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Bahnrad-Weltmeisterin

12.09.2018

Wie sich die gelähmte Kristina Vogel zurück ins Leben kämpft

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Auf dem Weg zu ihrer ersten Pressekonferenz nach dem Unfall: Kristina Vogel am Mittwoch im Unfallkrankenhaus Berlin.
Bild: Annegret Hilse, dpa

Kristina Vogel war eine der weltbesten Bahnradfahrerinnen. Nach einem Sturz sitzt sie im Rollstuhl. Nun spricht sie erstmals über ihr neues Leben.

Da ist dieser eine Moment, als das breite deutsche Fernsehpublikum zum ersten Mal fragt: Was ist das für eine Frau? Rio de Janeiro, Olympische Spiele 2016. Kristina Vogel, eine der weltbesten Radsportlerinnen auf der Bahn, steht im Finale und sprintet um Gold, als ihr der Sattel bricht. Er fliegt in hohem Bogen davon. Trotzdem rast die junge Frau aus Erfurt mit fast 65 Stundenkilometern als Erste über die Ziellinie. Am nächsten Morgen raunt man sich im Büro zu: Hast du gesehen... Wer Kristina Vogel bis dahin nicht kannte, kennt sie jetzt. Und erfährt über sie noch eine andere unglaubliche Story.

Sieben Jahre zuvor, mit 18 Jahren, ist sie im Training auf der Straße schwer gestürzt. Ein Kleinbus hatte ihr die Vorfahrt genommen. Sie flog mit Tempo 50 durch die Heckscheibe, lag zwei Tage im Koma, erlitt zahlreiche Brüche an der Brustwirbelsäule, an der Hand, am Arm, am Kiefer, und verlor mehrere Zähne. Es folgten unzählige Operationen und Reha-Maßnahmen. Noch heute sind die Narben in ihrem Gesicht zu sehen.

Nun ist sie 27, sitzt in weißer Bluse, schwarzen Hosen, roten Pumps, etwas blass im Gesicht, in einem Hörsaal des Unfallkrankenhauses Berlin und sagt, dass der damalige Crash vielleicht die „Vorbereitung auf jetzt“ gewesen ist. Die ganze Zeit über liegen die Hände auf ihren Beinen. Die sie seit dem 26. Juni nicht mehr spüren kann. Kristina Vogel sitzt in einem blauen Rollstuhl. Sie ist querschnittgelähmt. Und wird gleich so erstaunliche Sätze sagen wie: „Jetzt habe ich zum ersten Mal Zeit, frei zu sein.“

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Die Klinik im Stadtteil Marzahn umgibt ein weitläufiger Park. Von der Sommersonne verdorrte Grasflächen durchschneiden breite Schotterwege, die nachträglich eine gepflasterte Mittelfahrspur erhalten haben: für Rollstuhlfahrer in der Rehabilitation, die langsam ihre Bahnen ziehen. Kristina Vogel hat ein ungleich höheres Tempo angeschlagen, an jenem Frühsommertag vor elf Wochen. Erst Training, dann zum Gokartfahren mit Freunden, abends einen Cocktail trinken – das war der Plan der zweimaligen Sprint-Olympiasiegerin und elfmaligen Weltmeisterin. Dann krachte sie auf der Radrennbahn in Cottbus mit 60 Stundenkilometern in einen Nachwuchsfahrer; der Niederländer wollte einen Start aus dem Stand üben. Die Diagnose lautete: Bruch des Brustbeins, des Schlüsselbeins, auch einen Halswirbel hat es erwischt. Vogel ist vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt.

