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Doping-Sperre

19.02.2018

Trutzburg der Verschmähten

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Das Haus des Sports, in dem die russischen Athleten untergebracht sind, sieht von außen nicht sehr repräsentativ aus. Das spiegelt auch die Regeln wider, denen die Sportler unterliegen: Sie dürfen keine Fahnen zeigen, auch auf ihre Hymne mussten sie bisher verzichten.

Wie viel Russland steckt eigentlich in Olympia? Ein Besuch im Haus des Sports, in dem die russischen Athleten wohnen

Die Straße wirkt wenig einladend. Es ist eine Gegend, in der in Fernsehkrimis gerne Morde stattfinden. Vor dem Hintereingang zu einem kleinen Supermarkt warten die ersten Gäste. Sie tragen Trikots der russischen Eishockey-Nationalmannschaft und haben sich die russische Flagge auf die Wangen gemalt. Sie schauen auf die andere Straßenseite. Dort geht es durch eine Tür, die problemlos auch der Eingang zu einem zwielichtigen Nachtklub sein könnte. Willkommen im Haus des Sports, der Heimat auf Zeit der russischen Olympia-Abgeordneten. Es ist die Trutzburg der Verschmähten. Es ist eine Erinnerung an die besseren Zeiten.

Russland darf nicht bei den Olympischen Spielen dabei sein – und ist es irgendwie doch. Wegen des Dopingskandals rund um die Olympischen Spiele 2014 ist das Land gesperrt, nur 168 ausgewählte Sportler dürfen antreten. Unter der Bezeichnung „Olympische Athleten aus Russland“ sind sie nach Südkorea gereist. Sie tragen neutrale Trainingsanzüge. Sofern sie mal eine Goldmedaille gewinnen, darf ihre Hymne nicht gespielt werden. Bisher ist es nicht dazu gekommen.

Es ist eine Skurrilität dieser Spiele. Die übrigen Nationen lassen ihren Treffpunkt von den jeweiligen nationalen Komitees betreiben. Da Russland offiziell nicht teilnehmen darf, ist auch keine Landesvertretung erlaubt. Ausgewählt wurde der Ort von der russischen Botschaft im Strandgebiet von Gangneung, finanziert von Oligarchen aus der Heimat. Eine von Roman Abramowitsch, Alischer Usmanow, Premierminister Dmitri Medwedew, dem lebenslang für Olympia gesperrten Sportfunktionär Witali Mutko und anderen einflussreichen Russen betriebene Stiftung steht hinter dem Bau. 350 Gäste sollen pro Tag hier sein. Die Russen wollen sich ihre russische Seele nicht nehmen lassen. Vorsichtig müssen sie sein, die Fahne Russlands ist auch hier verboten. Auf einer 100 Quadratmeter großen Leinwand werden die Wettbewerbe übertragen. Russlandhaus darf das Gebäude offiziell nicht heißen, nun prangt „Haus des Sports“ an der Fassade. Und überall ist das Motto zu sehen: „Russland in meinem Herzen“. Auch außerhalb trifft man immer wieder auf diesen Slogan. Im Pressezentrum der Snowboardwettbewerbe liegen drei weiße Helme mit kleinen Aufklebern auf der Vorderseite: „Russland in meinem Herzen“. Ein bisschen Russland steckt also überall bei den Olympischen Spielen.

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Und die Sportler? „Sie treten unauffällig auf und sind ganz normal in den Wettkämpfen drin“, berichtete der deutsche Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig. „Dass es andere Voraussetzungen sind als in Sotschi, ist allen bekannt und ist auch gut so.“ Und spiegelt sich im Medaillenspiegel, der die so erfolgsverwöhnte Wintersportnation im Mittelmaß führt.

Rundgang durch das Haus des Sports. Das Obergeschoss ist reserviert für besondere Gäste. Im Erdgeschoss, einer Mischung aus Partyraum und Gedenkstätte, stehen elf gerahmte Bilder. Sie zeigen alle Wladimir Putin. Meist beim Handschlag mit Südkoreas Präsident Moon Jae In. Putin ist hier ein Held, zweifelsfrei. Man ist sich einig in seiner Verehrung, aber auch in der Unrechtmäßigkeit des russischen Banns. Immerhin: Das IOC überlegt wohl, die Nation Russland bei der Schlussfeier wieder zuzulassen, wenn sie sich bis dahin unauffällig verhält. Die offizielle Teamkleidung liegt jedenfalls schon mal bereit.

Auf dem Weg hinaus geht es wieder die Treppe hinab, an lebensgroßen Pappaufstellern russischer Eishockey-Helden vorbei. An der Decke steht, wofür das Haus normalerweise genutzt wird: Aqua Wedding Hall, ein Ort für Hochzeiten. Darauf hofft auch Russland. Auf eine neue Verbindung mit Olympia – nach der schmerzhaften Trennung.

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