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Interview

08.12.2019

Laura Dahlmeier nach Karriereende: "Ich fühle mich freier"

Laura Dahlmeier im Gespräch mit AZ-Sportredakteur Milan Sako.
Video: AZ

Exklusiv Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier spricht im Interview über ihr Karriereende, ihre neue Aufgabe als Fernseh-Expertin und ihr Leben als Studentin in München.

Sie haben vor einigen Wochen Ihren mit Mitte zwanzig völlig überraschenden Rücktritt aus dem Leistungssport verkündet. Inzwischen läuft die Weltcup-Saison im Biathlon. Wie fühlt es sich an, nicht mehr Teil des Ski-Zirkus zu sein?

Laura Dahlmeier: Schöööön, ich fühle mich freier. Ich habe das jetzt lange genug gehabt. Ich habe jedes Jahr im März und April schon gewusst, was in der kommenden Saison passiert. Wann bin ich weg, wann sind die Wettkämpfe, die Lehrgänge und, und, und… Deshalb bin ich schon sehr froh, dass mein Leben nicht mehr so krass durchgetaktet ist. Das fühlt sich gut an. Natürlich bin schon gespannt auf die neue Saison im Biathlon-Weltcup. Aber ich werde jetzt eine andere Rolle einnehmen und in einem anderen Blickwinkel auf den Sport schauen. Aber ich bin sehr glücklich und würde mich immer wieder so entscheiden.

Was waren die Gründe, für ihren abrupten Schlussstrich?

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Dahlmeier: Nach Olympia habe ich mir die Frage gestellt, ob ich wirklich bereit bin, Biathlon auf höchstem Niveau zu machen. Brenne ich noch dafür? Ich war schon ein wenig ausgezehrt nach den Spielen in Südkorea. Ich habe zuerst überlegt, mir eine Auszeit zu nehmen. Aber so einfach wollte ich es mir nicht machen und noch mal angreifen. Aber dann hatte ich eine sehr anstrengende letzte Saison mit einigen Verletzungen. Ich habe angefangen zu zweifeln, viel mehr als je zuvor. Bei der Weltmeisterschaft wollte ich noch einmal Medaillen gewinnen. Das ist mir mit zweimal Bronze gelungen. Für mich war das ein sehr großer Erfolg. Danach habe ich gemerkt: Ich stehe nicht mehr zu einhundert Prozent dahinter. Und vor allem diese Fremdbestimmtheit, das war schon das anstrengendste.

Laura Dahlmeier wird bei ausgewählten Biathlon-Übertragungen ihren Blick auf das Geschehen werfen.
Bild: Peter Kneffel/dpa

Sie haben früher angemerkt, dass es schwierig ist als Hochleistungssportler private Kontakte zu pflegen und auch während der Wintersaison mit Freunden auszugehen. Inwieweit hat sich ihr Privatleben geändert?

Dahlmeier: Es war schon möglich, etwas mit Freunden zu unternehmen. Ich war immer recht gut darin, dass ich trotz meiner sportlichen Karriere auch mal rechts und links geschaut und andere Sachen gemacht habe. Egal was man macht, es hat einen Einfluss auf die sportliche Leistung. Man muss sich disziplinieren und kann nicht andauernd fortgehen. Das haut nicht hin.

Sie meinen damit auch ihre mehrtägigen Bergtouren in Nepal oder in Südamerika mitten in der Vorbereitungsphase auf die neue Biathlon-Saison?

Dahlmeier: Ja. Man muss auch da sehr professionell sein. Ich konnte die eine oder Lücke durch das richtige Training oder eine professionelle Einstellung wieder ausmerzen. Aber jetzt ist das anders und ich kann "normaler" leben.

Früher sind Dahlmeier-Fans an dem Haus in Garmisch vorbei gepilgert, in dem Sie, ihr Bruder und die Eltern leben und haben selbst gebastelte Spiele oder Marmeladegläser für Sie abgegeben. Hat sich dieser Rummel gelegt?

Dahlmeier: Nein. Es ist noch gar nicht so lange her, dass jemand bei mir daheim an der Tür geklingelt hat und ein Foto mit mir machen wollte. Zuerst habe ich mit gedacht, dass es der Postbote ist. Das habe ich schon als dreist empfunden. Andererseits weiß ich, dass das zu den Erfolgen dazu gehört. Ich bin jetzt viel unterwegs auf verschiedenen Terminen und bekomme viel positives Feedback. Die Leute fiebern immer noch mit. Ich habe schon das Gefühl, dass ich immer noch eine Vorbildfunktion habe. Die Leute freuen sich einfach ehrlich, mich zu treffen. Ich bin immer noch als die Biathletin Laura Dahlmeier präsent und das ist schön, dass es nach wie vor so ist.

