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Interview

21.07.2018

Skirennläufer Neureuther wettert gegen Kommerzialisierung des Sports

Vielen gilt Felix Neureuther als launiger Gaudi-Bursche. Ganz falsch ist dieser Eindruck nicht. Aber der Skifahrer hat viel mehr zu bieten, als freche Sprüche.
Bild: Tobias Hase, dpa

Exklusiv Nach einem Kreuzbandriss arbeitet Felix Neureuther am Comeback. Der Sport ist aber nicht alles im Leben des Ski-Stars. Er denkt weiter. Er macht den Mund auf.

Wie geht’s dem Knie?

Felix Neureuther: Eigentlich ganz gut. Ich bin zwar noch im Aufbau, weil die Muskulatur im linken Oberschenkel immer noch nicht auf dem Stand eines Rennfahrers ist. Seit ein paar Wochen geht es aber sehr viel besser. In den Frühjahrsmonaten musste ich mit einer hartnäckigen Pollenallergie kämpfen Ich konnte acht, neun Wochen so gut wie gar nicht trainieren. Aber jetzt kann ich mich wieder voll belasten.

In der Bild-Zeitung stand kürzlich die Schlagzeile „Matilda statt Medaillen“. In dem Artikel wurde spekuliert, Sie könnten Ihre Karriere beenden, wenn Sie im Winter merken, dass Ihnen die Trennung von Ihrer Familie zu schwer fällt. Wie konkret ist das?

Neureuther: Ich lese solche Meldungen meist nicht. Meist rufen dann gleich Freunde oder Sponsoren an, und dann lese ich es halt doch. Ich wollte nur ausdrücken, dass die Familie an erster Stelle steht. Die Familie hat absolute Priorität. Das ist doch ganz normal und da unterscheide ich mich nicht von anderen. Doch es ist auch klar, wenn ich mal drei, vier Wochen unterwegs bin und sehe, dass ich mich nicht mehr voll aufs Skifahren konzentrieren kann, weil ich an die Kleine denke und lieber bei ihr und Miri wäre, dann hätte ich kein Problem, zu sagen: Felix, jetzt ist es wirklich gescheiter, du hörst auf. Ich komme aus einer schweren Verletzung raus, da muss der Kopf noch voller bei der Sache sein, sonst schafft man das nicht. Fakt ist aber, dass ich voll motiviert bin, wieder zurückzukommen. Die derzeitige Situation hat ja schon auch einen speziellen Reiz.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation, mal wieder ein Comeback zu schaffen?

Neureuther: Ich will vor allem wieder dahin kommen, wo ich vor meiner Verletzung war. Das ist die Motivation, es auch mit 34 noch durchzuziehen. In dem Alter ist man im Slalom wirklich nicht mehr der Jüngste. In so einem Alter zusätzlich so eine schwere Verletzung durchzustehen und dann noch mal zurückzukommen ist ein harter Weg – aber auch eine spezielle und reizvolle Herausforderung.

Zählen Sie Ihre ganzen Verletzungen und Operationen noch mit?

Neureuther: Nein, das habe ich aufgehört. Aber ich weiß, dass das mein erster Kreuzbandriss war. Für einen Skifahrer eher ungewöhnlich, so eine Verletzung gehört in dem Sport schon fast dazu. Das war zwar meine sechste Knieoperation, bisher war’s aber immer nur der Knorpel.

Sie sind ein Sportler, der auch zu Themen abseits des Sports eine Meinung hat und diese offen vertritt. Das unterscheidet Sie von den meisten anderen Sportlern. Was treibt Sie an?

Neureuther: Viele Sportler beschweren sich in kleiner Runde über die Probleme ihres oder des internationalen Sports. Aber das war es dann auch. Das finde ich extrem schade. Kritik darf doch sein, es kommt nur darauf an, wie man sie äußert. Alle sollten den Mund aufmachen und versuchen, etwas zu verändern. Die Summe der Äußerungen bringtdann Lösungen. Trotz der Konzentration auf den Sport muss das nicht leistungshindernd sein. Das ist meiner Meinung nach Blödsinn. Als Sportler steht natürlich das Training im Vordergrund und man ordnet dem Training und Wettkampf alles unter. Trotzdem besteht ein Sportlerdasein nicht nur aus Training und Wettkampf – daneben gibt es genügend Felder, auf denen man sich engagieren kann. Auch für mich ist es eng, aber ich versuche auch, mein Projekt „Kinder zum Bewegen zu bringen“ wachsen zu lassen. Für mich ist es wichtig, später einmal zurückschauen zu können und mehr als Medaillen und Pokale hinterlassen zu haben. Der Sport ist so kurzlebig. Wenn du mal aufgehört hast, bist du schnell weg. Auch deine Vorbildfunktion ist dann schnell dahin.

Felix Neureuther ist beliebt und steht im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Diese Position will er dafür nutzen, gesellschaftliche Entwicklungen und Denkprozesse anzustoßen.
Bild: Ralf Lienert

Bis auf Ihre Mutter Rosi Mittermaier, die auch mit 67 Jahren immer noch die „Gold-Rosi“ ist.