Sie sagt: Jetzt habe ich zum ersten Mal Zeit, frei zu sein

Und sagt trotzdem: „Jetzt habe ich zum ersten Mal Zeit, frei zu sein.“ Damit spielt sie auf die neue Situation an, den Alltag nicht mehr als Leistungssportlerin planen, nicht mehr in komplizierten Trainingszyklen denken zu müssen. „Manche Sachen macht der Kopf schon richtig – bei mir ist es die Tatsache, dass er den Aufprall nicht gespeichert hat“, sagt Vogel. Den dutzenden Fotografen und Fernsehleuten, die auf der Suche nach der besten Position für ihre Aufnahmen um sie herumwuseln, begegnet sie mit bemerkenswerter Gelassenheit. Es ist der erste öffentliche Auftritt der Erfurterin nach dem Unfall.

Ein paar Tage zuvor hat sie im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erzählt, wie sie die Sekunden vor dem Aufprall erlebt hat: Windschattenfahren hinter Teamkollegin Pauline Grabosch, die ausscherte, sodass Vogel überholte. Danach weiß sie nichts mehr. „Zwischen dem Ort des Aufpralls und jenem, wo ich zum Liegen gekommen bin, lagen keine zwei Meter. Welch krasse Bremskraft da gewirkt hat. So gesehen, hatte ich verdammtes Glück: Ich hätte tot sein können oder schon vom Hals abwärts gelähmt.“

Den Moment, wie Helfer ihr die Schuhe auszogen und wegtrugen, nahm die 27-Jährige mit den Augen wahr – aber in den Beinen spürte sie nichts davon. „Schon da habe ich realisiert: Ich werde nie wieder laufen“, erinnert sich Vogel und sagt, ihr habe das später geholfen. „Die Diagnose war dann nicht mehr so niederschmetternd.“ Die folgenden Wochen im Krankenhaus bezeichnet sie trotzdem als den härtesten Kampf ihres Lebens. „Die Schmerzen zu Beginn waren unfassbar.“

Als diese nachließen, begann für Vogel eine neue Prüfung, die sie nun ihr Leben lang begleiten wird: der Kampf einer in der Mobilität stark eingeschränkten jungen Frau gegen den inneren Bewegungsdrang, gegen die Rastlosigkeit. „Es war grausam, darauf zu warten, dass alle paar Stunden jemand kommt und einen von links nach rechts dreht. Das kann jeder mal probieren: Vier Stunden am Stück wach auf der Seite liegen, ohne sich zu rühren. Das schafft keiner.“

Aus Langeweile fuhr sie das Bett rauf und runter

So hat sie aus Langeweile die Lehne des Bettes rauf- und runtergefahren, nur, um was zu tun. „Die Ärzte sagten: Geduld, Geduld. Ich habe es gehasst. Wäre das zwei Tage so weitergegangen, hätte ich im Krankenhaus randaliert“, gibt Vogel zu. Es ist der einzige Moment während ihres Auftritts, als ihre Gesichtszüge zu entgleiten drohen.

Die Öffentlichkeit wusste elf Wochen lang nicht, wie es um sie stand. Es gab eine Nachrichtensperre. Zeit, die ihr die Ruhe gab, um sich mit der neuen Situation zu arrangieren. „Ich musste lernen, Tränen zuzulassen. Ich habe Frauenfilme immer gehasst, wo am Ende alle heiraten und weinen. Jetzt merke ich: Ich bin keine Maschine, muss Emotionen auch mal freien Lauf lassen.“

Sie macht ja Fortschritte, erstaunlich schnell sogar, sagen die Ärzte. Sie sind beeindruckt von ihrer Zielstrebigkeit, ihrem Durchhaltewillen, ihrem Optimismus. In den vergangenen Tagen durfte sie erstmals im Bewegungsbad schwimmen. Und sie hat allein den Transfer vom Bett in den Rollstuhl gemeistert. Wenngleich: „Gestern bin ich beim Fahrtraining im Rolli direkt rausgeplumpst, als ich zu schnell über die Kante gefahren bin“, erzählt sie lachend mit der ihr eigenen Leichtigkeit.

