Zu den Merkwürdigkeiten des Lebens gehört es, dass die Gelassenheit steigt, wenn die Lebenserwartung sinkt. Urgroßmütter nutzen gerne die Möglichkeit, der Supermarkt-Kassiererin vergessen geglaubte Kindheitserinnerungen im Plausch zu entlocken, während der dahinter anstehende 38-jährige Overperformer so schnell wie möglich zum nächsten Selbstoptimierungskurs aufbrechen will. Eilig haben es die, denen noch viel Zeit bleibt.
Das Fußballspiel ist nichts anderes als Miniatur gewordenes Leben. Auch hier hetzen vor allem diejenigen nicht, denen das Dahinscheiden in Form eines Abstiegs kurz bevorsteht. Der VfL Wolfsburg und der FC St. Pauli balgen sich quälend langsam um den 16. Tabellenplatz, der die Chance lässt, mittels Relegationsspielen noch den Klassenerhalt zu schaffen. Fußballerischer Fachterminus: Schneckenrennen. Die einheimische Garten-Bänderschnecke scheint auch keine Eile zu haben, die Terrasse zu überqueren. Eile wäre auch unangebracht und hinderlich. Was würde sie nutzen? Sie wäre möglicherweise eine Viertelstunde früher an ihrem Ziel – dafür aber abgehetzt.
Ihr bleiben rund fünf Jahre Zeit, ihr Leben mit ebenjenem zu füllen. Der Augenblick will genutzt werden und soll nicht achtlos vorbeirauschen. Die Schnecke darf als achtsames Tier gelten. Die Spieler des FC St. Pauli und VfL Wolfsburg werden auch mehr über die Saison zu berichten haben als die Akteure des FC Bayern. Wenn Sieg an Sieg gereiht wird, verwischen die Erfolge. Es braucht schon künstliche Erinnerungshilfen, wie einen umgebogenen 0:3-Rückstand, um sich eines gewonnenen Spiels zu erinnern. Wolfsburger und Hamburger aber können sich sicher an jeden ihrer sechs Erfolge erinnern. Und die Heidenheimer erst! Ein jeder ihrer fünf Erfolge ist sicher fest abgespeichert. Zuletzt gewannen sie gegen St. Pauli, was den Gegner nun doch möglicherweise ein wenig gestresst auf die kommenden drei Wochen blicken lässt.
Der letzte Spieltag wird zum Höhepunkt des Abstiegskampfes
Am letzten Spieltag empfängt man den VfL Wolfsburg. Wahrscheinlich wird nur der Gewinner dieses Duells eine Chance auf den Klassenerhalt haben. Wenn die Zeit knapp wird, aber muss die Gelassenheit wachsen. Denn es wird auf Kleinigkeiten ankommen. Wer in den kommenden Wochen einen Wolfsburger- oder St.-Pauli-Spieler an der Supermarktkasse gemütlich Cent für Cent abzählen sieht: Keine Hektik bitte, der Mann übt für den Saisonabschluss, der vieles ist, nur kein Endspurt.
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