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Kommentar
12.09.2016

Hymnen-Protest in den USA: Aufstehen oder sitzen bleiben?

Colin Kaepernick erhält für seinen stilen Protest Zuspruch. (Archivbild)
Foto: John G. Mabanglo (dpa)

In den USA protestieren Sportler seit Wochen gegen Rassismus und Polizeigewalt, indem sie sich bei der Hymne nicht erheben. Warum das nicht verwerflich ist.

Nationale Symbole wie Hymne und Flagge besitzen in den USA eine überragende Bedeutung und nirgendwo spielen sie eine derart große Rolle wie im Sport. Nicht nur in der Abgrenzung nach außen. Ob nationaler Football oder Fußball – am Anfang steht immer die Hymne. Die Hand aufs Herz, die Augen zur Flagge.

Wer Amerika treffen will, verweigert sich diesem Ritual. So wie San Franciscos Football-Profi Colin Kaepernick. Er bleibt seit Wochen vor jedem Spiel sitzen. Damit demonstriert er gegen Rassismus und Polizeigewalt. Amerika ist aufgebracht. Kaepernicks Weigerung teilt nicht nur das Land. Vor der Partie der Miami Dolphins gegen die Seattle Seahawks schlossen sich vier Dolphins-Spieler knieend dem Kaepernick-Protest an, während die Seahawks-Profis Arm-in-Arm zur Hymne standen. Man könnte die Unterschiede der Formationen als Beispiel jener Freiheit feiern, derer sich die USA gerne rühmen. Nur ist es aber so, dass Polizisten sich weigern, im Stadion Dienst zu tun, wenn die Athleten zur Hymne sitzen bleiben.

Darf die Hymne einfach ignoriert werden?

Im Grundsatz geht es nicht darum, ob der Sport wieder einmal vor den Karren politischer oder gesellschaftlicher Zwecke gespannt wird – das wird er, im Guten wie im Schlechten, so lange irgendwo noch ein Ball rollt – sondern um die Frage, ob der Einzelne Flagge und Hymne ungestraft ignorieren darf. In den USA sicher nicht.

Und bei uns? Ist mit der WM 2006 ein deutlich unverkrampfteres Verhältnis zu Hymne und Fahnen eingekehrt. Das war höchste Zeit, hat aber auch dazu geführt, dass inzwischen zu jeder Gelegenheit die deutsche Hymne erklingt, sich die Menschen ihr selbst beim innerdeutschen Start der Fußball-Bundesliga nicht mehr entziehen können. Dabei geht es ums Produkt, das weltweit verkauft werden will. Hymnenklänge und ein ergriffenes Publikum steigern den Wert. Darüber hinaus ist es sinnlos 22 Profis, von denen die meisten aus Brasilien, Ghana, Marokko, Polen, Serbien, Tschechien, Frankreich oder Österreich kommen mit dem Deutschlandlied zu beschallen.

Beim Auftakt Schalke 04 gegen den FC Bayern kamen 15 Spieler der Startformationen aus den genannten oder anderen Ländern. Da hatten dann nicht einmal die Lippenleser vor den Fernsehern ihren Spaß, die darauf achten, wer bei Länderspielen die Hymne mitsingt. Wer für Deutschland spielt, sagen sie, muss singen. Wer stumm bleibt dokumentiert, dass er nicht dazugehören will.

Aber spielen die da unten alle für ihr Land, nur weil sich der Zuschauer das wünscht? Kämpfen sie nicht eher für die Mannschaft, für sich selbst oder für den Erfolg, der jedem etwas anderes bedeutet? Weil das so völlig offen ist, sollte der eine singen und stehen, der andere schweigen und sitzen dürfen wie er mag.

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