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Sportpolitik

11.09.2013

Überdurchschnittlich glücklich

Thomas Bach ist ein eher sachlich eingestellter Mensch. Nach seiner Wahl zum IOC-Präsidenten zeigt aber auch er Rührung und Verlegenheit – zumindest kurz

Buenos Aires Es soll ja Optimisten im Thomas-Bach-Lager gegeben haben, die die Wahl ihres Tauberbischofsheimers zum Chef des Weltsports allen Ernstes bereits im ersten Wahldurchgang prognostiziert hatten, teilweise mit hohen Wetteinsätzen. Das allerdings war dann doch ein wenig zu frech gewesen. „Im ersten Durchgang werden immer ein paar Stimmen höflich an sowieso unterlegene Kandidaten verschenkt“, wies Walther Tröger vorab auf die Gepflogenheiten im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hin. Der 84-jährige Frankfurter gehört als Ehrenmitglied dem IOC an – und erklärte interessierten Zuhörern in den Gängen des „Hilton“-Hotel zu Buenos Aires am Rande der 125. IOC-Vollversammlung immer wieder gerne die ungeschriebenen Gesetze der Sportpolitik.

Nun, es wurde also der zweite Wahlgang, weil 43 Stimmen zunächst keine absolute Mehrheit bedeuteten: Aber dieser zweite Wahlgang brachte dem von Tröger einst als jüngeren Rivalen bekämpften, inzwischen halbwegs respektierten Kollegen bei 49 von 93 abgegebenen Stimmen den Sieg mit dem erhofften, ersehnten, erstrebten, als Lebensziel auserkorenen Sprung in die Position des IOC-Präsidenten.

Jacques Rogge entnahm um 12.41 Uhr Ortszeit, in Mitteleuropa war es 17.41 Uhr, den Namen seines Nachfolgers aus einem weißen DIN-A3-Umschlag und las ihn vor. Fast verwirrt und kurzzeitig verlegen blickte der erst nach links und rechts, als wolle er sich vergewissern, tatsächlich seinen Namen vernommen zu haben. Zwar fasste sich der 59-Jährige rasch, stieg auf, umarmte Rogge knapp, klopfte ihm die Schulter, nicht übertrieben herzlich, aber auch nicht unwürdig. Dann schritt er im gewohnten, kurzen Ausfallschritt des Ex-Fechters zum Rednerpult – und wurde im aufbrandenden Hoffnungsbeifall eine gute Minute lang für seine Verhältnisse tatsächlich verlegen. Bach blickte ziemlich glaubhaft gerührt drein, wie es sich hinsichtlich eines soeben erfüllten Lebenstraumes gehört.

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Den Beifall mäßigend abgedämpft

Doch wäre Bach wiederum nicht Bach, ein äußerlich eher sachlicher Mensch, hätte er den Beifall nicht sogleich mit beiden Händen beschwichtigend mäßigend abgedämpft. Und daraufhin bedankte er sich als Allererstes in elf Sprachen, wie es sich für einen Papst gehört, den künftigen Papst der Sportwelt.

„Ich weiß, ich übernehme von heute an eine große Verantwortung“, sagte er als ersten echten Satz seiner Präsidentschaft – und bat zur Ausübung der Verantwortung seinen schwer von der Parkinson-Krankheit gezeichneten Vorgänger Jacques Rogge um „guten Rat“. Alles andere wäre auch traurig gewesen, zumal sich der Belgier am Ende seiner IOC-Tage mit verbliebenen Herzenskräften einigermaßen mit dem Tauberbischofsheimer versöhnt zu haben scheint.

Rogge, so war kolportiert worden, hätte den US-Banker Richard Carrion aus Puerto Rico favorisiert gehabt, der als Finanzier der Olympier die vollen Kassen des Komitees in den letzten Jahren noch voller gefüllt hatte. Carrion (er wurde Zweiter mit 29 Stimmen) war aber kein Vertreter des realen Sports, und deswegen wird Ex-Segler Rogge auch mit Bach leben können, der sich als Botschafter der Athleten versteht, auch wenn dies nicht alle Athleten ähnlich verstehen.

Bereits kommende Woche bezieht er sein neues Büro

Wie geht es nun weiter? Thomas Bach wird bereits am kommenden Dienstag seine Geschäfte am IOC-Sitz in Lausanne aufnehmen. Ehefrau Claudia, von Beruf Lehrerin, lässt ihren Schuldienst ruhen und zieht mit ihm vorerst ins „Palace“-Hotel am Ufer des Genfer Sees. Jacques Rogge hat sowohl sein Büro als auch seine Wohnung dort längst leer räumen lassen. Das IOC hatte hinter den Kulissen schon mehrere Wochen lang eine erst jetzt zugegebene Führungs-Vakanz. Darum drängt’s.

Empfang beim Bundespräsidenten

Seine zweite Hauptrolle als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wird Bach vermutlich nach einem Empfang bei Bundespräsident Joachim Gauck am nächsten Sonntag in Berlin abgeben. Satzungsgemäß wird der DOSB-Vizepräsident Finanzen, Hans-Peter Krämer aus Köln, sein Interimsnachfolger. Der Schatzmeister, der im Gegensatz zum sprachgewandten Bach lediglich Kölsch und Deutsch beherrscht, soll im Dezember einen Nachfolger gewählt bekommen.

Seinem einheimischen Nachfolgern wird Bach sicher noch gute Ratschläge geben können. Doch sein Engagement erstreckt sich nunmehr schlagartig auf alle Länder der Welt. „Über die Wahl bin ich sehr, sehr glücklich, im zweiten Wahlgang gewählt zu werden, ist überdurchschnittlich“, fasste der neue IOC-Präsident die Ereignisse seiner Inthronisierung später zusammen: „Ich war von der fast körperlich greifbaren Unterstützung der Mitglieder aus dem Gremium emotional sehr berührt und bin wirklich ergriffen.“

Am 7. Februar, in nicht mal fünf Monaten, wird ein in Würzburg ausgebildeter Anwalt aus Tauberbischofsheim die Olympischen Winterspiele 2014 eröffnen – vermutlich liefert Gastgeber Sotschi eines der ersten Probleme seiner am gestrigen Dienstag begonnenen Ära.

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