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Interview

24.10.2020

Schiedsrichter Aytekin: "Ich werde auch mal laut, aber nie respektlos"

Schiedsrichter Deniz Aytekin im Gespräch: „Ich stehe dafür, dass wir Schiedsrichter als Persönlichkeit wahrgenommen werden – mit Emotionen und Leidenschaft.“
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Schiedsrichter Deniz Aytekin hat eine eigene Art, mit Spielern umzugehen. Ein Gespräch über Prominenz, Respekt und leere Stadien.

Herr Aytekin, einen Tag vor dem Start der aktuellen Bundesliga-Saison wurden Sie an der Achillessehne operiert. Das war kein günstiger Zeitpunkt, aber wohl ein Notfall.

Deniz Aytekin: Ich hatte schon länger ein bisschen Probleme. In der Trainingsvorbereitung auf die Saison sind sie schlimmer geworden. So wollte ich nicht in die Saison gehen. Die Operation war die richtige Entscheidung. Ich bin schmerzfrei und zuversichtlich, dass ich zur Rückrunde wieder fit bin. Ich trainiere fast täglich mit einem Personal Trainer, die Achillessehne wird dabei aber noch nicht belastet.

Ihr Schiedsrichter-Kollege Patrick Ittrich hat gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Die richtige Entscheidung – Warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein“. Haben Sie es schon gelesen?

Aytekin: Ja. Ich war einer der Ersten, der es gelesen hat, noch vor der Veröffentlichung.

Und wie finden Sie es?

Aytekin: Ich finde es großartig. Es stellt uns Schiedsrichter transparent dar. Wir sind ganz normale Leute, die einfach ihrer Leidenschaft nachgehen, menschlich sind, Fehler machen, aber auch Glücksgefühle haben.

Auch Ihnen ist es wichtig, zu zeigen, dass das Klischee, Schiedsrichter seien Streber und gingen zum Lachen in den Keller, nicht stimmt.

Aytekin: Ich stehe dafür, dass wir als Persönlichkeit wahrgenommen werden – mit Emotionen und Leidenschaft. Ich möchte nicht wie ein Roboter rüberkommen, weil ich so einfach nicht bin. Nur wenn ich authentisch sein kann, fühle ich mich wohl. Besonders für Nachwuchs-Schiedsrichter ist es wichtig, sich nicht zu verstellen. Mit ihrer natürlichen, persönlichen Art kommen sie eher zum Ziel.

Sie waren die Hauptfigur einer ARD-Dokumentation, Sie waren als erster Schiedsrichter zu Gast bei der Talkshow „Inas Nacht“. Damit sind Sie in diesem Jahr auch über die Fußball-Szene hinaus populär geworden. Können Sie noch joggen gehen, ohne dass hinter jedem Busch ein Autogrammjäger lauert?

Aytekin: Ich bin als Person markant und auffällig mit meiner Größe und meinen vielen Falten. Von daher wissen viele schon länger: Das ist der Schiedsrichter. Je wichtiger und öffentlichkeitswirksamer die Spiele, die man leitet, sind, desto mehr rückt man in den Fokus und umso mehr wird man erkannt und angesprochen. Aber das ist alles immer noch sehr angenehm und freundlich, es nervt nicht. Es gibt natürlich auch Situationen, bei denen es schön wäre, mal anonym zu sein.

2019 sind Sie vom Deutschen Fußball-Bund zum Schiedsrichter des Jahres gekürt worden. In diesem Jahr haben die Bundesliga-Profis Sie zum beliebtesten Schiedsrichter der Rückrunde gewählt, sehr klar mit 42 Prozent der Stimmen. Was, glauben Sie, schätzen die Spieler an Ihnen?

Aytekin: Entscheidend ist die Art, wie man mit Menschen umgeht. Man kann fachlich perfekt sein, viel laufen und viele richtige Entscheidungen treffen. Aber das muss nicht reichen, um akzeptiert zu werden. Ich glaube, dass ich über die Jahre einen guten Weg gefunden habe, mit den Spielern zu interagieren, aber trotzdem konsequent zu sein. Ich trage keinen Diplomatenkoffer durch die Gegend, ich bin sehr direkt in der Ansprache. Ich werde auch mal laut, aber nie respektlos. Wenn das die Spieler so wahrnehmen, dann fühlen sie sich ernst genommen und wertgeschätzt.

Sie sind schon lange dabei. Steigt Ihr persönlicher Stressfaktor trotzdem noch mit der Bedeutung eines Spieles?

