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Apnoe-Tauchen

14.10.2020

Warum, Monsieur Jerald, fordern Sie den Tod heraus?

Erst in der Tiefe des Ozeans, sagt er, habe er sich selbst gefunden: Arnaud Jerald im Jahr 2019 bei einem Wettkampf vor der Küste seiner Heimat Frankreich.
Bild: Yann Coatsaliou/AFP, Getty Images

Plus Ein Atemzug, zwei Flossen, ein Lied im Kopf: So taucht der Franzose Arnaud Jerald in die Tiefe. Gerade knackte er den Weltrekord: 112 Meter. Was treibt ihn an?

Im Reich der Stille spielt keine Musik. Trotzdem treibt an diesem Tag „The Look of Love“ durch die ewige Dunkelheit. Wort für Wort. Ton für Ton. Ein Ohrwurm aus den frühen 1980er Jahren über zerbrochene Liebe und Herzschmerz. So unglaublich fehl am Platz dort unten. Genauso wie Arnaud Jerald, in dessen Kopf das Lied spielt. Während sich über ihm die Wassermassen immer höher türmen und den Eindringling und sein schräges Lied mit kalter Kraft umschlingen.

Es sind Kurzbesuche, die nur wenige wagen. Abenteurer. Grenzgänger. Ausnahmesportler. Was sie in den Tiefen des Ozeans finden? Nichts. Alles. Sich selbst. Und manchmal den Tod.

Dies ist kein Ort für Menschen. Nichts von dem, was oben ist, dringt hinab. Kein Lachen, kein Sonnenstrahl. Der Mensch ist dort nicht willkommen. Ohne jahrelanges Training oder technische Hilfsmittel würde er binnen Sekunden sterben. Keine Luft, kein Licht. Umhüllt von kalter Dunkelheit. Eine Vorstellung, die uralte Ängste weckt. Und doch zieht es Arnaud Jerald seit seiner Jugend immer wieder hinab.

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Der Franzose ist einer der besten Apnoetaucher der Welt. Vor kurzem stellte er vor der Küste Griechenlands einen Weltrekord im Tieftauchen mit zwei Flossen auf. 112 Meter schaffte er mit nur einem Atemzug und seinem Lied. Der Stille setzte er in den drei Minuten und 24 Sekunden seines Tauchgangs die Macht der Musik entgegen.

Mit einem weltberühmten Kinofilm fing alles an

Im Rückblick könnte man sagen, es sei schon immer klar gewesen, dass Arnaud Jerald eines Tages genau das machen wird. Seine Eltern Frédéric und Chantal lieben „Le Grand Bleu“. Jenes filmische Meisterwerk von Luc Besson, in dem er die Lebensgeschichte zweier Freunde erzählt, die das Tauchen für sich entdecken und dem „Rausch der Tiefe“ verfallen – so der deutsche Titel des Films. Beide sterben.

Mit sieben begleitete der kleine Arnaud seinen Vater zum Speerfischen ins Meer vor Marseille. Mit 16 tauchte er das erste Mal 30 Meter tief, ausgerüstet nur mit Flossen. „Ich hatte viele Probleme in meiner Jugend“, erzählt Jerald einige Tage nach seinem Weltrekord. „Ich war sehr schüchtern und überlegte ständig, was die anderen wohl über mich denken. Ich habe meinen Weg nicht gefunden.“

Der schmale Mann mit dem dünnen Drei-Tage-Bart sitzt in seinem Wohnzimmer in Nizza und lächelt ein schwiegermuttertaugliches Lächeln in den Bildschirm. Videointerview. Im Hintergrund läuft seine Freundin Charlotte Benoit durchs Bild. Jerald sieht nicht aus wie ein Draufgänger. Er spricht nicht wie ein Draufgänger. Ist er auch nicht. Und doch setzt er sich enormen Risiken aus. Erst in der Tiefe des Ozeans, sagt er, habe er sich selbst gefunden. „Es war, als schaute ich in einen Spiegel. Ich stand mir gegenüber und fühlte mich gut.“

Als sich der 24-Jährige am 15. September seine Flossen über die Füße streift, fühlt er sich auch gut. Sehr gut sogar. Er weiß, dass er es schaffen wird. Dabei hat nur einen Tag zuvor der Russe Alexey Molchanov den Weltrekord auf 111 Meter verbessert. Genau auf diese Tiefe hat Jerald hintrainiert, er hatte sie schon mehrfach erreicht. Es fehlte ihm nur noch die offizielle Rekordweihe. Dann kam der Russe und schnappte sich den Rekord.

