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Porträt

22.11.2017

"Ich bin nicht euer Boris": Warum dem Ex-Tennisstar der Kragen platzt

Boris Becker, ist der Chef des deutschen Herren-Tennis.
Bild: Peter Kneffel (dpa)

Er gilt als ewiges Wimbledon-Wunderkind. Und als ewiger Lebemann mit privaten Problemen. Boris Becker wird am Mittwoch 50 und ist genervt. Und wer ist schuld daran?

Es ist ein Frühlingsabend in seidenweicher Luft, in einem mondänen Klub in Dubai. Boris Becker sitzt am Tisch, er ist in diesem Moment noch der Coach des damaligen Tennis-Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic. Becker hat ein Glas Rotwein vor sich, ab und zu steckt er sich einen Zigarillo an. Es soll eigentlich um Djokovic gehen, um den Trainerjob. Aber an diesem sehr entspannten Abend am Arabischen Golf geht es schnell um viel mehr. Es geht um sein ganzes Leben, um die Höhen und Tiefen, die er durchmessen hat. Es geht um die Brüche, die Verwandlungen, auch um einen Becker, der immer auf der Flucht gewesen ist. Davor, festgelegt zu werden. Vereinnahmt.

Becker war nie ein einziger Becker. Sondern ganz viele Beckers. Er war sehr früh und sehr entschlossen auch derjenige, der sich gegen die allzu innige öffentliche Umarmung auflehnte. Und der sich später über Kreuz legte mit Deutschland, mit allen, die meinten, ihm jeden Tag Ratschläge geben zu müssen.

Beckers Gesicht rötet sich an jenem Abend, als er auf dieses Thema zu sprechen kommt, eines seiner Lieblingsthemen. „Ich bin niemandem etwas schuldig. Ich lebe mein Leben, wie es mir gefällt“, sagt er. Natürlich fällt dann dieser Satz, den er in den letzten Jahren immer wieder gesagt hat: „In Deutschland glauben viele immer noch, dass ich der 17-jährige Bursche bin, der Wimbledon gewonnen hat.“

Tatsächlich ist Becker ja der, der in diesem blutjungen Alter Wimbledon gewonnen hat. Aber er ist eben jetzt der Mann, der seinen 50. Geburtstag feiert. Er hat vier Kinder von drei Müttern, ist Chef einer bunten Patchwork-Familie, lebt längst mit Ehefrau Lilly und Sohn Amadeus in London, ganz bewusst weg von diesem schwierigen Deutschland, das er fasziniert hat als mitreißender Tennissolist. Das ihn aber immer argwöhnisch beäugt hat in den vielen Jahren nach der Profikarriere, in denen er nicht selten wie ein Hasardeur wirkte. „Ich bin dankbar, dass ich in London eine Heimat gefunden habe. Mit Menschen, die mich hier gut leben lassen“, sagt Becker, „direkt neben einem Ort, der mir so viel bedeutet.“

Wimbledon! Immer wieder dieses Wimbledon!

Was eine monströse Untertreibung ist. Denn Becker meint mit diesem Ort Wimbledon, das mythisch umrankte Tennisareal, dessen Centre Court er aus dem obersten Geschoss seines Hauses sehen kann. Was bedeutet ihm Wimbledon heute noch? „Es ist der Ort meiner zweiten Geburt“, sagt Becker, „da fing ein anderes Leben an.“

Ein Moment für die Ewigkeit: Boris Becker ist 17, als er erstmals in Wimbledon gewinnt und die Welt über seinen „Becker-Hecht“ staunt.
Bild: Rüdiger Schrader, dpa

Fast alles, was in diesem Leben passierte, hat mit Wimbledon zu tun. Mit diesem 7. Juli 1985, an dem er den Matchball gegen den Südafrikaner Kevin Curren verwandelte und zum (bis heute) jüngsten Sieger der Turniergeschichte wurde. Von einer Sekunde zur anderen sei er „in ein anderes Universum geschleudert worden“, sagt Becker in jener Nacht in Dubai. „Ich wollte natürlich immer ein großer Sieger sein. Aber was es bedeutet, Wimbledonsieger zu sein, wusste ich nicht.“

Es begann ein Leben ohne Beispiel, ein Leben, das vor allem davon geprägt war, dass Becker gegen den Strom schwamm. Gegen die deutsche Wunschvorstellung, wie er als Idol sein sollte. Noch immer klingt diese Wut durch, wenn Becker nun in einem Interview sagt: „Ich war nie euer Boris. Und ich bin nicht euer Boris.“ Was er jetzt kühl anmahnt, nämlich der Herr Becker zu sein, das verlangte er Reportern schon früh ab, die ihn wie selbstverständlich im Kumpelton duzten.