Neureuther: Ja, sie hat sich aber auch immer für andere Lebensbereiche außerhalb des Sports engagiert. Allerdings wissen die heute 20-Jährigen doch auch nicht mehr, wie meine Mutter früher Ski gefahren ist. Der Sport ist so schnelllebig geworden, die Medienlandschaft so extrem, da ist man schnell aus den Köpfen der Menschen. Ich probiere etwas zu bewegen, vor allem wenn es um mein Kinderprojekt „Beweg dich schlau“ geht.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Sie das IOC immer wieder dafür kritisieren, was es aus den Idealen der Olympischen Spiele gemacht hat.

Neureuther: Die Entwicklung von Großereignissen ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Wo bleibt die Nachhaltigkeit? Sport ist einer der wichtigsten und nachhaltigsten Lebensinhalte und nicht nur körperlich, sondern auch mental entscheidend für die ganze Welt. Kinder müssen sich bewegen, die Menschen müssen sich bewegen, denn sonst enden wir in einer Gesundheitskatastrophe. Die größten Sportfeste der Welt sollten sich diesen Zielen widmen, leider gehen sie tendenziell in die komplett falsche Richtung. Die Menschen müssen wieder hinter diesem einzigartigen Produkt stehen können. Dazu müssen die Richtlinien für Ausrichter total neu und auf Nachhaltigkeit und nicht auf Gigantismus ausgerichtet werden. Jetzt muss man handeln, sonst ist es irgendwann zu spät. Wir sehen die Vorzeichen doch schon bei uns und vielen anderen westlichen Ländern, wo sich die Menschen nicht mehr zu Olympischen Spielen im eigenen Land bekennen wollen. Der Sport muss im Vordergrund stehen und nicht Menschen, die sich über den Sport profilieren wollen. Wenn ich dann aktuell sehe, wie das IOC oder auch die Fifa diese Werte missachten, macht mich das traurig.

Aber in den Gremien sitzen doch auch viele ehemalige Sportler. Die müssten doch wissen, was zu tun ist ..?

Neureuther: Wenn ehemalige Sportler in so ein Gremium gewählt werden, wird vieles zur Normalität. Man erhält eine Position mit vielen Privilegien, die man nicht mehr missen will. Da wird es dann schwierig, Kritik zu äußern oder auch dem eingefahrenen System mal weh zu tun.

Wenn man seine Meinung sagt, muss man mit Reaktionen rechnen. Die fallen nicht immer freundlich aus.

Neureuther: Natürlich nicht. Da pfeift auch mal der Wind. Das musst du aushalten, musst aber auch offen sein für andere Argumente. Man kann es nie jedem recht machen. Ich kann nur das sagen, was ich denke und wovon ich hundertprozentig überzeugt bin. Diejenigen, die sich ein bisschen auskennen, sehen das ähnlich. Aus diesem Grund sollten auch die sportrelevanten Positionen im Sport nur von Menschen besetzt werden, die aus dem Sport kommen und nicht für die Eigenprofilierung, sondern für den Sport stehen. Ich äußere mich ja auch nicht zur Steuerpolitik. Da kenne ich mich nicht aus. Aber ich glaube, wenn es um den Sport geht, dann habe ich da schon einen Einblick, Erfahrung und weiß, wovon ich spreche.

Wie viel Mut setzt es voraus, seine Meinung zu sagen?

Neureuther: Eigentlich sollte es selbstverständlich sein. Generell und in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Aber es gibt viel zu wenige, die Courage haben. Wenn man sich heutzutage zum Beispiel die Interviews im Fußball anschaut: Wie viele gibt es da, die authentisch geblieben sind? Die Antworten sind vorhersehbar, man erspart sich dadurch Ärger und hat seine Ruhe. Ist ja auch nachvollziehbar, denn die medialen Reaktionen sind oft total überzogen und oft genug aus dem Zusammenhang gerissen.

Viele Stars scheinen nur noch für die sozialen Medien zu leben. Ihnen folgen auf Facebook und Instagram zusammengenommen über eine Million Menschen. Beeindruckt Sie diese Zahl?

Neureuther: Keine Ahnung, warum das so viele sind. Ich würde aber das gleiche Foto oder Video posten, wenn es nur fünf wären. Das macht für mich keinen Unterschied. Dieses Interview werden auch ein paar mehr Menschen lesen, aber darüber darfst du dir keine Gedanken machen. Das ist mir auch nicht wichtig. Ich stell mich ja nicht hin und profiliere mich über die Zahl meiner Follower. Ich bin ja trotzdem noch ich. Was ich an den sozialen Medien beeindruckend finde, ist, dass du Menschen mit einem Klick zum Lachen oder zum Nachdenken bringen kannst. Und: Sie erfahren alles aus meiner, also aus erster Hand.

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther sind die Eltern von Felix Neureuther.
Bild: Harald Klofat

Das Ziel haben Sie auch mit Ihrem Kinderbuchprojekt. Das erste entstand zusammen mit Bastian Schweinsteiger. Im Herbst soll das zweite herauskommen. Wer steht diesmal Pate?