Viele sagen, er ist der Usain Bolt des Apnoetauchens. Mit der großen Monoflosse ist er schon 130 Meter hinabgetaucht. Aus eigener Kraft kam noch kein Mensch tiefer – und wieder zurück. Mit zwei Flossen schaffte er nun 111 Meter.

Die Boote liegen ruhig vor der Küste des kleinen Örtchens Kalamata auf der griechischen Halbinsel Peloponnes. Die See ist ruhig, perfekte Bedingungen. In Gedanken geht Jerald alles noch einmal durch. Jeden Meter, jeden Handgriff. „Ich muss eine positive Einstellung finden, positive Gedanken. Wenn du mit negativen Gedanken tauchst, dann findest du dort unten nur Dunkelheit.“ Am Tag zuvor hat er dutzende Male „The Look of Love“ gehört. Das Lied soll ihn diesmal begleiten. Es ist Jeralds Weg, der Stille zu begegnen.

Apnoetauchen ist eine extreme Belastung für Geist und Körper

Apnoetauchen ist eine extreme Belastung für Geist und Körper. Die Besten trainieren jahrelang, ehe sie in Tiefen jenseits der 100 Meter vordringen. Entscheidend ist die mentale Stärke. Der Trieb zu atmen ist einer der stärksten im Menschen. Die Angst vor dem Ersticken eine der größten. „Sein Denken zu zähmen heißt, seinen Körper zu kontrollieren. 70 Prozent der Arbeit passieren im Kopf“, sagt Jerald.

Es geht darum, bei sich zu bleiben. Nicht der Angst zu erliegen. Nicht der Gier nach Luft. Nicht dem Tiefenrausch. Wenn der Stickstoff im Körper dafür sorgt, dass das menschliche Gehirn nicht mehr richtig arbeitet. Wenn die Taucher manchmal Dinge sehen, die es nicht gibt. Da ist zum Beispiel die Geschichte des arabischen Tauchers Adel Abu Haliqa, der von einem Tauchgang nicht mehr zurückkehrte. Eine Theorie lautet, dass er im Tiefenrausch seine Sicherheitsleine löste und einfach davonschwamm. Einem Hirngespinst hinterher. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Also spielt im Kopf von Jerald Musik. Ein Kampfrichter zählt von zehn abwärts. Der letzte Atemzug. Die ersten 30 Meter muss Arnaud mit den Flossen gegen den Auftrieb arbeiten. Dann beginnt das, was sie den freien Fall nennen. Die Luft in der Lunge ist so weit verdichtet, dass sie keinen Auftrieb mehr gibt. Der Sog der Tiefe greift nach dem Taucher und zieht ihn zu sich. Mit dem Oben verbindet ihn jetzt nur noch eine Sicherheitsleine, die an dem Stahlseil entlanggleitet, das in die Tiefe führt.

Der Druck der Wassermassen über dem Taucher steigt kontinuierlich. Die Lunge ist bald schon auf die Größe einer Orange zusammengequetscht. „Die größte Schwierigkeit ist, den Druckausgleich in den Ohren hinzubekommen“, sagt Anna von Boetticher. Sie ist Deutschlands bekannteste Apnoetaucherin. Aus der komprimierten Lunge können die Taucher dafür keine Luft mehr holen. Es bedarf komplizierter Techniken, die sich die Sportler über Jahre antrainieren. Der Körper zieht alles Blut im Zentrum zusammen. Arme und Beine werden taub.

Arnaud Jerald ist nach einem Gefühl süchtig

In 112 Metern Tiefe laufen alle Systeme auf Notbetrieb. „Am Grund bleibe ich nicht lange. Ich muss nur den kleinen Anhefter abreißen. Es ist wie auf dem Mount Everest, wenn du in die Todeszone kommst. Ab einer Höhe von 7000 Metern kannst du nicht lange bleiben. Es ist toxisch. Du musst da schnell wieder weg“, erzählt Jerald.

Gleichzeitig ist es der Moment, an dem er am einsamsten ist. „Nirgendwo sonst kannst du so alleine mit dir selbst sein. Es waren mehr Menschen im Weltraum als dort unten. Du fühlst dich einzigartig.“ Er ist süchtig nach diesem Gefühl.

