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Hoffenheim-Trainer

15.07.2016

Julian Nagelsmann: "Ich trete nicht als großer Zampano auf"

Julian Nagelsmann mit Schwester Vanessa Furkert und Mutter Burgi Nagelsmann.
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Julian Nagelsmann mit Schwester Vanessa Furkert und Mutter Burgi Nagelsmann.
Bild: Julian Leitenstorfer

Als jüngster Cheftrainer der Bundesliga hat Nagelsmann Hoffenheim vor dem Abstieg bewahrt. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Landsberger über Autorität, Druck und Millionengehälter.

Im Trainingslager sind Sie beim Canyoning aus fünf Metern Höhe mit einem Salto in einen Bach gesprungen. Was steckte dahinter?

Nagelsmann: Das habe ich nicht bewusst gemacht, bei mir kommt die Freude durch, wenn ich in den Bergen bin. Klar ist aber auch, wenn ich von den Jungs verlange, sich etwas zuzutrauen, muss ich mir auch etwas zutrauen. Ich verstehe mich als Teil der Gruppe.

Gibt es Dinge, die Sie sich nicht zutrauen?

Julian Nagelsmann: "Ich trete nicht als großer Zampano auf"

Nagelsmann: Im Fußball bin ich groß geworden, das habe ich erlernt. Da traue ich mir einiges zu, bin überzeugt von meinen Ideen. Das heißt nicht, dass ich immer nur mit meinen Ideen vorpresche. Ich treffe Entscheidungen, aber wir arbeiten in unserem Team in einem guten Miteinander, der eine für den anderen. Letztlich ist der Trainer von den Spielern abhängig. Simpel gesagt: Wenn sie Leistung zeigen, fällt die Arbeit des Trainers leichter.

Hatten Sie Zweifel, den Klassenerhalt zu schaffen?

Nagelsmann: Zweifel hatte ich keine, aber ich dachte schon: Was passiert, wenn? Sich auf beide Fälle vorzubereiten, gehört zur Professionalität dazu.

Sie haben ihre Karriere früh beenden müssen, haben gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Hilft Ihnen das jetzt?

Nagelsmann: Schon. Alles hat sich zum Guten gewendet in meiner Laufbahn. Auf schlechte Zeiten können wieder sehr gute Phasen folgen, das ist etwas, dass ich den Jungs mitgeben kann. Und: Im Leben gibt es bedeutendere Dinge als Fußball. Das gibt einem eine Portion Gelassenheit in diesem Geschäft.

Sie stehen für junge Trainer, denen Bundesligisten verstärkt vertrauen. Haben Sie eine Erklärung für diesen Trend?

Nagelsmann: Es wird nicht immer die 1a-Lösung sein, einen jungen Trainer zu holen. Die Konstellation muss einfach passen. Wir haben bei der TSG ein komplett junges Trainerteam. Wenn einige von uns einer älteren Trainerschule folgen würden und andere Inhalte vermitteln wollten, wäre das schwierig. Ich glaube aber, auch ältere Generationen sind in der Liga weiter gefragt.

Ist es manchmal sogar ein Vorteil, nicht auf eine lange Profikarriere zurückzublicken?

Nagelsmann: Gut möglich. Die Gefahr besteht darin, alles weiterhin so zu machen, wie man es erlebt hat. Verändert sich eine Situation, funktioniert Handeln nach der Erfahrung nicht mehr. Wer keine Erfahrung hat, muss immer wieder neue Entscheidungen treffen und bewerten, ob sie richtig waren.

Wie ist der Umgang mit älteren, erfahrenen Spielern?

Nagelsmann: Unkompliziert. Das liegt am Charakter der Spieler. Sobald sie merken, der Trainer kann mir etwas beibringen, ist das völlig losgelöst vom Alter.

Wie treten Sie gegenüber den Spielern auf. Duzen die Spieler Sie?

Nagelsmann: Weil ich schon Co-Trainer war, fände ich es komisch, sich zu siezen. Das ist für mich kein mangelnder Respekt. Du siehst die Spieler öfter als deine Frau und ich trete nicht als großer Zampano auf. Sollte meine Art als Trainer nicht mehr ankommen, muss ein anderer her. Ich werde mich nicht verstellen.

"Sollte meine Art als Trainer nicht mehr ankommen, muss ein anderer her."
Bild: Uwe Anspach (dpa)

Sie haben Spieler einmal mit großen Kindern verglichen, die mal Quatsch machen. Wie gefährlich sind da die Millionengehälter im Fußball?

Nagelsmann: Wenn einer damit umgehen kann, ist das nicht gefährlich. Entscheidend sind Umfeld, Elternhaus und Berater des Spielers. Die Spieler beschäftigen sich schon als Kind rund um die Uhr mit Fußball, haben neben Schule, Training und Spiel kaum Freizeit. Wenn sie frei haben, werden sie sich kaum mit ihrer Geldanlage beschäftigen. Grundsätzlich sollte man aber ein Auge darauf haben, weil man viele Freunde gewinnt, wenn viel Geld auf dem Konto ist.

