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Olympia 2021
06.08.2021

Kurz vor dem Ende: Was von den Spielen in Erinnerung bleibt

Was für ein Ende! Frank Stäbler holte im letzten Kampf seiner Karriere Olympia-Bronze.
Foto: Swen Pförtner, dpa

Ein strickender Olympiasieger, eine flüchtende Sprinterin und ein Boxer, der mit Silber so gar nichts anfangen kann. Schlaglichter dieser bemerkenswerten Spiele.

Die Olympischen Spiele enden am Sonntag und damit zwei Wochen voller Höhen und Tiefen. Einmal mehr gab es die ganze Palette an Emotionen zu sehen. Jubel, Tränen, Erstaunen, Entsetzen und manchmal einfach nur Leere. Eine Bilanz, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Ist es erwähnenswert, wenn ein Mann auf der Tribüne sitzt und strickt? Oder sollte das im Jahr 2021 nicht etwas ganz Normales sein? Probieren wir es aus. Tom Daley, 27, saß also in der Schwimmhalle des Tokioter Aquatic Centers und strickte. Vorher hatte der Mann Gold im Synchronspringen geholt, in Großbritannien ist er ein Star. Die Bilder, wie er da entspannt saß und vor sich hinstrickte, gingen um die Welt. Wie wild wurde in den sozialen Netzwerken interpretiert und politisiert, viele sahen sich in ihren Vorurteilen bestätigt.

 

Immerhin hatte sich Daley mit 19 Jahren geoutet und ist mit dem texanischen Filmemacher und Oscar-Preisträger Dustin Lance Black verheiratet. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn. "Ich bin unglaublich stolz, dass ich ein schwuler Mann und gleichzeitig Olympiasieger bin", sagte er in Tokio. Und er strickt eben gern. Darf man erwähnenswert finden, weil es ihm so herrlich egal ist, was andere darüber denken. Fertig gestrickt hat er den Pullover übrigens auch. Turmspringen kann er deutlich besser.

Ein Boxer, der eben nicht Silber gewonnen, sondern Gold verloren hat

Interessant ist auch, wie der Boxer Benjamin Whittaker Boxer auf den Gewinn einer Silbermedaille reagierte. Während der Siegerehrung nahm er die Plakette von dem dargebotenen Tablett und steckte sie in die Hosentasche. Den Rest der Siegerehrung ließ er über sich ergehen, wie andere eine Darmspiegelung. Vermutlich hatte er im gerade beendeten Finalkampf der Halbschwergewichtler zu viele Kopftreffer kassiert. Denn gegen den Kubaner Arlen Lopez war er klar unterlegen. "Ich war einfach so verärgert, weil ich das Gold wollte, nicht das Silber", sagte der Brite später. Immerhin war er sportlich genug, um anzuerkennen, dass der "richtige Mann" gewonnen hat. "Ich hatte nicht den richtigen Plan und er war viel besser, als ich dachte." Man mag sich nicht ausmalen, wie der Boxer auf den Gewinn einer Bronzemedaille reagiert hätte.

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Benjamin Whittaker konnte sich nur mäßig über seine Silbermedaille freuen.
Foto: Mike Egerton, dpa

Für den Ringer Frank Stäbler war es dagegen der größte Tag seines Sportlerlebens, als er sich eine solche um den Hals hängen durfte. Weil seine eigentliche Gewichtsklasse aus dem olympischen Programm gestrichen worden war, musste er sich acht Kilo vom Körper hungern, um eine Klasse darunter starten zu dürfen. Im vergangenen Jahr warf ihn zudem eine Corona-Erkrankung weit zurück. In London und Rio hatte er jeweils knapp eine Medaille verpasst. Tokio war seine letzte Chance. Den Kampf um Bronze hatte er über die Hoffnungsrunde erreicht – und gewann. Zurück bleiben die Bilder unglaublicher Freude und das, als Stäbler seine Schuhe auszog und im Ring stehen ließ. Es war sein letzter Kampf.

Caeleb Dressel ist der große Star der Olympischen Spiele

In ganz anderen Kategorien denkt der Medaillenhamster dieser Spiele. Traditionell kommen die erfolgreichsten Sportlerinnen und Sportler aus dem Schwimmen. Durch die Vielzahl der Strecken ist es dort am ehesten möglich, oft erfolgreich zu sein. Der US-Amerikaner Caeleb Dressel gewann fünfmal Gold . Eine sechste Goldmedaille blieb ihm verwehrt, weil sich US-Trainer in der Zusammensetzung der Mixed-Staffel verzockten.

