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Fußball

26.02.2020

Rassismus: "In den vergangenen Jahren ist es schlimmer geworden"

Esse François Akpaloo hat immer wieder mit Rassismus zu kämpfen. Auch auf dem Fußballfeld wird der Stürmer des SC Bubesheim von Gegenspielern beleidigt.
Bild: Fred Schöllhorn

Plus Zwei dunkelhäutige Spieler sprechen über ihre Erfahrungen. Auch im Amateurbereich gibt es Beleidigungen. Im Allgäu spielt eine ganz besondere Mannschaft.

Rassisten bringen Esse François Akpaloo nicht aus der Fassung. „Ich hätte oft Grund dazu, beleidigt zu sein“, sagt der 28-jährige Augsburger. Er ist in Togo geboren, kam 2007 nach Deutschland und spielt für den Bezirksligisten SC Bubesheim. Wenn er in Augsburg unterwegs ist, schauen ihn Menschen gelegentlich komisch an. Auch auf dem Fußballfeld wurde er bereits beschimpft: „Affe“ habe man ihn genannt, sagt er, oder ihm zugerufen: „Geh dahin zurück, wo du herkommst.“ Akpaloo hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen. „Ich ignoriere das“, sagt er. „Das irritiert die, das stört die.“

„Die“ – so spricht Akpaloo von Rassisten, ohne sie so zu nennen. „Viele von denen wollen provozieren“, glaubt er. Auch türkischstämmige Mitspieler würden beleidigt. Andererseits relativiert Akpaloo: Rassismus ist für ihn im Amateurfußball nicht allgegenwärtig. Nur auf wenigen Plätzen sei er bislang beleidigt worden. „Vielleicht behalten es manche für sich“, sagt er. Im Dorf kenne man sich schließlich, Pöbeleien werfen ein schlechtes Licht auf den Verein.

Statistisch gesehen ist Rassismus ein Einzelfall

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hat in der vergangenen Spielzeit in etwa 244.000 Spielen nur 210 Fälle von Diskriminierung erfasst – eine reine Statistik für rassistische Vorfälle gibt es beim BFV nicht. „Wir sprechen statistisch gesehen von Einzelfällen“, teilt die Presseabteilung mit, betont aber auch: „Jeder Fall von Rassismus ist einer zu viel, der BFV steht für null Toleranz gegenüber jeder Art von Diskriminierung.“

Rassismus: "In den vergangenen Jahren ist es schlimmer geworden"

Im Profifußball kam es zuletzt vermehrt zu rassistischen Vorfällen. Im Drittligaspiel bei Preußen Münster beleidigte ein Zuschauer Würzburgs Leroy Kwadwo mutmaßlich, ebenso erging es dem Berliner Jordan Torunarigha im Pokalspiel bei Schalke 04. Beide Opfer kämpften mit den Tränen. Auch Moussa Marega verlor die Fassung und war sichtlich aufgebracht. Der Topstürmer des FC Porto ließ sich beim Spiel in Guimaraes auswechseln, war sichtlich aufgebracht. Heimfans hätten ihn mit Affenlauten verhöhnt, ein Stuhl sei in seine Richtung geworfen worden, berichten Marega und seine Teamkollegen nach dem Spiel. In der Masse denkt mancher Rassist wohl, seine Gesinnung unbehelligt ausleben zu können.

Im Spielkreis Donau kam es im Oktober zum Eklat. Ein Spieler der SSV Höchstädt sei in der Partie in Möttingen rassistisch beleidigt worden, sagen die Beteiligten. Für seine Reaktion – er zeigte den Zuschauern den Mittelfinger – bekam er die Rote Karte. Seine Mannschaftskameraden kamen nach der Halbzeitpause nicht mehr aus der Kabine, das Spiel wurde abgebrochen. Der Schiedsrichter indes vermerkte in seinem Spielbericht keinen derartigen Vorfall, auch das Heimteam verneinte das. Selbst ein Vermittler des Verbandes konnte den Parteien nicht helfen.

Vermittler des Verbandes sollen den Vereinen helfen

Konfliktmanager Frank Schweizerhof koordiniert bayernweit 23 Mitarbeiter, die bei Problemen Vereinen helfen. Er vermutet auch, dass die Dunkelziffer an rassistischen Vorfällen hoch ist. „Wir versuchen zwar, auf den Sportplätzen präsent zu sein, brauchen aber bei Vorfällen Hinweise von außen“, sagt er.

Marvin Kohou

Der BFV engagiert sich, will Rassismus die Stirn bieten. So habe jeder Verein in Bayern die Möglichkeit, sich im Rahmen der Anti-Rassismus-Kampagne klar zu positionieren. „Die Mannschaften können mit einem Banner des BFV auflaufen, Kapitäne oder Stadionsprecher können eine entsprechende Botschaft verlesen“, so die BFV-Pressestelle. Der Verband befasst sich in Schulungen mit dem Thema und arbeitet mit Fachstellen und Bündnissen gegen Rechtsextremismus zusammen. „Deren Wissen soll an die Verbandsmitarbeiter und Vereine weitergegeben werden“, teilt die Pressestelle mit.

Für Marvin Kohou hat das wenig Sinn. „Die ganzen Kampagnen gegen Rassismus nimmt niemand ernst“, sagt er. Er spielt beim SV Grasheim im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, sein Vater stammt von der Elfenbeinküste. Auch der 22-Jährige berichtet von rassistischen Anfeindungen, davon, „Neger“ genannt worden zu sein. „In den vergangenen Jahren ist es noch schlimmer geworden“, sagt er. Und das, obwohl Kohou nicht nur Deutscher ist, sondern unüberhörbar ein Bayer. „Aber wenn wir weiter weg spielen, wo man mich nicht kennt, nützt mir das nichts“, sagt er. „Da werde ich beleidigt wie andere Schwarze auch.“ Wie Akpaloo will er die Rassisten ignorieren. „Von Diskussionen habe ich nichts“, sagt der Mittelfeldspieler.

In Memmingen spielen Spieler aus aller Welt zusammen

Manfred Mularzyk
 

Neben negativen gibt es auch positive Beispiele. Das zeigt der FC Internationale Memmingen mit seiner wohl buntesten Mannschaft Schwabens. Vor etwas mehr als einem Jahr aus einem Bolzplatztreff hervorgegangen, nimmt sie heuer zum ersten Mal am regulären Spielbetrieb teil, steht auf Platz eins der B-Klasse Allgäu 1. Zum Team zählen Spieler aus aller Welt, viele kamen als Flüchtlinge nach Deutschland.

Manfred Mularzyk, Co-Trainer und Zweiter Vorsitzender des Vereins, überrascht die Resonanz. „Rassismus war bisher kein Problem, auch Spieler von anderen Vereinen sagen, dass sie uns gut finden“, sagt er. Gerechnet habe er mit vielem, etwa damit, von Nazi-Gruppierungen ins Visier genommen zu werden – stattdessen erfahre der Verein breite Unterstützung. Woran das liegt? „Vielleicht daran, dass wir mit unserer Vereinsphilosophie sehr offensiv umgegangen sind“, sagt Mularzyk. Diese habe der Verein offen kommuniziert, entsprechende Schreiben werden vor den Spielen verteilt. „Wir sehen uns auch als Integrationsprojekt, sind offen für alle, egal welcher Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung“, erklärt er.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Bundesligisten sollen Hetzern und Rassisten den Nährboden entziehen

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