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Radsport
07.04.2018

Ein Sonntag in der Hölle

55 der 257 Kilometer führen über altes Kopfsteinpflaster.
Foto: Witters

Das Rennen Paris-Roubaix ist eine Tortur. Es hat zwei Weltkriege und alle Dopingskandale überdauert

„Bonne route!“ Mit diesem aberwitzigen Wunsch, eine „gute Fahrt“ zu haben, werden am Sonntag in Compiègne zweihundert Radprofis in die „Hölle des Nordens“ geschickt. „Un dimanche d’enfer“, titelte einmal die französische Sportzeitung L’Équipe. „Ein Sonntag in der Hölle“ steht zum 116. Mal im Radsport-Kalender: Paris-Roubaix, ein anachronistisches Spektakel über Kopfsteinpflaster, die „Pavés“ des nordfranzösischen Kohlereviers.

Dieses Monument des Radsports aus dem vorletzten Jahrhundert hat zwei Weltkriege und sämtliche Dopingskandale überdauert. Die „Königin der Klassiker“, 1896 geboren, ist ein Mythos. 54,5 brutale Kilometer über „Pavés“ auf der 257 Kilometer langen Strecke werden Mensch und Material durchrütteln.

Das belgische Team Quick-Step Floors kann gleich zwei Trumpfkarten ausspielen: den Holländer Niki Terpstra, am vergangenen Sonntag Solo-Sieger bei der Flandern-Rundfahrt und 2014 schon einmal Erster auf dem Vélodrome in Roubaix, und Philippe Gilbert. Der 35-jährige Wallone, Weltmeister von 2012 und zuletzt Dritter der Flandern-Rundfahrt, hat sich die Schüttel-Qual in seiner ruhmreichen Karriere erst einmal angetan, 2007 (52.). Ein Triumph wäre deren Krönung.

Die Hauptkonkurrenten: Olympia- und Vorjahressieger Greg Van Avermaet (Belgien), Dreifach-Weltmeister Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe und John Degenkolb, der Zweite von 2014 und Sieger von 2015. Die Flandern-Rundfahrt stecke ihm zwar noch in den Beinen, ließ der Oberurseler auf der Pressekonferenz seines Teams Trek-Segafredo wissen. Degenkolb erreichte das Ziel auf Rang 32. Inzwischen sei das Gefühl für Sonntag aber gut.

Sein Triumph 2015 war ein historisches Ereignis. Den ersten Kopfstein-Klassiker hatte 1896 der Münchner Josef Fischer gewonnen – und über ein Jahrhundert keinen deutschen Nachfolger gefunden. Bis Degenkolb siegte. Der Thüringer, der 2016 verletzt fehlte und im Vorjahr Zehnter wurde, weiß, wie man hier gewinnt: „Man darf nicht die Nerven verlieren. Wer etwas erreichen will, darf keine Kräfte verschleudern, muss am Ende noch viele Körner übrig haben und im entscheidenden Moment attackieren.“

Der „letzte Wahnsinn des Radsports“, wie der legendäre Chefredakteur von L’Équipe, Jacques Goddet, das Rennen einmal nannte, hat seinen Ursprung im vorletzten Jahrhundert, als die schmalen Feld- und Waldwege mit bretonischen Granitsteinen für die Kohlekarren gepflastert wurden.

Das erste Rennen hatten zwei Textil-Unternehmen aus Roubaix veranstaltet, um in Paris bekannt zu werden. Zeitweise wurde es von der fortschreitenden Asphaltierung bedroht. Die Organisation „Les Amis de Paris-Roubaix“ führte jahrzehntelang einen Kampf gegen den Teer mit dem Motto: „Sans pavés, pas de course.“ (Ohne Steine kein Rennen). Mit Erfolg. Die 55 Kilometer Pavés-Passagen stehen seit 2000 unter Denkmalschutz.

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