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Biathlon

24.03.2009

Skiverband sät Zweifel am Doping-Belastungszeugen

DSV sät Zweifel am Doping-Belastungszeugen
Bild: DPA

Die Fronten im Doping-Streit verhärten sich: Ex-Biathlet Jürgen Wirth bekräftigt seine Vorwürfe gegen Bundestrainer Frank Ullrich. Der Skiverband zweifelt am Belastungszeugen und zitiert aus alten Akten.

Hamburg (dpa) - Der Deutsche Skiverband hält den Doping-Belastungszeugen für "unglaubwürdig", doch der frühere Biathlon-Weltmeister Jürgen Wirth hat seine Anschuldigungen gegen Herren-Bundestrainer Frank Ullrich bekräftigt.

"Ich kann bestätigen, dass ich eine Eidesstattliche Erklärung zur Vorlage bei Gericht abgegeben habe", sagte Wirth der Deutschen Presse-Agentur dpa. Unterdessen kündigte der DSV nach einer Präsidiumssitzung an, dass er eigens eine Untersuchungskommission einberufen werde.

Der DSV empfahl Ullrich, "die Möglichkeit einer Strafanzeige sowie einer zivilrechtlichen Klage gegen Herrn Wirth überprüfen zu lassen". Unabhängig davon will sich der Verband noch einmal umfassend mit allen Zusammenhängen - und damit auch mit den Anschuldigungen gegen Wilfried Bock - beschäftigen. Der frühere DDR-Cheftrainer Bock war in einem Beitrag der ARD-Sportschau von Wirth und auch von Olympiasieger Jens Steinigen mit Doping-Praktiken in der früheren DDR in Zusammenhang gebracht worden. Beide Trainer bestreiten die Anschuldigungen.

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Die von der ARD-Sportschau verbreiteten aktuellen Wirth-Aussagen stünden im direkten Gegensatz zu seinen früheren Zeugenaussagen vor dem Landeskriminalamt Thüringen aus dem Jahre 1991, erklärte der Skiverband in einer schriftlichen Mitteilung. In einem Protokoll der Anhörung vom 3. Mai 1991, die dem DSV in Kopie vorliegt, habe der mittlerweile 43 Jahre alte Wirth unter anderem festgestellt: "Für mich kann ich sagen, dass ich von dem (Frank Ullrich) nie diese Tabletten bekommen habe." In der ARD-Sportschau hatte der in Bad Berleburg lebende Staffel-Weltmeister von 1987 dagegen erklärt: "Frank Ullrich hat uns damals angewiesen, dieses Mittel Oral-Turinabol einzunehmen, damit wir schneller wieder regenerieren, das heißt, schnellere Erholungsphasen haben."

Steinigen berichtete in einem dpa-Gespräch über die Doping-Praxis in der damaligen DDR. Den Skijägern seien in den 80er-Jahren unkontrolliert Dopingmittel über Getränke verabreicht worden. "Auf Empfehlung des damaligen Mannschaftsarztes wurde die Praxis dann geändert, da es offensichtlich Probleme mit der Dosierung gab. Man wusste nie genau, wie viel jeder Sportler tatsächlich trinkt und damit Dopingmittel zu sich nimmt."

Nachdem der DDR-Mannschaft im November 1985 im schwedischen Kiruna offen mitgeteilt worden sei, dass die "Mittel nun verabreicht werden, insbesondere zur besseren Kraftentwicklung und Regeneration", habe Steinigen im September 1986 der DDR-Mannschaftsleitung mitgeteilt, dass er beim Doping nicht mitmache. Bei Olympia 1988 war Steinigen, Junioren-Weltmeister von 1985, ausgemustert.

Während Wirth behauptet, die Trainer Bock und Ullrich hätten "die Einnahme auch kontrolliert", konnte Steinigen dazu nichts sagen. "Die Vergabe war eher Aufgabe der Ärzte und Physiotherapeuten. Von Frank Ullrich kann ich ohnehin nichts bekommen haben, da er erst ab 1986 als Trainer tätig war und ich ja aufgrund meiner Weigerung ab dieser Zeit nichts mehr erhielt."

Über Ullrich ist in den höchsten Gremien des deutschen Sports schon in den 90er-Jahren beraten worden. In einer Pressemitteilung vom 28. Januar 1992 durch das Nationale Olympische Komitee wurde Ullrich jedoch zum Einsatz in der deutschen Olympia-Mannschaft zugelassen. Das NOK schrieb, "dass die Aussage von Frank Ullrich glaubwürdig erscheint, dass er mit Dopingfragen weder als Aktiver noch als Trainer direkt und mit eigener Kenntnis befasst gewesen sei."

Ullrich biete die Gewähr, "auch in Zukunft seine Arbeit im deutschen Sport unter Beachtung der Regeln und der Bestimmungen gegen Doping zu leisten", hieß es. Der Olympiasieger und mehrmalige Weltmeister Ullrich war von DSV-Ehrenpräsident Fritz Wagnerberger, NOK-Chef Walther Tröger und dem vor eineinhalb Jahren verstorbenen NOK-Gründungsmitglied Herbert Kunze zwei Stunden lang angehört worden. Eine "schriftliche Erklärung, zu der Frank Ullrich bereit gewesen sei, wurde nicht für notwendig gehalten".

Im Mai 1991 hatte das Geschäftsführende Präsidium des Deutschen Sportbundes (DSB) in einem Brief an den Sportausschuss des Deutschen Bundestages eine Empfehlung des DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen an den DSV gegeben. Darin hieß es, dass man "mit den Trainern Hinze, Bock und Ullrich kein festes Anstellungsverhältnis entstehen" lassen solle, "solange der gegen sie bestehende dringende Verdacht der persönlichen tatsächlichen Beteiligung an der systematischen Verabreichung von Dopingmitteln an Aktive nicht ausgeräumt ist".

Kurt Hinze, der erste Chefcoach der neuen deutschen Biathlon-Mannschaft, trat zum Jahresende 1991 zurück. Ullrich ist seit 1998 Cheftrainer der Biathlon-Herren. "In all den Jahren, in denen Frank Ullrich als Trainer für den Deutschen Skiverband tätig war, unterstützte er in vollem Umfang die Anti-Dopingpolitik des Verbandes", erklärte der DSV.

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