Das Verrückte an Becker ist auch dies: In all den Aufgeregtheiten, in allen Wirren seines Lebens, ist er sich treu geblieben – als jemand, der sich nicht greifen lässt und sich auch nicht greifen lassen will. „Bei mir weiß man nie, was kommt“, sagt Becker ganz trocken, „ich weiß es oft selbst nicht.“ So war das auch in jenen Jahren, in denen er über die Kontinente und durch die Zeitzonen jettete. Es war eben jene buchstäbliche Unfassbarkeit, die seine Magie ausmachte: das Schwanken zwischen den Extremen, manchmal in einem Spiel, manchmal über ganze Jahre. Becker konnte Spiele drehen, die verloren schienen. Und Spiele verlieren, die er eigentlich schon gewonnen hatte. Er fesselte die Nation vorm Fernseher, er war ein Phänomen, in seiner Zeit der mitreißendste Tennisspieler, einer der bewegendsten Einzelsportler überhaupt.

Alles, was er tat, wurde zur Staatsaffäre. Wurde von Literaten wie Martin Walser („ Tennis ist eine Religion. Und Becker ist ihr Gott“) genauso wie von einem wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker kommentiert. Hinter Beckers Dramen verschwanden sogar Auftritte der Fußball-Nationalmannschaft.

Er pflegte die Attitüde des Rebellen

Auch die Attitüde des Rebellen, die er zuweilen pflegte, war nationales Gesprächsthema, etwa, als er sich auf die Seite von Hausbesetzern in der Hamburger Hafenstraße schlug. Wie blickt er auf diese Zeit zurück? „Es war ein Leben ständig am Limit. Ein verrücktes Leben. Ich hatte mit 20 schon mehr erlebt als andere mit 100 Jahren“, sagt Becker.

Es war allerdings auch so, dass Becker nicht leben konnte ohne die Anstrahlung des Scheinwerferlichts. Mit dem, was er selbst „Öffentlichkeit“ nannte, verband ihn immer eine Hassliebe. Er genoss seine Popularität. Und er verfluchte sie im nächsten Moment. Daran hat sich nicht viel geändert in all den Jahren. An Becker und dem Thema Becker war nie ein Mangel.

"Ich bin nicht euer Boris": Warum dem Ex-Tennisstar der Kragen platzt
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Boris Becker wird 50: Seine Erfolge, seine Frauen

Auch nicht, weil sich ein zweiter einschneidender Moment in seinem Leben – wiederum im Umfeld von Wimbledon – abspielte, bei seinem allerletzten Tennisturnier, am Abend nach seinem finalen Match gegen den Australier Pat Rafter. Becker war in jenem Juli 1999 schon Familienvater, er hatte mit seiner Frau Barbara einen Sohn, Noah, und das Ehepaar war in guter Erwartung des zweiten Kindes.

Und dann dies: Nachdem Becker mit deutschen Journalisten beim gemeinsamen Plausch über das letzte Wimbledon und das neue Leben schon ordentlich gezecht hatte, zeugte er mit der zufälligen oder nicht so zufälligen Bekanntschaft Angela Ermakowa eine Tochter. Drei Monate später flatterte einer Rechtsanwaltskanzlei Beckers ein Fax auf den Tisch, in dem die Schwangerschaft von Frau Ermakowa bekannt gegeben – und als Vater Boris Becker identifiziert wurde.

Vieles von dem, was in den vergangenen Jahren über Becker geschrieben wurde, ist auf diesen letzten Tag seiner aktiven Karriere zurückzuführen. Denn Beckers Leben danach, nach den Hundejahren auf der Tennistour, war plötzlich ein ganz anderes geworden, als er sich ausgemalt hatte.

Beckers Ehe ging in die Brüche, ein öffentlicher Scheidungsprozess zog sich quälend hin. Er musste schließlich zahlen, zahlen, zahlen. Für den Unterhalt nicht nur an seine Ex-Frau Barbara, sondern auch an die Ermakowa-Familie.