Der Weg zurück ist der gefährliche Teil der Reise. Der Atemreiz wird immer drängender. Es kostet Kraft und Sauerstoff, die Flossen zu bewegen. Jerald aber merkt nichts davon. „Ich hatte kein Bedürfnis zu atmen. Keine Schmerzen. Ich habe es einfach genossen.“ Das liegt auch daran, dass selbst 112 Meter nicht sein Limit gewesen seien. „Ich hätte noch tiefer gekonnt. Fünf Meter mehr, kein Problem.“ Noch aber will Jerald seine Grenzen nicht ausloten. „Ich bin jung. Und ich bin einer der wenigen Freitaucher, der noch nie einen Blackout hatte. Nie.“

Beim Apnoetauchen holt der Taucher tief Luft, bevor es steil nach unten geht.
Bild: VDST/Erhard Schulz, dpa

Zurück an der Oberfläche müssen die Taucher ein festes Protokoll abarbeiten. Sie müssen innerhalb einer bestimmten Zeit signalisieren, dass alles okay ist. Sie müssen es sagen und sie müssen das kleine Stück Stoff zeigen, das sie aus der Tiefe mitgebracht haben. Bis dahin dürfen sie von den Rettungstauchern nicht berührt werden. Erst dann wird die Tiefe von dem Kampfrichter anerkannt. Der Rest ist Jubel.

„Oft brauche ich sehr viel Zeit, um meinen Geist zu erholen. So, als wenn du am Morgen aus einem tiefen Traum erwachst. Das war diesmal anders. Ich war sofort klar und ich wusste, ein Traum ist in Erfüllung gegangen.“ Der Weltrekord bedeutet Jerald viel. Auch weil er ihm eine Stimme gibt. „Ich will die Menschen inspirieren. Ich will ihnen zeigen, dass es möglich ist, seinen Traum zu leben. Denn ich glaube, dass viele Menschen diesen Teil ihres Lebens verloren haben.“

Beim Apnoetauchen fällt ein Weltrekord nach dem anderen

Jerald lebt seinen Traum. Er hat genügend Sponsoren dafür gefunden. Seinen Weltrekord allerdings könnte er bald schon wieder los sein, denn es herrscht Aufbruchstimmung. Erst seit vergleichsweise kurzer Zeit werden Weltrekorde auch mit den sogenannten Bifins, also zwei Flossen, anerkannt. Die Disziplin ist jung. Bisher hatte die Monoflosse das Apnoetauchen aus eigener Kraft dominiert. „Mit ihr hat man etwas mehr Power, es ist also leichter, aus der Tiefe wegzukommen“, erklärt von Boetticher. Sie geht aber davon aus, dass die besten Taucher bald auch schon mit den Bifins noch deutlich tiefer kommen. „In den Bereich, in den Arnaud Jerald getaucht ist, können auch noch andere vordringen. Das wird ein Wettrennen um Weltrekorde. Da geht es jetzt Stück für Stück weiter nach unten.“ Nur an den 130-Meter-Rekord von Molchanov werde so bald keiner herankommen. „Alexey ist momentan einfach der Beste“, sagt von Boetticher. Der Russe hat sich zu einer eigenen Marke entwickelt. Unter seinem Namen vertreibt er Neoprenanzüge, Flossen und sonstiges Zubehör. Unter anderem rüstet er auch Jerald aus.

Die beiden Ausnahmesportler verbindet eine Freundschaft. Und doch sind sie Konkurrenten. „Alle sagen, es ist unmöglich, Alexey zu schlagen. Aber er hat zehn Jahre Vorsprung in einer Sportart, in der Erfahrung sehr wichtig ist“, sagt Jerald. „Ich habe ihn geschlagen und ihm den Weltrekord abgenommen. Warum soll mir das nicht wieder gelingen? Er ist ein großartiger Gegner. Es wird weitere Weltrekorde geben. Es ist ein großes Spiel.“

Ein gefährliches Spiel. Ein Fehler in der Tiefe kann das Leben kosten. Profis wie Jerald überlassen deshalb nichts dem Zufall. Alles wird bis ins kleinste Detail geplant. Ein ganzes Team, darunter immer ein Arzt, umgibt jeden Tauchgang. „Vor allem im Wettkampf, wenn die Taucher ja an ihre Grenzen gehen, gibt es so gut wie keine Todesfälle oder schwere Verletzungen“, sagt von Boetticher. Die Gefahr lauert eher im Training, wenn nicht so viele Helfer auf und im Wasser sind.

Seit jeher wird das Apnoetauchen von tragischen Unfällen begleitet. Es fordert vor allem dann seine Opfer, wenn sich Selbstsicherheit breitmacht. Davor sind selbst die Besten nicht gefeit. Natalia Molchanova, die Mutter von Alexey Molchanov, war die Beste. Weltrekordlerin und Weltmeisterin. Eine Ikone ihres Sports. 2015 starb sie bei einem Tauchgang auf für sie harmlose 35 Meter Tiefe. Die 53-jährige Russin hatte auf ein Sicherungsseil verzichtet. Auch ihren Körper gab die Tiefe nicht mehr zurück.

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