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20.10.2021

Vergessenes Fußballwunder: Der WM-Titel, von dem kaum jemand weiß

Die Spielerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach mit ihren WM-Pokalen. Spielertrainerin war Anne Trabant-Haarbach (obere Reihe mit Brille).
Foto: Mindjazz Pictures

Sie waren keine richtige Nationalelf. Trotzdem holte das Frauenteam der SSG 09 Bergisch Gladbach 1981 für Deutschland den WM-Titel. Was das für den Sport bedeutete.

Im wichtigsten Moment ihrer Karriere ist der WM-Pokal ein Tränenbehälter. Den Pott in Taipehs Nachthimmel stemmen, als wäre er aus Goldfolie? Keine Chance. Anne Trabant-Haarbach ist fertig mit der Welt. Um sie herum strahlen Girlanden und ihre Mitspielerinnen um die Wette, sie weint Erschöpfungstränen. Eine Erlösung sei das gewesen nach dem Finale, wird Anne Trabant-Haarbach 40 Jahre später sagen. Ihr Team hat damals gerade Deutschlands ersten Weltmeistertitel im Frauenfußball geholt. 4:0 gegen die Niederlande.

Dabei hatte Westdeutschland eigentlich gar keine Frauenfußball-Nationalelf. Das klingt verrückt. Aber so war das Leben der Frauen, die in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren trotz aller Widrigkeiten Fußball spielten. Um das zu verstehen, muss man ein wenig ausholen. Aber anders als beim Elfmeter führt der lange Anlauf in dieser Geschichte sicher zum Erfolg.

Sie spielten an gegen männliche Arroganz und frauenfeindliche Klischees

Heute steht der WM-Pokal auf dem Fensterbrett in Trabant-Haarbachs Homeoffice in Moers am Niederrhein. In den Siebzigern war die Gegend eine Hochburg des Frauenfußballs gewesen. Jede Spielerin habe ’81 ihren eigenen Pokal bekommen, erzählt die einstige Spielertrainerin, heute 72, mit ihrer etwas rauen Stimme am Telefon. Im Fußballmuseum in Dortmund müsste auch so einer stehen, aber das weiß sie nicht mehr genau. Am Freitag wird sie es überprüfen können. Dann jährt sich ihr WM-Titel zum 40. Mal. Im Museum gibt es einen kleinen Festakt. Erstmals nach Corona wird sie dann auch ihre Mitspielerinnen von damals wiedersehen, von denen drei schon gestorben sind. Und deren Namen nur die wenigsten heute noch kennen.

Anne Trabant-Haarbach gewann als Spielerin und Trainerin elf Mal die Deutsche Meisterschaft.
Foto: Conny Beissler, Mindjazz Pictures

Verkannte Heldinnen, hat sie der Regisseur John David Seidler einmal genannt. Sie trafen auf Gegner, die mit Taktik schwer zu fassen waren: männliche Arroganz, frauenfeindliche Klischees, Unterschätzung allenthalben. Was haben diese Frauen bewirkt?

Anne Trabant-Haarbach, sonnengebräuntes Gesicht, einst erfolgssüchtig, heute in sich ruhend, weiß ihre Rolle realistisch einzuschätzen: „Natürlich ist Frauenfußball heute etablierter als vor 40, 50 Jahren. Aber einige der Probleme sind immer noch vorhanden.“

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Das Wunder von Taipeh: Eine Geschichte die fast vergessen ist

Wenn die ehemalige deutsche Spitzenspielerin – O-Ton von einst: „ehrgeizig, beidfüßig, athletisch stark“ – den Anfang des Frauenfußballs verkörpert, dann steht Emily-Joan Stockinger für die Zukunft. Die 19-Jährige spielt für den TSV Schwaben Augsburg, vor einiger Zeit war sie Torschützenkönigin in der Bayernliga. „Ich spiele Fußball, seit ich laufen kann“, sagt die Frau mit dem langen braunen Zopf und dem Nasenpiercing. Sie stammt aus Marktoberdorf im Ostallgäu. Vom WM-Triumph der Frauen 1981 weiß sie wenig. Nur, dass die in den 80ern „mal gewonnen haben“. Das ist mehr, als viele andere wissen.

Emily-Joan Stockinger ist Stürmerin beim TSV Schwaben Augsburg.
Foto: Stockinger

„Eine Geschichte, die eigentlich vergessen ist“, so nennt es Regisseur John David Seidler, der einen Film über die Pionierinnen von 1981 gedreht hat: „Das Wunder von Taipeh“. Die Titel-Analogie zum Kinofilm „Das Wunder von Bern“ ist nicht zufällig. Anne Trabant-Haarbach schätzt den WM-Titel ihrer Elf für den Frauenfußball als ähnlich denkwürdig ein wie den überraschenden Sieg der deutschen Männer bei der WM 1954 nach dem verlorenen Weltkrieg. „Unser Sieg war mit entscheidend, dass endlich eine offizielle Nationalmannschaft aufgebaut wurde“, sagt die pensionierte Lehrerin, die neben ihrer Karriere weiter an einem Gymnasium in Ratingen bei Düsseldorf arbeitete. „Sonst hätte das sicher noch viel länger gedauert.“ Ihre Laufbahn als Spielerin und später als Trainerin hat sie 1991 beendet. Burnout.