Nachdem sie ihren Rücktritt vom Biathlon-Leistungssport verkündet hatten, haben sie das Gewehr und die Langlaufski in den Keller verfrachtet. Liegen ihre Sportgeräte noch dort?

Dahlmeier: Das Gewehr ist tatsächlich erst einmal in den Waffenschrank gesperrt und die Ski in den Keller gebracht worden. Ich habe ein Zeit lang Gewehr und Ski nicht mehr sehen können und auch nicht herausgeholt. Aber am Ende des Sommers habe ich meine Sachen wieder herausgeholt. Ich war im Trainingslager am Dachstein zum hospitieren dabei und durfte mit den Athleten trainieren. Aber es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man die Sachen benutzen darf und nicht mehr benutzen muss.

Gibt es auch Dinge, die Sie vermissen werden?

Dahlmeier: Ja schon einiges. Dieses Gefühl, das perfekte Rennen hingelegt zu haben und dass man vor dem Publikum über die Ziellinie fahren darf. Das ist unbeschreiblich und das wird so in der Form wahrscheinlich auch nie mehr wieder kommen. Auch mit den Sportlerkollegen unterwegs zu sein, wird mir fehlen. Wir ticken alle sehr ähnlich und das hat mir viel Spaß gemacht.

Sie haben die Sportart gewechselt und sind zu den Leichtathleten in den Berglauf gegangen. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Dahlmeier: Ich bin durch Zufall dort gelandet. Ich habe erst mal googeln müssen, was das ist und habe mir gesagt: warum eigentlich nicht? Ich habe den einen und anderen Lauf gemacht und habe mich dadurch für die WM qualifiziert, ohne das richtig mitzubekommen. Ich habe versucht, mich richtig vorzubereiten. Aber ich konnte nicht den zeitlichen Aufwand wie im Biathlon betreiben. Der WM-Lauf war in Argentinien, mir hat es Spaß gemacht, ein neues Land kennen zu lernen.

Biathletin Laura Dahlmeier hat ihre Biathlon-Karriere mit 25 Jahren beendet.
Bild: Sven Hoppe/dpa/Archiv

Welche nächsten sportlichen Ziele setzen Sie sich?

Dahlmeier: Es ist nichts Konkretes geplant. Wenn ich mal laufen darf, werde ich das tun. Aber ich habe ja nicht mit dem Biathlon aufgehört, um sofort in dem nächsten Leistungssport hineinzustürzen. Meine nächste sportliche Herausforderung ist der Biathlon auf Schalke. Ich werde am 28. Dezember mein Abschlussrennen in der Arena laufen. Auf das bereite ich mich jetzt vor.

Beruflich gibt es eine neue Herausforderung als Biathlon-Expertin für das ZDF. Wie werden sie dafür geschult?

Dahlmeier: Ich werde mir das ansehen, bisher sind es noch nicht zu viele Termine. Bei drei Stationen soll ich aktiv dabei sein. Ob ich eine große Schulung bekomme, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, dass es nicht zu umfangreich wird.

Ist O-Ton Süd aus Garmisch-Partenkirchen im Fernsehen erwünscht oder eher verpönt?

Dahlmeier: Ich hoffe schon, dass es erwünscht ist. Wenn es ein Tabu gewesen wäre, dann hätten sie wohl kaum bei mir angefragt und die Partnerschaft wäre nicht zustande gekommen. Ich möchte nicht Auskünfte geben, die dann nur fünf Prozent der Zuschauer verstehen. Andererseits: A bisserl Mundart ist hoffentlich erlaubt.

Sie wechseln bald die Seite und werden vielleicht auch ein kritisches Wort über eine ehemalige Teamkollegin verlieren müssen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Dahlmeier: Hoffentlich darf ich nur zu tollen Leistungen gratulieren. Nein im Ernst, ich habe bereits als aktive Sportlerin eine kritische Betrachtungsweise an den Tag gelegt. Es ist wichtig zu analysieren, was richtig und was falsch gelaufen ist. Man muss da schon hinschauen. Aber als ehemalige Leistungssportlerin weiß ich ganz genau, wie es in den Athleten aussieht. Ich denke, dass ich den Zuschauern etwas mit auf den Weg geben kann, was ein anderer Kommentator nicht auf dem Schirm hat. Ich will ehrlich sein, aber keinen in die Pfanne hauen.