Neureuther: Unsere Eishockey-Nationalmannschaft. Die waren bei Olympia mit der Silbermedaille so unglaublich erfolgreich. Außerdem sind in meinem Freundeskreis viele Eishockeyspieler. Das ist ein richtig toller Sport. Es ist auch wichtig, dass Kinder wissen, dass es nicht nur Fußball gibt. Es geht mir in den Büchern um Werte wie zum Beispiel der Zusammenhalt in einer Mannschaft. Der ist im Eishockey extrem. Es geht auch um Fairness, denn im Eishockey mag es während des Spiels rau zugehen, aber danach schüttelt man sich die Hände.

Ihre eigene Tochter Matilda ist mit neun Monate noch ein bisschen zu klein für Bücher. Aber denken Sie manchmal darüber nach, in was für eine Welt sie da hineinwächst?

Neureuther: Darüber denke ich oft nach. In welche Richtung dreht sich die Welt gerade? Wie sieht es zum Beispiel in zehn Jahren mit der Digitalisierung aus – und was für eine schöne Kindheit wir selbst hatten?

Haben Sie manchmal ein Gefühl von Ohnmacht?

Neureuther: Natürlich. Du kannst nur versuchen, deinem Kind ein paar Werte mit auf den Weg zu geben. Aber wenn du morgens liest, was Trump in der Nacht wieder von sich gegeben hat, dass Europa ein Feind ist – dann fragst dich schon, ob der eigentlich verstanden hat, dass es auf der Welt nicht um Krieg oder Konkurrenz geht. Sondern darum, dass es auf der Welt so gut wie möglich miteinander funktioniert.

Können Sie sich vorstellen, nach Ihrer Karriere einmal selbst in die (Sport-)Politik zu gehen?

Neureuther: (lacht) Ich glaube nicht, dass ich jemals was mit dem IOC oder dem DOSB zu tun haben werde. Dafür habe ich schon zu viele Dinge offen gesagt, die vielen Funktionären dort nicht passen. Wenn ich wirklich davon überzeugt bin, dass es sinnvoll ist und dass man was bewegen kann, würde ich mich natürlich zur Verfügung stellen. Aber in welche Richtung das geht, wird sich zeigen. Ich habe zum Beispiel viel Kontakt mit Max Hartung von den Athleten Deutschland, das ist eine Art Sportlergewerkschaft. Es muss einfach wieder mehr um den Sport und die Sportler gehen. Das Wichtigste am Sport sind die Emotionen und Regeln. Und beides ist leider mit Füßen getreten worden. Thema Doping. Thema Großveranstaltungen, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Es werden Milliarden Euro eingenommen und ausgegeben. Wo fließt das Geld hin?

Die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 nach Peking haben Sie auch kritisiert. Werden wir Sie dort trotzdem noch als Aktiven sehen?

Neureuther: Die Frage ist doch, kann ich dort hinfahren und mit vollem Enthusiasmus teilnehmen? Diesen tollen ursprünglichen olympischen Gedanken leben? Das wird sich zeigen. Olympia an sich ist etwas Einzigartiges. Die Spiele finden allerdings wieder in einem Land statt, wo Menschen, wo Menschenrechte keine Rolle spielen und Nachhaltigkeit erst hinter der Show steht. Dieses ganze Thema ist so aus dem Ruder gelaufen. Ich habe damals auch auf die Garmischer Bauern geschimpft, als sie gegen die Münchner Olympiabewerbung waren und ihre Grundstücke nicht hergeben wollten. Jetzt muss ich sagen: Tut mir leid, in manchen Dingen hattet ihr recht.

Zur Person: Felix Neureuther, 34, ist der Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, die ebenfalls Skirennläufer waren. Mit 13 Weltcup-Siegen ist er deutscher Rekordhalter. Bei Weltmeisterschaften gewann er fünf Medaillen – drei im Slalom, zwei im Mannschaftswettbewerb. Bei den Olympischen Winterspielen 2010 (Vancouver) und 2014 (Sotschi) landete er jeweils auf Platz acht im Riesenslalom. Neureuther ist mit der Biathletin Miriam Neureuther (ehemals Gössner) verheiratet. Im Oktober 2017 kam Tochter Matilda auf die Welt.

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21.07.2018

Der Mann hat absolut Recht, was man heute bei der Großveranstaltungen macht, hat mit Vernunft und Nachhaltigkeit nicht zu tun, nur der Gigantismus zählt. Wenn man sieht, was ist aus der Fußball WM in Südafrika, Brasilien, Und Olympia Russland geworden, die Sportstetten verfallen und vergammeln, weil niemand da ist, diese zu erhalten. Für die 4 oder 2 Wochen, hat man der armen Bevölkerung das Geld dafür geraubt und nichts ist für diese Gruppen übrig geblieben, vom Raubbau an der Natur ganz zu schweigen. Was bringen diese Veranstaltungen: für die Bevolkerung nichts, die schauen zu, sind begeistert, aber selbst bewegen sie sich nicht.

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