Aytekin: Natürlich. Je größer die Aufgabe, je öffentlichkeitswirksamer das Spiel, desto angespannter bist du, weil du weißt: Da gucken besonders viele hin. Trotzdem muss man bei jedem Spiel funktionieren und abliefern. Mit zunehmender Erfahrung kann man damit besser umgehen, aber entspannt wird man nie in ein Spiel gehen. Das hat auch mit Demut vor der Aufgabe zu tun.

Was wollen Sie als Schiedsrichter noch erreichen? Ein internationales Finale pfeifen, an einer EM oder WM teilnehmen?

Aytekin: So etwas kann man nicht planen. Das Geschäft ist schnelllebig. Schon die ein oder andere schlechte Spielleitung oder eine Verletzung, wie ich sie jetzt hatte, können einen zurückwerfen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich in der Bundesliga als Schiedsrichter tätig sein darf. Ich bin nicht davon getrieben, immer mehr und mehr zu erreichen. Außerdem bin ich mit 42 nicht mehr der Allerjüngste, international kann ich nur noch drei Jahre pfeifen, dann habe ich dort die Altersgrenze erreicht.

Wie viel Kontakt haben Sie als Elite-Schiedsrichter noch mit der Basis?

Aytekin: Wenn ich bei den Spielen meines Sohnes zusehe, dann sprechen mich schon mal Schiedsrichter an und wir unterhalten uns. Ohne die Basis würde der Fußball nicht funktionieren. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich teilweise drei Spiele am Wochenende gepfiffen habe.

Thema Videobeweis. Viele Schiedsrichter haben sich von der Einführung eine größere Entscheidungssicherheit versprochen. Ist es so gekommen?

Aytekin: Wenn man die Fakten anschaut, dann ja. Ganz krasse Fehlentscheidungen passieren nicht mehr. Über Abseits wird nur noch selten diskutiert, weil es eine Schwarz-oder-Weiß-Entscheidung ist. Entweder der Spieler steht mit dem Fuß im Abseits oder nicht, das löst die Technik auf. Es gibt aber auch Situationen, die nicht schwarz oder weiß sind. Dazu zählt das Handspiel, das immer wieder eine Grauzone beinhaltet. Hier kochen Situationen hoch und werden diskutiert. Das führt dazu, dass der Video-Assistent von Fußball-Romantikern negativ dargestellt wird. Ich finde aber, dass die Technik eine absolute Daseinsberechtigung hat. Ich bin überzeugt, dass alles in den nächsten Jahren immer besser funktionieren wird und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit dann höher ist.

Bei strittigen Situationen haben Schiedsrichter die Möglichkeit, sie auf dem am Spielfeldrand aufgebauten Bildschirm zu überprüfen. Täuscht der Eindruck, dass manche Schiedsrichter die Beurteilung lieber dem Video-Assistenten überlassen?

Aytekin: Die Entscheidung trifft immer der Schiedsrichter auf dem Platz. Ich hatte in der letzten Saison keine einzige korrigierte Entscheidung. Grundsätzlich pfeife ich so, wie ich es wahrnehme. Ich denke da nicht an den Video-Assistenten. Aber wenn es absolut falsch war, was ich entschieden habe, dann wird er sich schon melden.

Fußball in Corona-Zeiten, Fußball ohne Zuschauer: Sie waren im März bei der Partie MönchengladbachKöln der erste Schiedsrichter, der ein Geisterspiel geleitet hat. Sie haben danach gesagt: „Das hat mit Fußball nichts zu tun . . . Ohne Fans ist es nicht mal die Hälfte wert.“ Klare Worte ...

Aytekin: Ich habe es zum damaligen Zeitpunkt exakt so empfunden. Mittlerweile hat sich meine Denke da massiv geändert. Weil ich einfach nur dankbar sein kann, dass wir nach der Unterbrechung der Saison überhaupt wieder Fußball spielen können und dürfen. Nach dem ersten Geisterspiel konnte man die Konsequenzen, die Covid-19 für die Gesellschaft hat, gar nicht einschätzen. Mittlerweile sage ich, der Fußball ist einfach anders ohne Fans. Es fehlen Komponenten, die das Spiel leidenschaftlicher und emotionaler machen. Aber es ist gut, dass Spiele ausgetragen werden können.

Zur Person: Deniz Aytekin ragt schon mit seinen 1,92 Metern heraus. Der 42-Jährige ist einer der erfahrensten deutschen Fußball-Schiedsrichter. Er hat seit 2006 insgesamt 179 Bundesliga- und 76 Zweitliga-Spiele geleitet. Im Jahr 2011 wurde er auch Fifa-Schiedsrichter und bisher bei 63 internationalen Spielen eingesetzt. Der Betriebswirt, dessen Eltern aus der Türkei migrierten, hat zwei Kinder und wohnt in Oberasbach bei Fürth. Er gehört dem TSV Altenberg an.

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