Also keine Wehmut dabei, nicht mehr zu den gefragten Sportlern zu zählen?

Dahlmeier: Nein, alles zu seiner Zeit. Ich hatte perfekte Jahre im Biathlon. Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist und das passt.

Sie engagieren sich für den Klimaschutz und sind selbst als Bergsteigerin viel in den Bergen unterwegs. Was hat sich dort verändert?

Dahlmeier: Ich bin wahnsinnig viel und oft draußen in der Natur. Ich merke schon die Veränderung. Zum Beispiel beim Bergsteigen. Es gibt viele historische Routen, die man aktuell nicht mehr machen kann, weil sie wegen krassen Felsstürzen nicht mehr existieren. Manchmal sind die Berge einfach nicht mehr da. Manchmal ist es so gefährlich, dass die Zustiege gesperrt sind, weil es wegen Steinschlags zu gefährlich ist. Auch die Verhältnisse an den großen Nordwänden werden Jahr für Jahr schlechter, und man braucht schon viel Glück, wenn man solche Routen klettern kann. Da merkt man die Erderwärmung. Aber auch bei Gletscherüberquerungen sieht man, dass da hunderte von Metern Eis im Vergleich zu früher fehlen. Das sind brutale Dimensionen.

Es gibt noch immer Menschen, die den Klimawandel und die Erderwärmung leugnen. Wie argumentieren Sie gegenüber solchen Leuten?

Dahlmeier: Es ist schwer sich mit erhobenem Zeigefinger hinzustellen. Bei mir selbst registriere ich, dass ich selbst in meinem Verhalten nicht alles richtig mache. Ich bin notgedrungen selbst oft mit dem Flugzeug unterwegs, das muss ich einräumen. Aber sichtbar machen kann man den Klimawandel am besten anhand von Bildern oder Videos. Es gibt das hervorragende Projekt "EagleWings - protecting the alps", das das Bewusstsein für die Werte der Natur wecken will und die Veränderung aus drei atemberaubenden Perspektiven zeigt. Zum einen mit Bildern der großartigen Fotografin Nomi Baumgartl. Dann mithilfe einer Kamera, die ein Adler auf dem Rücken trägt und schließlich mit Satellitenbildern aus dem All. Wer diese Bilder einmal gesehen, der überlegt nicht mehr, ob sich etwas wandelt oder nicht. Das ist nicht zu übersehen. Und eben nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern man sieht die Schönheit der Natur und die Veränderung auf eine sehr elegante Weise. Das hat in mir ausgelöst, dass ich viel zum Nachdenken gekommen bin.

Sie haben sich zum Wintersemester in München an der Universität eingeschrieben. Was studieren sie und wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Dahlmeier: Es ist anstrengend und macht zugleich Spaß. Ich studiere Sportwissenschaft an der Technischen Universität. Mein Hirnkastl rattert, weil es sehr theoretisch und wissenschaftlich ist. Es fällt mir nicht immer leicht und ich muss erst in das Thema reinkommen, aber ich denke, dass es den meisten Studenten so ergeht. Ich denke, dass ich ganz gut bin mich selbst zu organisieren, das bin ich vom Biathlon gewohnt. Aber das Lernen an sich ist eine Herausforderung.

Sind Sie da eine unter vielen oder mussten Sie schon ein Autogramm an der Universität geben?

Dahlmeier: Bis jetzt nicht, aber ich habe auch keine Autogrammkarten dabei. Wenn man sich mit den Studenten unterhält, kommt schon mal die Antwort: Ach, das war schon krass mit Dir am Anfang, weil du die Laura Dahlmeier bist. Aber eigentlich bist du auch nur eine Studentin wie wir alle.

Wo stehen Sie in zehn Jahren?

Dahlmeier: Ich hoffe am Berg. Aber ich kann es nicht so genau sagen. Ich habe bisher ein klar strukturiertes Leben gehabt. Ich wusste wo meine kleinen und großen Ziele sind. Das war im Biathlon immer perfekt geplant. Ich bin sehr froh, dass ich diesen konkreten Plan nicht habe, sondern dass ich einfach mal schauen kann, was mich interessiert. Es gibt einige Themen, mit denen ich mich intensiver auseinander setze. Aber wo die Reise letztendlich hingeht, kann ich jetzt nicht sagen.

Zur Person Laura Dahlmeier, 26, gewann zwei olympische Goldmedaillen 2018 in Südkorea. Das Interview wurde im BMW-Museum in München geführt, wo die siebenfache Biathlon-Weltmeisterin gegen Jugendliche in einem Spaß-Wettkampf antrat.

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