Der Film zeigt die Spielerinnen von damals, heute ältere Frauen, die meisten immer noch sportlich, manche weiterhin als Nachwuchstrainerinnen aktiv. Frauen, denen man den Stolz auf ihren historischen Sieg anmerkt. Die diebische Freude, es allen gezeigt zu haben. Aber auch die Enttäuschung, nicht recht gewürdigt worden zu sein. Unter der Rubrik „Historie“ auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist der Titel bis heute nicht erwähnt. Es war ja keine offizielle Fifa-WM. Statt der Fußball-Bosse empfing sie zurück in Deutschland der Bürgermeister von Bergisch-Gladbach. Damals spielten 400.000 Frauen und Mädchen in mehr als 2700 Vereinen Fußball.

Vom DFB bekamen die Fußballerinnen keine einzige Mark

Doch als dem DFB 1981 die Einladung zur Weltmeisterschaft in Taiwan in die Zentrale flatterte, gab es noch gar keine weibliche Nationalelf. Daher stieg die SSG 09 Bergisch Gladbach in die Maschine nach Asien, der damalige FC Bayern des Frauensports, Rekordmeisterin bis in die Gegenwart. Auf eigene Kosten, unterstützt nur von lokalen Sponsoren, ohne eine einzige Mark des DFB. Weder für die Reise, noch für den Sieg.

Eine Hitze wie in der Sauna, auf dem Teller Schlangen und Hühner mit Kopf. Fast alle haben sie abgenommen bei diesem Turnier, waren am Rand der körperlichen Totalerschöpfung. Die Stadien aber brechend voll, Autogramme, Sponsorentermine. Taiwan mag ein Schwellenland gewesen sein, aber im Frauenfußball waren sie Profis, im Organisieren auch. Auf dem Platz: die Deutschen mit rot-weißen Trikots, keinen schwarz-rot-goldenen, Anne Trabant-Haarbach mit der blonden Kurzhaarfrisur und der riesigen getönten Brille. Das Finale gegen die Niederlande, das neunte Spiel in elf Tagen. 36.000 Fans auf den Rängen, ohrenbetäubend laut. Erstes Tor, Balleroberung, Flanke von links, ab nach vorne. Am Ende stand es 4:0 gegen die Favoritinnen.

Anne Trabant-Haarbach holt die Bilder nur noch selten hervor. „Schon als Kind war es mein Traum, Nationalspielerin zu sein“, sagt sie. Erzählt, wie sie Zeitungspapier in die Fußballschuhe ihres Vaters stopfte. In einer Zeit, in der Fußball für Frauen verboten war.

Der DFB wurde im Jahr 1900 gegründet - und ist immer noch männlich dominiert.
Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

Seit 1955 galt diese diskriminierende Regel. Eine Entscheidung der Herren im DFB – damals noch männlicher als heute. Sie liest sich so brutal, dass man dafür entweder ein rotverdächtiges Foul reklamieren oder es lieber noch selbst begehen möchte: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Sie spielten trotzdem weiter: hinter Zäunen, in Thekenvereinen mit Namen wie „FC Mini“, mit Jungennamen in Jungenteams. „Aber irgendwann durfte ich das nicht mehr – weil man sehen konnte, dass ich ein Mädchen war“, sagt im Film die damalige Spielerin Brigitte Klinz, heute 59.

Frauenfußball trifft auf peinliche Machosprüche

Erst 1970, als andere Nationen längst Frauen-Nationalteams hatten, nahm der DFB unter dem Druck von außen das Verbot zurück. Die Macho-Sprüche blieben – zum Beispiel im ZDF-„Sportstudio“. „Sagt man Mannschaft oder Frauschaft? Was macht ein Kopfball mit der Frisur? Tut es weh, den Ball mit der Brust anzunehmen?“ Die Spielerinnen aus Bergisch Gladbach parierten alles.

Bis 1977 galt die Frau als "Schuldige", wenn sie ihren Mann verließ. Sie stand finanziell vor dem Nichts und bekam kein Sorgerecht für die Kinder.
16 Bilder
Hier wurden Frauen lange benachteiligt
Foto: Martin Gerten, dpa

„Wir hatten eine Verbundenheit im Frauenfußball. Es war damals absolut nicht üblich, dass Frauen sich alleine trafen. Man musste ja wegen allem die Männer fragen“, sagt Trabant-Haarbach heute. „Wir aber haben uns nach den Spielen noch mit den Gegnerinnen zusammengesetzt. Beim Fußball waren immer auch etwas Gemütliches und ein Gemeinschaftsgefühl dabei.“

Kurz nach dem Heimflug aus Taipeh erhielt sie mit fast 33 Jahren einen Anruf vom DFB. Am 10. November 1982 führte sie die erste offizielle Frauen-Nationalelf als Spielführerin aufs Feld. Koblenz, 5000 Zuschauer, 5:1 gegen die Schweiz, in der Startelf acht Spielerinnen von Bergisch Gladbach.

