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Eintracht Frankfurt

01.04.2016

Vorstand Bruchhagen: War nicht angenehm, Armin Veh zu entlassen

Seit 2003 ist Heribert Bruchhagen Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt. 
Bild: Arne Dedert, dpa, lhe

Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen spricht im Interview über den Druck im Abstiegskampf, wie Armin Veh auf seine Entlassung reagierte und was Mondaymorning-Quarterbacks sind.

Herr Bruchhagen, Sie gelten als Realist, der das Träumen gerne anderen überlässt. Von daher werden Sie nicht mit großen Erwartungen nach München fahren...

Bruchhagen: Ich bin kein Prophet, wenn ich sage, dass wir in dieses Spiel als krasser Außenseiter gehen. Aber ich kann mich auch noch an ein 0:0 erinnern, bei dem ein gewisser Luca Toni unserem Torwart Oka Nikolov acht Mal den Ball auf den Körper geknallt hat.

0:0 hieß es auch in der Hinrunde gegen den FC Bayern München...

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Bruchhagen: Wo wir uns verbarrikadiert haben.

Das wäre auch ein möglicher Plan für das Spiel Samstag in München – oder nicht?

Bruchhagen: Die richtige Taktik zu finden, ist nicht meine Sache. Dafür haben wir einen Trainer.

Nicht wenige Eintracht-Fans plädieren in den Internetforen dafür, gegen die Bayern mit einer Reservisten-Truppe anzutreten und die Stammkräfte für die Partie eine Woche später gegen den Tabellennachbarn Hoffenheim zu schonen...

Bruchhagen: Das ist eine legitime Fan-Diskussion, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Wir werden gegen den FC Bayern München mit der stärkstmöglichen Mannschaft antreten.

Einige Bremer und Darmstädter Spieler hatten vor der Partie gegen den FC Bayern München Gelb-Sperren provoziert, um diese beim Spiel gegen den übermächtigen Tabellenführer abzusitzen und unvorbelastet in die nächsten, wichtigeren Begegnungen im Abstiegskampf zu gehen.

Bruchhagen: Jeder Verein hat da seine eigene Vorstellungen und ist frei in seinen taktischen Maßnahmen. Unser Makoto Hasebe war auch mit neun Gelben Karten vorbelastet. Aber er hat sich vor dem Bayern-Spiel nicht die zehnte abgeholt.

Die Eintracht steckt als Tabellenvorletzter tief im Abstiegskamp. Dabei hatten zum Saisonbeginn viele Fans, aber auch Verantwortliche im Klub von der Qualifikation für die Europa League gesprochen. Es sollte eine Saison zum Träumen sein...

Bruchhagen: Wir haben die vergangene Saison auf Platz neun beendet, konnten die Mannschaft fast komplett zusammenhalten. Dazu kamen Neuerwerbungen. Das hat den ein oder anderen dazu verleitet, von der Europa League zu träumen.

Sie selbst haben sich diesbezüglich zurückgehalten.

Bruchhagen: Ich verfüge schon über eine realistische Einschätzung der Dinge. Mir war klar, dass sehr vieles zusammenkommen muss, damit wir um die Europa-League-Plätze mitspielen. Es ist ja auch vieles zusammengekommen – aber halt viel Negatives...

Was sind die Hauptgründe für die Talfahrt?

Bruchhagen: Fußball ist ein Ergebnissport, in der sich eine gewisse Eigendynamik entwickeln kann – positiver, aber auch negativer Natur. Wir haben leider Letzteres zu spüren bekommen. Viele Spiele, die wir verloren haben, standen auf der Kippe und hätten auch zu unseren Gunsten ausgehen können. Und wenn ein Spieler wie Alex Meier, der in der vergangenen Saison Bundesliga-Torschützenkönig war, verletzungsbedingt fehlt, trifft uns das sehr hart. Das ist beim FC Bayern anders, der kann einen Ausfall von Ribéry oder Robben problemlos kompensieren.

War es ein Fehler, Armin Veh nach seinem freiwilligen Abschied 2014 noch einmal nach Frankfurt zu holen?

Bruchhagen: Fußball ist hypothetisch. Journalisten haben es leicht. Die können die Dinge hinterher analysieren und kritisieren. In Amerika spricht man von den Mondaymorning-Quarterbacks – das sind Leute, die im Nachhinein alles besser wissen und anders gemacht hätten. Es ist ja auch so, dass ihnen nach einem Abstieg von 100 Menschen immer 100 Menschen sagen werden, dass der Trainer zu spät entlassen worden ist. Keiner macht die Aussage: wenn der alte Trainer geblieben wäre, hätte es für den Klassenerhalt gereicht.

