Wandelt Jogi Löw bald auf Berti Vogts' Spuren?

05.09.2018

Es gibt nicht viele Dinge, die den ehemaligen Nationaltrainer Berti Vogts und den aktuellen DFB-Coach Joachim Löw verbinden. Noch nicht.

Es gibt nicht viele Dinge, die den ehemaligen Nationaltrainer Hans-Hubert Vogts und den aktuellen DFB-Coach Joachim Löw verbinden – außer einem zweisilbigen Spitznamen. Hier der mürrische Eigenbrötler vom Niederrhein mit dem lichten Haupthaar, dort der cabriofahrende schwarz geschopfte Nivea-Werbeträger aus dem Schwarzwald. Auch fußballerisch führt beide nur wenig zusammen: Während Berti als Verteidiger seinen Dienst für Borussia Mönchengladbach unspektakulär, aber äußerst erfolgreich verrichtete und sich so den Ehrentitel Terrier verdiente, schaffte es Stürmer Jogi mit vielen Toren zwar zu Zweitliga-Ehren, aber nur zu bedingter Bundesliga-Reife. Als Nationaltrainer setzte sich der Kontrast fort: Vogts rumpelte sich zwar zum EM-Titel 1996, stand aber fast während seiner gesamten DFB-Zeit in der Kritik. Jogis offensiver Ballbesitz-Fußball mündete stets mindestens ins Halbfinale eines Turniers und brachte 2014 sogar den WM-Titel. Böser Berti, lieber Jogi? So war es bislang vielleicht.

Löw bekommt derzeit eine Vorstellung, wie es sich anfühlt Berti zu sein

Mittlerweile stellen sich erste Parallelen ein. Löw dürfte nun eine Vorstellung dessen bekommen, wie es sich anfühlt, Berti zu sein. Nach dem WM-Debakel mehren sich die kritischen Stimmen gegen ihn – und wie bei Vogts gleiten sie zunehmend ins Persönliche ab. Löw kündigte nach der WM-Blamage einen Paradigmenwechsel an. Er nahm Abstand von seiner Idee des Ballbesitz-Fußball, fordert nun mehr Disziplin ein.

10 Bilder
Bild: Andreas Gebert, dpa
Von Otto Nerz bis Joachim Löw: Die deutschen Bundestrainer
zurück
Foto: Andreas Gebert, dpa

Joachim Löw ist seit 2006 Bundestrainer. 2014 holten Jogi's Jungs bei der Weltmeisterschaft in Brasilien den Titel.

Foto: Kay Nietfeld, dpa

Von 2004 bis 2006 war Jürgen Klinsmann Bundestrainer. Bei der Heim-WM 2006 wurde seine Mannschaft Dritter. Es folgten Stationen beim FC Bayern und als Nationaltrainer der USA.

Foto: Oliver Berg, dpa

Teamchef Rudi Völler trainierte die Nationalmannschaft von 2000 bis 2004. Unter seiner Leitung zog die Nationalmannschaft 2002 ins Finale der WM ein und wurde Zweiter.

Foto: Peter Kneffel, dpa

Erich Ribbeck war von 1998 bis 2000 Bundestrainer. Seine Mannschaft schied bei der EM 2000 bereits in der Vorrunde aus. Ribbeck trat daraufhin zurück.

Foto: Hannibal Hanschke, dpa

Berti Vogts trainierte das DFB-Team von 1990 bis 1998. 1996 gewann sein Team die Europameisterschaft in England. Anschließend trainierte er unter anderem Nigeria und Aserbaidschan.

Foto: Frank Leonhardt, dpa

Franz Beckenbauer führte die Nationalmannschaft 1990 in Italien zum dritten WM-Titel. "Der Kaiser" trainierte das Team von 1984 bis 1990.

Foto: dpa

Jupp Derwall war von 1978 bis 1984 Bundestrainer. Unter ihm wurde die Mannschaft 1980 Europameister. 2007 starb er im Alter von 80 Jahren.

Foto: Heidtmann, dpa

Von 1964 bis 1978 war Helmut Schön Bundestrainer. Ihm gelang bei der WM 1974 in Deutschland der Titel. Der gebürtige Dresdener ist 1996 gestorben.

Foto: DB, dpa

Sepp Herberger führte die Nationalmannschaft zum ersten WM-Titel 1954. Er war von 1936 bis 1964 Nationaltrainer. Herberger starb im April 1977 im Alter von 80 Jahren.

Foto: dpa

Reichstrainer Prof. Otto Nerz (mit Mütze) beobachtet von der Bank aus das Geschehen auf dem Spielfeld. Er war von 1926 bis 1936 Reichstrainer.

 

So war es auch bei Vogts, der nach der WM 1998 so schwer in der Kritik stand wie noch niemals zuvor. Im Viertelfinale der WM in Frankreich war Deutschland mit einer in die Jahre gekommenen Truppe von Kroatien mit 0:3 vermöbelt worden. Zur Überraschung vieler Beobachter machte Vogts danach weiter und sprang über seinen Schatten: Bayern-Star Stefan Effenberg, nach seiner Stinkefinger-Affäre 1994 eine Persona non grata beim DFB, wurde zum Comeback überredet. Es war eine kurze Rückkehr: Gegen den Fußballzwerg Malta gelang im September ein 2:1-Sieg, gegen Rumänien nur ein 1:1. Es waren auch die letzten beiden Spiele von Berti Vogts als Nationaltrainer. Er trat zurück.

Wenn die Nationalmannschaft gegen Frankreich und Peru enttäuscht, könnte alles schnell gehen

20 Jahre später ist die Konstellation für Jogi Löw ähnlich: Gegen Frankreich am Donnerstag und Peru am Sonntag wird er nicht nur an den Ergebnissen gemessen werden. Sollte die Nationalmannschaft ähnlich lethargisch über den Rasen schlurfen wie bei der WM in Russland, könnte es zum ersten Mal eine Parallele zwischen Vogts und Löw geben und Jogi muss sich eingestehen, statt eines Neuanfangs eine Bauchlandung hingelegt zu haben.

Wenn Löws Neustart tatsächlich nur ein „Weiter so“ mit minimalen Änderungen sein sollte, eint die beiden Trainer bald mehr, als Löw lieb sein dürfte.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

 

Facebook Whatsapp Twitter Mail
Das könnte Dich auch interessieren: