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Die Schwäche von Turnerin Simone Biles ist eine Stärke

Kommentar Von Tilmann Mehl
28.07.2021

Simone Biles tritt nicht zum größten Wettkampf ihrer Karriere an. Sie ist dazu mental nicht in der Lage. Es ist eine schwierige und überraschende Entscheidung - und die richtige.

Ohne eine herausragende Konstitution ist es nicht möglich, unter Extrembedingungen extreme Leistungen abzurufen. Simone Biles und Naomi Osaka haben oft genug unter Beweis gestellt, dass sie dazu in der Lage sind. Biles ist unter anderem dreifache Turn-Olympiasiegerin, die Tennisspielerin Osaka gewann bislang vier Grand-Slam-Turniere.

Beide sind den Herausforderungen des Leistungssports mehr als nur gewachsen. Beide werden die Olympischen Spiele ohne Medaille verlassen. Biles zog wegen mentaler Probleme kurzfristig zurück. Osaka trat zwar an, schied aber früh aus . Sie hatte schon vor wenigen Wochen eine Pause einlegen müssen, als sie merkte, dass Belastung und geistige Gesundheit in keinem guten Verhältnis zueinander standen.

Kreuzbandrisse werden geflickt - auch eine Seele kann geheilt werden

So wie unter zu starker körperlicher Anstrengung Bänder, Sehnen und Muskeln Schaden nehmen, kann auch eine Seele verletzt werden. Kreuzbandrisse flickt der Orthopäde. Für mentale Schäden gibt es ebenso Hilfe – oft aber wird betroffenen Sportlern und Sportlerinnen noch unterstellt, den Herausforderungen des Leistungssports nicht gewachsen zu sein.

Für Biles und Osaka lässt sich diese Annahme verneinen. Die beiden Ausnahmeathletinnen litten unter einem Druck, den sich die wenigsten Leistungssportler vorstellen können und der für Freizeitathleten fernab jeglicher Realität liegt. Biles und Osaka wollten und sollten nicht nur die eigenen Erwartungen erfüllen, sondern die eines ganzen Landes.

Japans Tennis-Idol Naomi Osaka ist beim olympischen Turnier in Tokio ausgeschieden. Sie stand unter starkem Druck.
Foto: Seth Wenig, dpa

Biles ist schon jetzt eine Ikone des Turnsports. Sie ist 24 Jahre alt. Ihre Olympia-Wettbewerbe wurden terminlich so gesetzt, dass sie zur besten Fernsehzeit in den USA laufen. Die ehemalige First Lady Michelle Obama äußerte sich öffentlich zu ihrem Olympia-Aus.

Osaka entzündete bereits das olympische Feuer und gilt aufgrund von Hautfarbe und amerikanischen Wurzeln als japanisches Symbol wachsender Diversität.

Biles' Zeichen an alle: Es ist keine Schande, Probleme zu haben

Druck und Erwartungen können anspornen – oder lähmen. Es bedarf Stärke, sich seiner Schwäche bewusst zu sein und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Biles ist wahrscheinlich auf dem richtigen Weg. Sie hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Sie hat sich tausende Stunden in Trainingshallen gequält, hat immer und überall sämtliche sportliche Erwartungen an sie erfüllt oder übertroffen.

Nun war der Zeitpunkt gekommen, in dem der Kopf nicht mehr Herr über den Körper war. Es ist das untrügliche Zeichen, sich Hilfe zu holen. Biles zeigte enorme Reife dadurch, an die Öffentlichkeit zu gehen. Es ist ein Zeichen über den Sport hinaus: Psychische Probleme sind genauso normal wie Bänderzerrungen.

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