Spieler haben unterschiedliche Charaktere. Wie schwierig ist es bei einer Ansprache vor dem Spiel, den richtigen Ton zu treffen?

Nagelsmann: Eigentlich ist es unmöglich, da jeden zu treffen. Deswegen fällt sie kurz aus. Ich unterteile die Spieler nach Motiven und versuche, sie nach ihren Bedürfnissen anzusprechen. Beispiel: Wenn einer Anerkennung benötigt, muss man ihm die Angst vor Fehlern nehmen.

Können Sie etwas mit dem Modewort „Konzepttrainer“ anfangen?

Nagelsmann: Ich weiß nicht, ob es Trainer gibt, die kein Konzept haben. Jeder, der in seinem Beruf erfolgreich sein will, muss Ideen entwickeln und einen Plan haben, wie er diese umsetzt. Wenn das ein Konzept ist, bin ich ein Konzepttrainer.

Was ist Ihnen lieber: Zettel und Stift oder Tablet?

Nagelsmann: Zettel und Stift.

Fußball ist sehr wissenschaftlich geworden, die technischen Möglichkeiten sind enorm. Inwieweit macht das den Fußball komplexer als er ist?

Nagelsmann: Das ist wie bei einem Smartphone. Anfangs ist alles neu, später macht man alles blind. Man muss herausfinden, was Sinn macht und Wettbewerbsvorteile bringt. Allein wegen meines Alters habe ich keine Probleme mit moderner Technik. Ein Zettel und Stift sind mir am Platz aber immer noch lieber.

Erleichtern die unzähligen Daten die tägliche Arbeit?

Nagelsmann: Man muss herausfinden, welche Datensätze etwas bringen. Grundsätzlich helfen sie, Spieler einzuschätzen. Man muss sich aber bewusst sein, dass Spieler Menschen sind, die nicht jeden Tag gleich funktionieren. Deshalb sollten Daten nicht die Grundlage dafür sein, wer spielt.

Auf welche Daten achten Sie?

Nagelsmann: Wir entwickeln eigene Daten zur Taktik oder für das Training, die der Markt großteils nicht hergibt, die aber für unsere Spielphilosophie interessant sind. Beispielsweise, wie viel Zeit Spieler im Deckungsschatten verbringen oder wie viele Spieler bei Balleroberung vor dem Ball sind.

Und Ihre Spielphilosophie wäre?

Nagelsmann: Balleroberung ohne Zweikampf.

Aber Zweikämpfe sind auch im modernen Fußball wichtig.

Nagelsmann: Das stimmt. Ein Trainer muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass man auch Eins-gegen-Eins trainieren darf.

Als Trainer muss es Sie doch ärgern, Pech und Glück nicht ausschließen zu können?

Nagelsmann: Damit muss man klar kommen. Schiedsrichterentscheidungen und andere äußere Einflüsse gleichen sich aber während einer Saison aus.

Thomas Tuchel hat Sie beim FC Augsburg Gegner analysieren lassen. Wussten Sie sofort, das will ich machen?

Nagelsmann: Zu Beginn war es eine Art Ersatzbefriedigung zum Fußballspielen. Irgendwann habe ich festgestellt, die Trainertätigkeit erfüllt mich weitaus mehr. Als Spieler konsumierst du, als Trainer musst du vorbereiten, ausführen und nachbereiten. Der Spieler hat es leichter.

Bei Julian Nagelsmann besteht nicht die Gefahr, dass er die Bodenhaftung verliert, versichert er.
Bild: Uwe Anspach (dpa)

Dann sollte eigentlich der Trainer mehr Geld bekommen?

Nagelsmann: Nein, der Spieler muss die Leistung auf den Platz zeigen. Ich denke, im Profi-Fußball muss sich niemand beschweren.

Als Cheftrainer lastet hohe Verantwortung auf Ihnen. Wie gehen Sie mit Druck um?

Nagelsmann: Ich habe keine Angst vor Tag X. Sollte ich entlassen werden, trainiere ich eben wieder eine Jugendmannschaft. Ich muss nicht in der Bundesliga arbeiten, um glücklich zu sein. Das nimmt mir sehr viel Druck.

Können Sie nach jedem Bundesligaspiel problemlos schlafen?

Nagelsmann: Das ist schwer. Man ist sehr aufgewühlt. Es dauert meist lange, ehe man nach Hause kommt. Erst dann komme ich runter. Daher kann es schon mal länger dauern, bis ich einschlafe.

Sie sind ein gefragter Interviewpartner. Besteht die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren?

Nagelsmann: Bei mir nicht. Ich habe mich nicht verändert, weil ich einen Bundesligisten trainiere. Ich habe ein Talent: Das ist Fußball. Andere haben andere Talente.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Für immer Hoffenheim?

Nagelsmann: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Das Geschäft ist so schnelllebig. Ich bin in Hoffenheim sehr glücklich. Sollte ich irgendwann woanders landen und bin dort glücklich, dann bin ich auch zufrieden.

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