Trotzdem dürfte Dressel Tokio in guter Erinnerung behalten. Anders als der Kanadier Cédric Fofana. Der 17-Jährige versuchte sich vom Drei-Meter-Brett, als ihn seine Nerven im Stich ließen. Er federte, hob ab und wollte den Kampfrichtern eigentlich einen dreieinhalbfachen Salto zeigen. Irgendwo auf halber Strecke verlor er dann aber den Überblick. Fofana landete schmerzhaft auf dem Rücken. Das Ergebnis: null Punkte. Nach anfänglicher Enttäuschung nahm es der Teenager aber sportlich und schrieb auf Instagram: "Nicht wirklich das Resultat, das ich erwartet habe. Aber ich schätze, ich kann trotzdem sagen, dass ich ein Olympia-Teilnehmer bin – oder was auch immer. LOL."

Patrick Moster hat den beschämendsten Auftritt der Spiele

Vermutlich seinen letzten Olympia-Auftritt hatte dagegen Patrick Moster. Immerhin sorgte der Radsportfunktionär für den beschämendsten Auftritt des deutschen Teams in Tokio. Einem seiner Fahrer rief er auf der Strecke zu, er solle sich die „Kameltreiber“ vor ihm holen – live übertragen im internationalen Fernsehen. Gemeint hat Moster zwei Sportler aus Eritrea und Algerien. Bemerkenswert auch, wie die deutsche Teamleitung mit dieser Entgleisung umging. DOSB-Präsident Alfons Hörmann wollte es erst bei einer Entschuldigung belassen, Moster sollte in Tokio bleiben. Erst als Kritik an dieser Entscheidung von allen Seiten auf den DOSB einprasselte, wurde Moster doch nach Hause geschickt. Dort gab es für ihn mittlerweile eine Abmahnung inklusive Gehaltskürzung. Dem Radsport bleibt er erhalten.

Zu Erfreulicherem. Etwa dem doppelten Olympiasieg im Hochsprung der Männer. Der Italiener Gianmarco Tamberi und Mutaz Essa Barshim aus Katar sorgten dort für ein Novum. Beide hatten die gleiche Höhe übersprungen und die gleiche Anzahl an Fehlversuchen zu Buche stehen. Eigentlich ist für diesen Fall ein Stechen vorgesehen. Tamberi und Barshim aber fragten den verdutzten Kampfrichter, ob es denn auch die Möglichkeit gebe, zwei Goldmedaillen zu vergeben. Der Gefragte überlegte kurz und sagte, dass das möglich sei. Der Rest ist Geschichte. Fraglich nur, ob dieses Modell Schule machen sollte. Im Golf beispielsweise ging es im Kampf um Bronze ebenfalls ins Stechen. Daran beteiligt: sieben Spieler. Hätten die sich auch geeinigt, wären dem IOC möglicherweise die Medaillen ausgegangen.

Ricarda Funk denkt an ihren verstorbenen Trainer

Mitten hinein in den Jubel über ihren Olympiasieg sorgte die Slalomkanutin Ricarda Funk für einen Augenblick der Stille. Sie erinnerte sich an ihren Trainer Stefan Henze, der bei einem Autounfall während der Olympischen Spiele in Rio tödlich verunglückt war. Er sei trotzdem immer dabei gewesen auf ihrer Reise, sagte sie unter Tränen. Vielleicht der ergreifendste Moment dieser Spiele.

Sicherlich die wichtigste Botschaft dieser Spiele sandte die US-Turnerin Simone Biles in die Welt. In der Glitzerwelt des Sports waren ihr die Last der Erwartungen und der Druck von außen zu groß geworden. Eine ganze Nation hatte nicht weniger als viermal Gold von ihr gefordert. Doch Geist und Körper waren nicht mehr in Einklang. Biles sagte das Mehrkampf-Finale ebenso ab, wie die im Einzel im Sprung und am Stufenbarren. Über ihre mentalen Probleme sprach sie offen. "Ich musste tun, was richtig für mich ist und mich auf meine mentale Gesundheit fokussieren und nicht mein Wohlbefinden gefährden."

Eine Frau, die vor der Politik flüchten muss

Dass sich Sport und Politik nicht trennen lassen, bewies der Fall der belarussischen Sprinterin Kristina Timanowskaja. Sie hatte in Tokio intern kritisiert, dass die Trainer sie ungefragt in die 4x400-Meter-Staffel gesteckt hatten. Daraus wurde ein Eklat. Denn laut Darstellung der Sportlerin sollte sie nach ihrer Kritik gegen ihren Willen und in aller Heimlichkeit nach Belarus zurückgeschickt werden. In ein Land, in dem Machthaber Alexander Lukaschenko Oppositionelle und Kritiker einsperren lässt. Am Flughafen in Tokio wandte sich Timanowskaja hilfesuchend an die Polizei, welche die Sportlerin in die polnische Botschaft brachte. Über Wien reiste sie nach Polen und soll dort ein Visum bekommen. Ihren Start über 200 Meter verpasste die Belarussin übrigens. Die Politik hat in ihrem Fall den Sport unmöglich gemacht.

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