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Fußball-WM 2018

13.06.2018

Uli Stein kritisiert DFB-Team: „Wo ist der unbedingte Siegeswille?“

Der ehemalige Fussball-Torwart Uli Stein nimmt auch heute kein Blatt vor den Mund.
Bild: Thomas Frey

Der ehemalige Nationaltorhüter Uli Stein über die Chancen der Nationalmannschaft, die Suppenkasper-Affäre mit Franz Beckenbauer und den „peinlichen Karius“.

Herr Stein, was denken Sie nach der WM-Generalprobe der deutschen Mannschaft?

Uli Stein: Ich war erschrocken – nur 2:1 gegen Saudi-Arabien.

Sie gehören also auch zu denjenigen, die meinen, dass man die Saudis 5:0 aus dem Stadion schießen muss?

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Stein: Nein, bestimmt nicht. Aber die Art und Weise, wie die deutsche Mannschaft gespielt hat – das macht mich nachdenklich. Saudi-Arabien gehört ja nun wirklich nicht zur Crème de la Crème des Fußballs.

Läuten nun bei Ihnen die Alarmglocken?

Stein: Einerseits sind es nur Testspiele, die sollte man nicht überbewerten. Andererseits war es jetzt schon das sechste Spiel hintereinander, in dem wir nicht überzeugt haben. Da sind schon noch einige Fragen, die offen sind.

Welche?

Stein: Ich weiß nicht, ob die Mannschaft noch den Biss hat wie vor vier Jahren. Wo ist dieser unbedingte Siegeswille? Den vermisse ich. Vor vier Jahren waren das genau die zehn Prozent, die uns zum Weltmeister gemacht haben.

Was können die Ursachen dafür sein?

Stein: Vielleicht liegt es daran, dass viele im Team schon mal dieses Weltmeister-Gefühl erleben durften. Das könnte gefährlich werden, wenn man sieht, dass die gegnerischen Mannschaften viel stärker sind als vor vier Jahren. Die Brasilianer sind zwei Klassen stärker als 2014, die Spanier sind wieder zur alten Stärke zurückgekehrt, die Franzosen sind bärenstark. Wenn dann die erwähnten zehn Prozent fehlen, dann könnte es in diesem Jahr nicht für die Titelverteidigung reichen.

Ist es richtig, Manuel Neuer mitzunehmen?

Stein: Da hat Jogi alles richtig gemacht. Spielpraxis hin oder her – auf so eine Qualität kannst du nicht verzichten. Die Präsenz, die Neuer hat. Die Sicherheit, die er ausstrahlt. Mit seiner Körpersprache schüchtert er die Gegner ein. Die Mannschaft fühlt sich einfach sicher, wenn sie weiß, dass der Manuel da hinten im Tor steht.

Alle vier Jahre zur WM-Zeit wieder wird auf Ihre „Suppenkasper-Affäre“ bei der WM 1986 in Mexiko zurückgeblickt.

Stein: Normal.

Ein Bild, das Steins Stimmung bei der WM 1986 beschreibt.
Bild: Witters

Es war ja auch nicht schön, dass Sie den damaligen Coach Franz Beckenbauer als „Suppenkasper“ bezeichnet haben.

Stein: Es war ein Flachs beim Mittagessen am Tisch. Dort haben wir nie die vollen Namen ausgesprochen, sondern immer nur die Anfangsbuchstaben. Irgendwann musste ich auflösen, wer denn dieser „SK“ ist. Leider hat diese Geschichte vom Tisch den Weg an die Öffentlichkeit gefunden.

Irgendein Spielerkollege muss Sie ja verpfiffen haben.

Stein: Ich weiß, wer es war. Aber er weiß wahrscheinlich nicht, dass ich es weiß. Aber was soll’s, jetzt habe ich 32 Jahre lang den Mund gehalten, da will ich keinem mehr zu nahe treten. Das ist alles Schnee von gestern. Heute kann ich darüber lachen.

Jedenfalls wurden Sie damals von Beckenbauer aussortiert.

Stein: Stimmt nicht. DFB-Präsident Hermann Neuberger hat das angeordnet. Da war selbst der Franz machtlos. Ich kann mich noch gut an die Worte von Franz erinnern, als er im Hotel zu mir aufs Zimmer kam: „Uli, alles halb so schlimm. Wenn Helmut Schön gewusst hätte, was ich alles über ihn im Trainingslager erzählt habe, hätte er mich dreimal nach Hause geschickt.“

Hat Neuberger Ihnen persönlich den Rausschmiss mitgeteilt?

Stein: Ach was. Der hat doch gar nicht gewusst, was bei uns im Hotel alles passierte, weil er woanders wohnte. Er hat sich seine Meinung aus den Geschichten in den Medien gebildet.

