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Skispringen

04.03.2013

Verrechnet, verbessert, versilbert

Rechenfehler beschert deutscher Mannschaft Platz zwei. Kritik am Punktsystem

Val di Fiemme Versunken sitzt er da. Auf der Bank neben einer vertrockneten Tanne: Anders Bardal versteht die Skisprung-Welt nicht mehr. Er soll der Schuldige sein, dabei hat er von all dem Unheil nichts geahnt. Unschuldig fühlt er sich. Unschuldig ist er – doch die WM-Medaille für Bardal und seine Kollegen ist weg. Weil der Norweger im ersten Durchgang des Teamwettbewerbes von der Großschanze am Samstagabend Bonuspunkte für einen geringeren Anlauf gutgeschrieben bekommt, die ihm nicht zustehen. Entsetzen. Diskussionen. Ein unglaublicher Fauxpas des Ablaufrichters.

Stille statt Silber. Weil Norwegen 6,7 der 1124,0 errechneten Punkte abgezogen bekommt, sind Andreas Wank, Michael Neumayer, Severin Freund und Richard Freitag von Platz drei auf zwei (1121,8) vorgerückt. Die Polen werden als Dritte (1121,0) doch noch zur Siegerehrung geladen. Die Zeremonie mit Blumen zuvor genießen allein die Österreicher (1135,9), die Plätze neben ihnen sind frei.

Erst später kommt heraus, dass Weltmeister Thomas Morgenstern die Schlamperei bemerkt – und das deutsche Team darauf aufmerksam gemacht hat. Der Sportliche Leiter Horst Hüttel legt Protest ein, Videobilder belegen den Fehler. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schwer Rechnen manchmal ist“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. „Eine komische Situation“, meint Michael Neumayer.

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Walter Hofer, Renndirektor des Ski-Weltverbandes Fis, klopft dem tieftraurigen Anders Bardal auf die Schulter. Wissend, dass dieser für Trost jetzt nicht empfänglich ist. Wortlos verlässt er mit seinen frustrierten Freunden das Stadion. Bedröppelt. Beraubt. Bedient.

Ein Fehler mit Folgen. „Ich bin überhaupt nicht glücklich mit dem neuen System“, sagt Gian Franco Kasper, Präsident der Fis. „Das war menschliches Versagen. Wir werden das sehr ernsthaft diskutieren.“ Weil es für die Skisprung-Fans nahezu unmöglich ist, das Geschehen noch zu verfolgen. Die Fernsehzuschauer in Deutschland bekommen von dem Wirrwarr ohnehin nichts mit, die Kameras sind längst aus.

Zeit für Analysen. Und Wiederholungen. Manuel Fettner ist der Held für die Endlosschleife auf der Videowand. Nach seinem Aufsprung im Finale löst sich die Bindung seines rechten Skis, er surft aber akrobatisch und geradezu galant mit einem Bein bis hinter die Sturzlinie. Glück. Zufall. Instinktsache für den Freeskier aus Leidenschaft und höchste Wertschätzung für den 27-jährigen Tiroler. „Manuel ist ein Riesentalent. Aber da hat er lange warten müssen, bis er mal berühmt wird“, sagt Werner Schuster.

Jetzt ist er es, der Tiroler. Er strahlt: „Ich habe gewusst, dass ich es nicht versaut habe. Das ist ein Supergefühl. Dass das auch noch mit Gold belohnt wird, ist überdrüber.“

Auch Werner Schuster will Gold gewinnen. Nach dem Drama in drei Akten sagt er: „Da haben wir noch was zu tun. Da müssen wir die Fehler noch abstellen, wenn wir es wirklich mal schaffen wollen.“ Es ist trotzdem einen weiteren Schritt vorangegangen mit Deutschlands Skispringern.

Der Anspruch auf die Goldmedaille prägt sich ein: „Die kommt irgendwann auch noch“, sagt Severin Freund. „Wir brauchen uns nicht immer schon vorher hinter den Österreichern einreihen“, sagt Richard Freitag. Selbstbewusstsein vor der Siegerehrung und der Supersause mit den Kombinierern.

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