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Bob

26.02.2018

„Wir haben es geschafft“

Der Chef steuert den Viererbob durch die Eisrinne, die Anschieber bekommen davon wenig mit. Sie kauern sich zusammen und merken nur am Rütteln, ob die Fahrt eine gute ist. In Pyeongchang gelangen Francesco Friedrich vier sehr gute Läufe. Der Lohn: Gold.
Bild: Mohd Rasfan, afp

Das Debakel von Sotschi ist vergessen. Francesco Friedrich holt sein zweites Olympia-Gold. Silber wird doppelt vergeben

Wer sich permanent dem Diktat der Stoppuhr unterwirft, explodiert irgendwann. Vor Freude. Aus Erleichterung. Weil er sich nach einem frustrierenden Erlebnis vier Jahre zurück aufgerappelt hat und nun Olympiasieger ist. Wer, wie Francesco Friedrich, nicht zum Selbstbetrüger taugt, nimmt jeden angezeigten Wert genau. Besonders aber diesen allerletzten, die Summe aus vier Läufen. Geschafft.

Da sitzen sie noch in ihrem Schlitten, im Ziel. Eng zusammengepfercht wie beim kollektiven Baden einer Kinderschar, hauen sich schreiend auf die Helme und geben sich wilde Klapse auf ihre muskelbepackten Körper. „Ich bin so stolz auf das gesamte deutsche Team. Wir haben alle Goldmedaillen geholt, das war nicht zu erwarten“, sagt Francesco Friedrich. Dauergrinsen mit seiner Crew um Candy Bauer, Martin Grothkopp und Thorsten Margis, mit dem er schon im Zweier im Eiskanal am besten die Kurve(n) gekriegt hat. Die Suche nach dem schnellsten und besten Material ist in ihrem Sport eine endlose Prozedur des Aussuchens, Ausprobierens, Aussortierens.

Auch am zweiten Tag findet der 27-Jährige die goldene Linie durch das Olympic Sliding-Centre – vor dem von tausenden Landsleuten umjubelten Südkoreaner Yunjang Won. Wie Nico Walther erhält der Lokalmatador Silber. Zeitgleich nach vier Durchgängen. So eng ist der Kampf von Mensch und Material.

Doch die aufwendig gefertigten und auf die jeweilige Eistemperatur abgestimmten Spezialkufen, dieses perfekte Tuning lohnt. „Es sind wirklich harte Wochen gewesen“, sagt Francesco Friedrich. „Wir haben viel am Schlitten und mit unseren Leinen gearbeitet. Ich kann kaum glauben, dass wir es nun geschafft haben.“

Dieser Mann hat nun alles gewonnen, was sein Sport an Herausforderungen bietet: sieben WM-Titel, dreimal den Gesamtweltcup. Nur noch nie bei Olympia. Jetzt führt seine ewige Suche nach der Perfektion zu einem doppelt goldenen Ende. Vor Friedrich haben lediglich sechs weitere Bobpiloten mit dem kleinen und dem großen Schlitten Gold geholt.

Friedrich ist der Prototyp des totalen Athleten. Pokerface am Start und hinter den Lenkseilen. Scheinbar unbewegt, doch in Wahrheit mit höchster Anspannung und Konzentration zirkelt er seinen stählernen Wallner-Schlitten am Samstag zum Bahnrekord (48,54 Sekunden), am Sonntag zum Triumph.

Es ist an der Zeit, innere Ruhe zu finden und diese nagenden Bilder nach Platz acht von Sotschi auch aus dem Langzeitgedächtnis zu verbannen. „Es war so frustrierend“, sagt Francesco Friedrich, „wir wollten die gleichen Fehler nicht noch einmal machen. Wir haben es geschafft.“

Auch seine Anschieber. Ihr Job dauert knappe fünf Sekunden, danach durchleben sie die Fahrten wie im Blindflug. Für sie gilt nach dem Start mit festgeschriebener Sitzreihenfolge nur noch, den Kopf so aerodynamisch wie möglich einzuziehen, Augen zu und in jeder einzelnen Kurve an den Schlägen gegen die Bande und an den Rippen zu spüren, wie nahe am Optimum der Chef lenkt. Von seinem Geschick hängt es nun ab. „Francesco ist der beste Pilot auf der Welt“, sagt Thorsten Margis, ein ehemaliger Zehnkämpfer.

Man könnte meinen, dieser Mann ist befangen. Doch es stimmt. Wieder einmal ist auch auf Friedrichs Sprintfähigkeit Verlass, er zählt zu den wenigen schnellkräftigen Typen seiner Zunft. Ihre Leistungen sind auch das Ergebnis ihrer Fitness. Allein auf dem Papier muten ihre Einheiten wie persönliche Folter an, sie alle kämpfen mit irritierender Rigorosität. Dann teilen zu müssen, fällt nicht leicht. „Aber die Koreaner sind zu gut gefahren“, sagt Pilot Nico Walther über sein Silber, „da ist es wirklich okay zu teilen.“

Gelohnt hat sich der Aufwand vor allem für Anschieber Kevin Kuske. Nach seinem letzten Rennen verlässt er als erfolgreichster Bobfahrer die Bahn – sechs Medaillen bei fünf Winterspielen.

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