Im Chaos der familiären Verwicklungen blieb auch der Geschäftsmann Becker oft ohne Fortüne. Wie man inzwischen weiß, begann in jener Zeit auch sein Schuldendilemma. Ganz offensichtlich gab er schlicht mehr Geld aus, als er zur Verfügung hatte. Was einen wie Beckers großartigen ersten Manager Ion Tiriac nur den Kopf schütteln lässt, ihn, den rumänischen Milliardär mit der Finstermiene: „Zu unserer gemeinsamen Zeit war er der reichste Sportler der Erde. Er hätte mühelos bis ans Lebensende mit diesem Geld leben können.“ Trotz dieser unvorhergesehenen privaten Verpflichtungen.

Becker glaubte, alles allein regeln zu können

Tiriac ist auch so einer, ohne den das Leben Beckers nicht zu erklären ist. Der gerissene Geschäftsmann hielt in den ersten Jahren von Beckers Karriere den Laden zusammen. Nie hatte dieser einen besseren Berater in allen Lebensangelegenheiten. Aber er verstieß ihn Anfang der 90er Jahre, so wie er später immer wieder Freunde oder Trainer verstieß. „Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen. Ein einsamer Wolf sogar“, sagt er, „ich habe auch nicht viele, die ich Freunde nennen würde.“ Erklärt das auch die Schwierigkeiten, die der Privatier und Geschäftsmann Becker hatte?

Er glaubte jedenfalls immer, er könne die Dinge gut und gerne allein regeln, irgendwie, irgendwann, mit irgendwem. Aber nie hatte er so hellsichtige Köpfe an seiner Seite wie Tiriac oder später den Münchner Rechtsanwalt Axel Meyer-Wölden. Der Titel, den die ARD eben einer längeren Betrachtung Beckers widmete, muss ihm sicher gefallen haben: „Der Spieler“ heißt dieses Porträt, und so sieht er sich auch jetzt noch immer am liebsten. Als Spieler, der allein auf dem Court die Entscheidungen fällte. Oder später als Firmenchef oder am Pokertisch. Sein gelegentliches Scheitern im Big Business verklärt er liebevoll: „Ich habe vieles probiert, vieles hat auch nicht geklappt. Aber das geht doch jedem so.“ Nur spielte nicht jeder mit so hohen Einsätzen wie er.

Nein, langweilig ist es einem nie geworden mit diesem Becker. Niemals seit den Julitagen des Jahres 1985 bis heute, bis zu seinem 50. Geburtstag. Er hat auch jetzt noch die Seite-1-Garantie, Kameras umschwirren ihn auf Schritt und Tritt. Gerade in den letzten Jahren war Becker so präsent wie in den großen Centre-Court-Tagen. Noch einmal Nummer 1, Wimbledonsieger und Weltmeister mit Schützling Novak Djokovic, dann die selbst gewählte Trennung vom Trainerjob, der Einstieg als TV-Experte beim Sender Eurosport, Lobeshymnen für den präzisen, launigen Kommentator.

Und im nächsten Moment die Hiobsbotschaften über die angeblichen Millionenschulden. Und dann, im wieder nächsten Moment, die Rückkehr ins deutsche Tennis, als Chef der Herrenabteilung. Großer Bahnhof in Frankfurt bei der Amtseinführung, Liveübertragung auf mehreren Kanälen. Und, ganz nebenbei, auch noch die mediale Aufmerksamkeit für den Patienten Becker, der in den sozialen Netzwerken über seine Sprunggelenks- oder Hüftgelenksoperation berichtet. Twitter, das sagt Becker übrigens auch in der Nacht von Dubai, „ist so wichtig für mich, weil ich damit die Marke und Person Becker in der eigenen Hand habe.“

Ungefiltert. Authentisch Becker.

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22.11.2017

Er war noch nie mein Boris, er ist mental ein armer Mann, der die Realität auch mit 50 noch nicht begriffen hat, er lebt noch immer in der Scheinwelt als Star. Soviel Geld wie er schon hatte, das kann man nicht verprassen sondern nur verdummen. Selbst als Pleitie lebt er auf großem Fuß den er sich garnicht leisten kann. Einsicht ist fehl am Platz.

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22.11.2017

Wenn er nicht unser Boris sein mag, dann hätte er sich nur entsprechend verhalten müssen. Es gibt Stars, die bleiben abseits ihres Berufs völlig unbehelligt.

Allerdings dürfte es für Herrn Becker von existenzieller Bedeutung gewesen sein, eben doch dauernd im Rampenlicht zu stehen. Nur so konnte er die Kohle für seinen aufwändigen Lebenswandel scheffeln. Nach seiner Tenniskarriere hat er ja nicht mehr all zu viel gerissen.

Er lebt halt nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

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