Wie schwer fiel es Ihnen, Armin Veh, zu dem Sie persönlich ein gutes Verhältnis haben, von seiner Entlassung zu unterrichten?

Bruchhagen: Das ist natürlich alles andere als angenehm. Die Eintracht ist trainerstabil. In den 13 Jahren hier musste ich nur zweimal Trainer entlassen – Michael Skibbe und eben Armin Veh. Als ich Armin Veh unsere Entscheidung mitteilte, hatte ich den Eindruck, dass er fast ein bisschen erleichtert war. Aber ich kann mich da auch täuschen. Auf jeden Fall habe ich immer noch ein absolutes Vertrauensverhältnis zu Armin Veh. Wir stehen regelmäßig in Kontakt.

Haben Sie sich schon mit dem Szenario befasst, dass die Eintracht tatsächlich absteigt oder sind solche Gedankenspiele tabu?

Bruchhagen: Natürlich habe ich mich damit befasst. Ich bin noch bis zum 30. Juni im Amt. Es gehört zu meiner Pflicht, die Dinge für die Eintracht zu regeln – bis zum letzten Arbeitstag. Und dazu gehört auch, sich mit dem Worst Case zu beschäftigen und darauf vorbereitet zu sein. In sportlicher Hinsicht ist aber noch nichts entschieden, und ich bin überzeugt, dass wir es schaffen werden. Fünf Teams befinden sich in einer ähnlich prekären Situation wie wir. Unsere Mannschaft hat die Chance, in den direkten Duellen gegen Darmstadt, Hoffenheim und Bremen das Blatt zu wenden.

Die Spieler können rennen und kämpfen. Wie fühlt sich für Sie der Abstiegskampf an?

Bruchhagen: Das belastet einen im täglichen Leben – und besonders natürlich in der Arbeit. Egal ob bei Gesprächen mit Sponsoren oder mit Mitarbeitern, das Thema Klassenerhalt schwingt immer mit. Auf den Fluren in der Geschäftsstelle ist das zu spüren. Beim Einkaufen oder im Taxi, immer wieder wird man auf das Thema angesprochen. Als Verantwortlicher muss man sich da selbst trainieren. Man darf keine Resignation zeigen, muss weiter entscheidungsstark sein. Selbstzweifel sind im Fußball sowieso nicht erlaubt.

Der frühere Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel hat einmal gesagt: „Wenn Bruchhagen weg ist, dann bricht der ganze Verein zusammen. Dann ist es wieder wie früher.“

Bruchhagen: Das ist überpointiert. Gut, der Verein steht heute schuldenfrei da. Wir haben in der Saison 2005/2006 das Pokalfinale erreicht und uns für den Uefa-Cup qualifiziert – das war ein wirtschaftlicher Wendepunkt.

Ende der Saison wollen Sie sich in den Ruhestand verabschieden. Können Sie ohne Fußball überhaupt leben?

Bruchhagen: (lacht) Das muss sich erst noch herausstellen. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und seit 29 Jahren im Fußballgeschäft. Ich freue mich auf andere Dinge. Ich denke, dass es nicht unangenehm sein wird, in der Früh mit dem Gefühl zum Bäcker zu gehen, heute keine Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen zu müssen.

An welche Entscheidung erinnern Sie sich besonders gerne?

Bruchhagen: Ich habe den Alex Meier aus der Nordheide geholt. Zwölf Jahre später zu sehen, wie der Alex zum Bundesliga-Torschützenkönig gekürt wird, das war für mich schon ein sehr glücklicher Moment.

 

Zur Person: Seit 2003 ist Heribert Bruchhagen Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt. Der ehemalige Sport- und Geografielehrer rettete die damals finanziell schwer angeschlagenen Hessen vor dem Absturz und konsolidierte den Verein. Nach Ende der Saison verabschiedet sich der 67-Jährige in den Ruhestand.

Begonnen hat Bruchhagen seine Karriere als Fußballfunktionär 1988 beim FC Schalke 04, bei dem er noch heute Mitglied ist. Von 1992 bis 1995 war Bruchhagen Manager des Hamburger SV und von 1998 bis 2001 Manager von Arminia Bielefeld. Anschließend wechselte der Ostwestfale als Geschäftsführer zur deutschen Fußball-Liga (DFL). Bruchhagen gilt bis heute als Anwalt der kleineren Vereine.

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