Vier Jahre später wollte Sie Beckenbauer wieder mit zur WM nach Italien nehmen.

Stein: Richtig. Aber dann kam wieder das Veto von Neuberger, dass ich nie wieder für Deutschland spielen dürfe. Schon interessant, wie sich die Zeiten geändert haben. Nach dem Besuch von Özil und Gündogan bei Erdogan sprach der heutige DFB-Präsident Grindel davon, dass junge Menschen auch mal Fehler machen dürften. Ich war nach meinem Fehler auf Lebenszeit beim DFB gesperrt. Aber dennoch: In der Rückschau ist es großartig, dass ich 1986 mit nach Mexiko fahren durfte, und überhaupt erleben konnte, welchen Stellenwelt ein solches Turnier in der Welt hat.

Dem Rauswurf folgte kein Karriereknick?

Stein: Das hat mich Länderspiele gekostet, sicher. Aber ansonsten möchte ich nicht von einem Karriereknick sprechen. Finanziell hat mir der Rauswurf Schaden zugefügt. Als WM-Teilnehmer und Torhüter der Nationalmannschaft hätte ich bestimmt auf dem Werbesektor viel mehr Geld verdienen können.

Sie waren also nicht nachhaltig gefrustet? Wenn ich da an den Faustschlag 1987 im Supercup-Spiel gegen den damaligen Bayern-Spieler „Kobra“ Wegmann und Ihren anschließenden Rausschmiss beim HSV denke, könnte man anderer Meinung sein.

Stein: Das hatte überhaupt nichts mit meinem DFB-Ärger zu tun, sondern hing einzig und allein mit unserem katastrophalen HSV-Trainer Josip Skoblar zusammen. Die gesamte Mannschaft war nach der Saisonvorbereitung in einem desolaten Zustand. Wir waren mental und körperlich ganz unten. Skoblar war der blindeste Trainer, den ich je in meiner Karriere erlebt habe. Letztlich hat er sich ja auch nicht lange gehalten. Mit „Kobra“ ist längst alles ausgeräumt. Wir haben uns ausgesprochen.

Uli Stein hatte mit Nationalmannschafts-Teamchef Franz Beckenbauer seine Probleme, hier bei einem Länderspiel im September 1984.
Bild: Wilfried Witters, Witters

Skoblars Vorgänger Ernst Happel haben Sie verehrt.

Stein: Der größte Trainer, den ich kennenlernen durfte. Wir waren damals beim HSV eine Mannschaft mit Topleuten wie Magath, Hrubesch, Jakobs oder Kaltz. Alle hatten einen Riesenrespekt vor Happel, der nie viel sagen musste. Er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. Wir konnten mit allen Problemen zu ihm kommen und um Rat fragen. Das haben wir auf dem Platz zurückgezahlt.

Noch einmal zurück zu Ihrem Ruf. Was Jobs bei Ihren früheren Klubs angeht, sind Sie ja nach der sportlichen Karriere eher geächtet worden, oder?

Stein: Geächtet ist vielleicht das falsche Wort. Ob das beim HSV, in Frankfurt oder in Bielefeld war: Im Laufe der Jahre war ich ständig irgendwie im Gespräch. Letztlich gab es immer eine entscheidende Person im Verein, der meine Nase nicht passte. Ich bin halt einer, der seine Meinung klar vertritt. Das können viele nicht vertragen.

Nach dem Weggang von Heribert Bruchhagen in Frankfurt sind Sie nun ja auch Markenbotschafter der Eintracht.

Stein: So ist es (lächelt).

Wären Sie in der heutigen Zeit gerne Fußballprofi?

Stein: Wir konnten damals freier leben. Keine Handys, kein Internet, kein Twitter oder Instagram. Wir konnten auch mal ungestört Mannschaftsabende feiern. Neidisch werde ich heute eigentlich nur, wenn ich die regelmäßig vollen Topstadien sehe. Das ist mit damals nicht vergleichbar. In den Arenen von heute hätte ich gerne mit unserer damaligen HSV-Truppe gespielt.

Lassen Sie uns noch kurz über die Personalie Loris Karius sprechen.

Stein: Sein weinerlicher Auftritt und die Patzer im Finale waren schon peinlich genug. Aber viel peinlicher ist doch, wenn er sich erst viele Tage nach dem Champions-League-Finale im Urlaub in Amerika eine im Endspiel erlittene Gehirnerschütterung diagnostizieren lässt. Das ist noch lächerlicher als die beiden Fehler, die er gemacht hat. Was sind das für Kerle? Ein solches Verhalten kenne ich aus meiner aktiven Zeit nicht.

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Bild: Robert Ghement, dpa
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