Als sie dann auf Michael Seidenbecher angesprochen wird, ihren Freund, und auf ihre Familie, muss sie sich doch ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen. „Ja, der Michael, wie er’s nur macht...“, sagt sie gerührt. Er habe die ersten Nächte auf dem Stuhl neben ihrem Bett geschlafen. „Ich hab’ durch ihn einen sicheren Halt. Ich weiß: Er ist immer für mich da.“ Und dann habe sie „so eine starke Familie. So konnte ich den Schmerz teilen.“

Als sie auf ihren Freund angesprochen wird, kommen Kristina Vogel dann doch die Tränen.
Bild: Annegret Hilse, dpa

Ihr Chemnitzer Rad-Team hat eine Spendenaktion gestartet und 120.000 Euro gesammelt. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Schicksal solch eine Welle schlägt. Das war wirklich berührend und hat mir positive Energie gegeben“, sagt Vogel. Das Geld fließt in den behindertengerechten Umbau ihres Hauses in Erfurt, in das sie am Wochenende erstmals wieder zurückkehren wird. „Selbst kochen, im eigenen Bett schlafen – ich freue mich“, sagt die bei der Bundespolizei auf Lebenszeit verbeamtete Sportlerin.

Was die Frau, die 1990 in Kirgisistan geboren wurde, sonst noch aufrichtet? Beispielsweise, dass es vor ihr Sportler gab, bei denen das Schicksal in ähnlicher Weise zuschlug. Ronny Ziesmer etwa. Der deutsche Turn-Meister verunglückte 2004 bei einem Trainingssprung in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Nach einem Doppelsalto rückwärts schlug er mit dem Kopf auf dem Boden auf. Dabei brach er sich die Halswirbelsäule. Auch er ist seitdem querschnittgelähmt. Bei den Olympischen Spielen 2008 bis 2016 arbeitete Ziesmer als Co-Kommentator für das ZDF. Gerade erst hat der 39-Jährige aus Cottbus sein Debüt bei der Europameisterschaft der Para-Leichtahtleten gegeben.

Oder Kira Grünberg, 24. Kurz vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2015 brach sich die Stabhochspringerin aus Österreich ebenfalls bei einem Trainingssprung das Genick. Auch die Tirolerin ist querschnittgelähmt. Auf ihrer Internetseite schreibt sie: „Das Leben ist schön. Auch im Rollstuhl. Anders schön als vorher. Aber auch schön.“

Kristina Vogel hadert nicht mit ihrem Schicksal

Der junge Niederländer, mit dem Kristina Vogel auf der Betonpiste von Cottbus zusammengestoßen war, hat sich noch nicht bei ihr gemeldet. Vielleicht auch wegen der Nachrichtensperre, wer weiß. Hadert sie mit ihrem Schicksal? „Es bringt ja nichts, mich selbst zu bedauern.“ Auch wenn die Ärzte ihr bei der Frage, ob sie je wieder laufen können wird, keine Hoffnung machen. „Ihr Rückenmark ist hochgradig verletzt“, sagt Chefarzt Andreas Niedeggen.

Zwei Fragen noch. Erst die nach der Zukunft. „Ich brauche Zeit, um neue Entscheidungen zu treffen, alles step by step“, sagt sie. Athletensprecherin des Weltverbandes UCI wolle sie „auf alle Fälle“ bleiben. Zu einer möglichen zweiten Karriere als Paralympics-Sportlerin will sie sich nicht konkret äußern, sagt aber auch: „Vielleicht hole ich meine zwölfte Goldmedaille woanders.“

Und dann wird Kristina Vogel noch gefragt, woran sie sich aufrichte, wenn sie in diesen Wochen mal ein Tief habe. Dann, sagt sie, schaue sie sich Fotos an, die dokumentieren, wie außergewöhnlich schnell sie Fortschritte macht. Und weil das so ist, kommt sie zu dem Schluss: „Ich glaube, ich mache das ganz schön gut.“

Von der Seite, wo ihre Ärzte sitzen, kommt prompt die Bestätigung: „Stimmt.“

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