Deutschland bewirbt sich um die Frauenfußball-WM 2027

Heute sind die deutschen Frauen achtfache Europameisterinnen, zweimal auch offiziell Weltmeisterinnen, 2016 kam der Olympiasieg dazu. Deutschland bewirbt sich um die WM 2027. 1,1 Millionen Mädchen und Frauen sind heute Mitglied in einem Fußballverein. „Aber so unbeschwert wie bei den Jungs ist das immer noch nicht“, sagt die Augsburger Spielerin Emily-Joan Stockinger. Sie hat für ihren Traum vieles aufgegeben: Ist mit 15 von Marktoberdorf nach Augsburg gezogen, lebte dort bei einer Pflegefamilie, bevor sie in eine eigene Wohnung zog. „Ich bin ein richtiges Dorfkind. Ich musste auf vieles verzichten. Meine Familie musste auf vieles verzichten. Aber es war die richtige Entscheidung. Ich habe hier Freunde fürs Leben gefunden.“

Der TSV Schwaben Augsburg hat eine der ältesten Frauenabteilungen Deutschlands, gegründet gleich 1971. Die erste Mannschaft trainiert dreimal die Woche. Vor ihrem Wechsel hatte Emiliy-Joan Stockinger, die neben der Karriere Betriebswirtschaftslehre studiert, bis zur B-Jugend mit den Jungs gespielt. Ein eigenes Frauenteam gab es im kleinen Marktoberdorf nicht. Und immer diese Rechtfertigungen. „Ich habe beides erlebt, positive und negative Kommentare. Die einen wollten mit mir befreundet sein, gerade weil ich erfolgreich Fußball spiele. Andere haben mich ausgeschlossen“, erinnert sie sich. „Gerade auf dem Dorf war es eher negativ. Mannsweib – diese Bezeichnung musste ich mir ständig anhören.“

Giulia Gwinn vom FC Bayern ist eine der berühmtesten Fußballerinnen der heutigen Bundesliga.
Foto: David Inderlied, dpa

Beim TSV Schwaben spielen heute drei Frauen- und neun Juniorinnenteams, die besten in der Bundesliga. „Unfassbar viele Mädchen“, sagt Stockinger. Beim Blick auf ganz Schwaben sieht das anders aus. Im Moment seien die Anmeldungen beim Mädchenfußball stark rückläufig, beklagen Funktionärinnen und Funktionäre. Teilweise schlössen sich vier, fünf Vereine zusammen, um einen Trainingsbetrieb anbieten zu können. Immer noch hänge erfolgreicher Frauenfußball im Amateurbereich mit der Initiative von Einzelpersonen zusammen. Eltern, die ihrer Tochter eine Karriere ermöglichen wollen, aktive Fußballer, einstige höherklassige Spielerinnen, die sich bereit erklären, ein Team zu trainieren. Insgesamt, so das Fazit vieler, die den Überblick haben, hätten die Erfolge der Nationalelf „keinen Boom gebracht“.

Nur die Lokalzeitung schrieb über den WM-Titel in Taiwan

War das in den Achtzigern anders? Die einstige Topspielerin sagt: „Ob unser WM-Titel einen Boom ausgelöst hat? Nein, das ging ja gar nicht. Von unserem außergewöhnlichen Erfolg wurde nur im Umkreis von Köln und Bergisch Gladbach überhaupt berichtet.“ Auch sie im Rheinland merkt, dass die Anmeldungen für Fußballvereine unter jungen Mädchen „leider zurückgehen“ – während, das ist das große Paradoxon des weiblichen Fußballs in Deutschland, die Bundesliga sich mehr und mehr professionalisiert. Anne Trabant-Haarbach begrüßt Letzteres, auch wenn sie ein wenig um die Seele des Fußballs, die Gemeinschaft von damals, fürchtet. Aber: „In England, Frankreich, Italien oder Spanien versuchen die Vereine, Verbindungen herzustellen zwischen ihren Männer- und Frauenteams. In dieser Hinsicht muss sich in Deutschland mehr tun.“

Emily-Joan Stockinger sagt, sie sei derzeit „super zufrieden“ in ihrem Team. Die Stürmerin überlegt, einmal zumindest vorübergehend in die USA zu gehen – wo die Spielerinnen Millionärinnen sind, Stars wie Megan Rapinoe vom Reign FC eine eigene Talkshow und eine politische Stimme haben. Dass das in Deutschland immer noch nicht so ist, 40 Jahre nach dem Sieg von Taipeh, hält sie von ihrem Ziel nicht ab: „Ich würde den Fußball nie aufgeben. Das ist es doch immer noch, was viele wollen. Man muss dagegenarbeiten.“ Kämpferin Anne Trabant-Haarbach gefällt das.

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