Jose Mourinho hat zumindest nicht das Problem, dass man ihm eine ungesunde Bescheidenheit attestieren würde. Gott beispielsweise würde ihn „wirklich für einen großartigen Typen halten. Denn sonst hätte er mir nicht so viel gegeben. Ich habe eine großartige Familie, arbeite an einem Ort, von dem ich immer geträumt habe. Er muss wirklich eine sehr hohe Meinung von mir haben.“ Das Gegenteil wird ihm nicht zu beweisen sein, also hat es als wahr zu gelten, was Mourinho sagt.
Interessant ist schon, dass der liebe Herrgott, so man an ihn glaubt, Mourinho immer wieder mit Glücksgefühlen beschenkt, die für einen Großteil der Menschen nicht zu erreichen sind. Am Mittwoch erst wieder fluteten Endorphine durch des Portugiesen Körper. In der achten Minute der Nachspielzeit hatte sein Torwart Anatolyi Trubin zum 4:2 für Benfica Lissabon gegen Real Madrid eingeköpft. Es war das Tor, das Lissabon zum Einzug in die K.o.-Runde der Champions League brauchte. Doch wenige Minuten davor ahnte das Mourinho noch nicht: „Ich hatte keine Ahnung, ob das 3:2 reichen würde, ich hatte keinen Anhaltspunkt.“ Kurz zuvor hatte sein Team in gewohnter Mourinho-Manier noch auf Zeit gespielt.
Mourinho ist auf den Spuren eines griechischen Philosophen
Er wusste, dass er nichts wusste. So wie dereinst der alte Sokrates. Sócrates, der Jüngere, spielte in den 80er-Jahren für die brasilianische Nationalmannschaft. Sie gilt noch heute als beste Mannschaft, die keinen WM-Titel gewann. Das Team um den kickenden Kinderarzt Sócrates liebte die tatsächlich bedingungslose Offensive.
Mourinho hat auch noch keinen WM-Titel gewonnen, dafür beinahe jeden Pokal, den der europäische Vereinsfußball so hergibt. Mit bedingungsloser Offensive hatte kaum einer der Triumphe zu tun. Mourinho ist seit jeher ein zynischer Pragmatiker an der Seitenlinie, zudem auf eine dreiste Art unterhaltsam. Er hat gut zu Real Madrid gepasst.
Die Madrilenen stürzten durch die Niederlage vom dritten auf den neunten Platz in der Tabelle ab und müssen somit in zwei Play-off-Spiele. Einer von zwei möglichen Gegnern dort ist: Benfica Lissabon. Bei den Portugiesen ist Keeper Trubin schon jetzt ein Held. Der Fußball hört einfach nicht auf, Geschichten zu schreiben, die eben nur er schreiben kann. „Manchmal bringt uns der Fußball mehr, als wir jemals erwarten könnten“, beschreibt Trubin die Magie dieses wundersamen Sports. Sokrates hätte seinen Spaß daran gehabt. Immer wieder überrascht einen das Spiel und zeigt, dass man aber wirklich gar nichts weiß. Sogar Jose Mourinho ergeht es so.
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