert, warum fast den ganzen Tag Übertragungswagen die Gehsteige belegten, Fotografen die Einfahrt zu einer Tiefgarage belagerten und Kamerateams vor Hausnummer 48 lungerten. Letztmals ist Fredi Bobic, der Sportvorstand von Eintracht, bei der Triumphfahrt nach dem Pokalsieg häufiger geknipst worden als beim Eintreffen vor der Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL). Kurz darauf bekamen Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Präsident Reinhard Grindel das Blitzlichtgewitter ab. An ihrem Gefährt prangte der bunte Slogan der Euro 2024-Bewerbung "United by Football. Vereint im Herzen Europas."

Aber zuvor muss sich erst einmal der deutsche Fußball wieder vereinen, der nach dem ersten Vorrunden-Aus der WM-Geschichte inklusive einer hässlichen Rassismus-Debatte so viel Trennendes einbrachte, dass ein hochrangiger Krisengipfel nötig wurde. Drei Stunden dauerte die Aussprache mit Führungskräften von fünf Klubs und Vertretern der DFL-Kommission Fußball. Mit allen, die in der Liga was zu sagen haben: Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern), Hans Joachim Watzke (Borussia Dortmund) und Christian Heidel (FC Schalke 04), Max Eberl (Borussia Mönchengladbach), Jörg Schmadtke (VfL Wolfsburg), Rudi Völler (Bayer Leverkusen) oder Stefan Reuter (FC Augsburg).

Bezeichnenderweise traten Verbandschef Grindel und Liga-Präsident Reinhard Rauball am frühen Abend gemeinsam vor die Kameras, um zuerst Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff "das Vertrauen" auszusprechen. Grindel sprach vom "intensivsten Austausch, den wir in der jüngeren Vergangenheit gehabt haben". DFL und DFB würden an einem Strang ziehen. Rauball glaubte, es habe "sich gelohnt". Motto: Schulterschluss statt Schuldzuweisung. Dabei erfolgte die Rückdeckung ja erst nach allerlei Ränkespielen. Dass die Unterredung mit Charakter einer Vollversammlung sogleich am Stammsitz des Profifußballs stattfand, besaß Symbolwert.

Dialog über effizientere Prozesse im Hause des DFB

Nachdem die Nationalmannschaft ihre eigenen Grundwerte teils mit Füßen trat und hernach ihre Verantwortungsträger alles nur noch schlimmer machten, wollen die Profivertreter solch amateurhaftes Tun nicht mehr dulden. Die DFL legte in ihrer verbreiteten Mitteilung Wert darauf, dass vereinbart wurde, in "dieser Besetzung in absehbare Zeit erneut zusammenzukommen, die Kommunikation miteinander zu optimieren, konkrete Felder für eine Zusammenarbeit zu identifizieren und Verbesserungen zu beschließen." Und auch bei der Strukturdebatte lässt speziell DFL-Chef Christian Seifert nicht locker: Der Dialog über effizientere Prozesse im Hause des DFB werde weitergeführt. Mit Nachdruck vermutlich.

Quintessenz: Nur mit Liga-Hilfe kann der Neuanfang der Nationalelf gelingen, wenn schon deren sportliche Leitung bleiben darf. Die Bundesligisten sehen auch sich selbst in der Verantwortung. Deren Sportchefs wissen – genau wie Bierhoff – um das Nachwuchsproblem, das sich in naher Zukunft eher vergrößert statt verkleinert. Und da sind mehr die Nachwuchsleistungszentren unter Klub-Hoheit als die Junioren-Nationalmannschaften unter DFB-Obhut gefordert. Löw ("Wir brauchen wieder echte Spezialisten auf manchen Positionen") wird solche Aspekte in seiner Analyse sicherlich vertiefen, von der im Detail am Freitag zuerst das DFB-Präsidium erfahren wird, ehe sich der Bundestrainer am Mittwoch der Öffentlichkeit stellt. Dann gibt Löw auch seinen Kader fürs erste Länderspiel zum Neustart bekannt, wenn es am 6. September in München zum Auftakt der Nations League gegen Weltmeister Frankreich geht.

Verselbstständigung der DFB-Vermarktungsmaschinerie

Dass viele Klubs bei der Spielersuche in der Transferperiode vorwiegend im Ausland fündig wurden, ist ein weiteres Indiz für nachlassenden Zufluss an deutschen Talenten. Die sportlichen Probleme greifen direkt in die Schnittstelle zu den wirtschaftlichen Interessen: Wenn die Nationalmannschaft auf einmal als Zugpferd ausfällt und das Prädikat "Weltmeisterliga" zum Nachbarn wandert, schrillen die Alarmglocken. Uli Hoeneß (FC Bayern) ist die Verselbstständigung der DFB-Vermarktungsmaschinerie schon länger ein Dorn im Auge. Hier will die Liga rote Linien ziehen. Zwar hatte der Abnabelungsprozess in der Bierhoff-Ära viel Gutes, aber irgendwann führte die "Mannschaft" – spätestens mit Erfindung dieses Markennamens – ein Eigenleben.

Dass Grindel am vergangenen Wochenende seinen mächtigsten Direktor Bierhoff genau an diesem Punkt angezählt hat, um sich öffentliche Zustimmung zu holen, kam nicht überall gut an. Wie es hieß, hängt für den DFB-Boss weiterhin alles daran, wie in einem Monat die Abstimmung über die Euro 2024 ausgeht. Gewinnt tatsächlich der einzige Mitbewerber Türkei, dann wäre der deutsche Fußball nämlich so tief gefallen, wie es einen Steinwurf weiter vom Versammlungsort der Deutschen Bank am Dienstag passiert ist.

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