Eigentlich könnte Manuel Neuer in diesem Sommer auch einfach die Füße hochlegen und das gute Wetter am Tegernsee genießen. Am Samstag steht das Pokalfinale mit den Bayern an, es winkt der 38. Titel seiner Karriere. Seit März ist der Bayern-Torwart 40 Jahre alt, er hat eine ausladende Villa in Hanglage mit Seeblick und sein Garten bietet Platz genug für ein Fußballtor. Das weiß man alles, weil Neuer während der Coronazeit Videos hochgeladen hat, in denen zu sehen war, wie er sich in seinem Garten fit hielt. Seit Kurzem ist auch bekannt, dass es in dem Haus bald Zuwachs geben wird, Neuers Frau Anika ist mit dem zweiten Kind des Paares schwanger. Luca, der erste Sohn der beiden, ist zwei Jahre alt.
Eine Fernreise, sagte der Torwart während der Meisterfeier der Bayern am vergangenen Wochenende dem BR, passe da im Grunde nicht rein: „Ich mache auf jeden Fall Urlaub in Europa, so viel steht fest. Wir wollen auf jeden Fall hierbleiben.“ Seit Donnerstagmittag jedoch steht fest, dass zumindest der baldige Doppel-Vater ab Anfang Juni sehr wohl einen mehrwöchigen Nordamerika-Aufenthalt einlegen wird. Manuel Neuer, der seine Karriere in der Nationalmannschaft vor knapp zwei Jahren beendet hatte, wird bei der Weltmeisterschaft, die vom 11. Juni bis zum 19. Juli in Mexiko, den USA und Kanada stattfindet, im deutschen Tor stehen.
Wie groß die Freude seiner Frau Anika über diese Entscheidung ist, ist nicht bekannt. Aber selbst die fußballinteressierte Öffentlichkeit, die in WM-Zeiten starke Deckungsgleichheit mit der gesamtdeutschen Bevölkerung hat, ist sich nicht sicher, ob das nun eine gute Idee ist.
Oliver Baumann über Manuel Neuer: „Ich habe einfach nicht die Skills, die er hat“
Das Kapitel „Neuer und die Nationalmannschaft“ schien erledigt zu sein. Nach der Europameisterschaft 2024 verabschiedete er sich von der DFB-Bühne. In einem Video bedankte sich Neuer bei allen, die ihm auf dem gemeinsamen Weg begleitet hätten, was man eben so sagt. Ein Satz aus diesem Video hallt in diesen Tagen nach: „Ich persönlich habe es geliebt, das Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu tragen.“ Offenbar so sehr, dass nach insgesamt 15 Jahren im deutschen Kasten und 124 Länderspielen nun sehr bald neue Partien hinzukommen werden. Bundestrainer Julian Nagelsmann entschied sich dafür, Neuer kurz vor der WM zu reaktivieren. Der ewige Neuer, er ist wieder da.
Die Reaktionen darauf: durchaus gemischt. Schließlich galt es als ausgemacht, dass Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim im deutschen Tor stehen würde. Baumann ist ein verlässlicher Keeper, der kaum Fehler macht und schon bei der WM-Qualifikation das Tor hütete. Er ist aber eben kein Neuer – das weiß Baumann selbst, der zugab, als junger Torwart versucht zu haben, die Spielweise des mehrfachen Welttorhüters zu imitieren. „Aber irgendwann habe ich gemerkt: Es geht nicht.“ Neuer sei unerreichbar gewesen: „Ich habe einfach nicht die Skills, die er hat. Aber wer hat die schon?“
Nagelsmann wiederum betonte monatelang, dass er auch so mit Baumann zufrieden sei. Noch im März sagte er in einem Kicker-Interview: „Wenn Oli so stabil und gesund bleibt, wie er es jetzt macht, wird er eine tolle WM spielen.“ Seit Donnerstagnachmittag, als der deutsche WM-Kader mit Neuer bekannt gegeben wurde, weiß man: Das wird Baumann nur dann, wenn sich Neuer noch verletzen sollte. Am Donnerstag sagte Nagelsmann: „Jeder weiß, welche Aura Manu umgibt. Wir planen mit ihm als Nummer eins.“
Dass Nagelsmann den loyalen Baumann zugunsten Neuers fallen lässt, ist menschlich schwierig. Harte Entscheidungen gehören generell zum Profi-Geschäft dazu – dieser Fall hat nach Ansicht vieler Beobachter allerdings das Zeug, als Sprengstoff für das deutsche Team zu wirken. Denn wie verlässlich ist ein Bundestrainer, dessen Wort offenbar bloß eine begrenzte Haltbarkeit hat?
Für Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann jedenfalls hat die brisante Neuer-Rückkehr das Zeug dazu, „einen Keil in die Mannschaft“ zu treiben. Und für Professor Michael Schaffrath, der am TU-Department for Health and Sport Sciences den Bereich Medien und Kommunikation verantwortet, setzt Nagelsmann mit der Aktion seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel: „Er hat damit für Verunsicherung gesorgt. Bei den Medien, der fußballinteressierten Öffentlichkeit und auch im eigenen Kader.“
Neuer war gegen Real Madrid zuerst Weltklasse – und patzte dann schwer
Und Manuel Neuer? „Der hat eigentlich schon verloren“, sagt Schaffrath. „Auch Manuel Neuer selbst hat den Eindruck vermittelt, dass es keinen Rücktritt vom Rücktritt geben wird – und das über zwei Jahre lang.“ Nun drängt der Keeper wieder zwischen die Pfosten des DFB-Tors. Und auch sportlich gibt es durchaus Zweifel, ob das so gut ist. Neuer ist zwar immer noch Neuer: Seine Präsenz ist die eines der Besten der Welt, seine fußballerische Klasse unbestritten. In der Champions League war er beim Hinspiel gegen Real Madrid einer der Gründe für den Sieg der Bayern. Zugleich offenbarte er im Rückspiel gegen die Spanier, dass sich auch immer wieder Fehler bei ihm einschleichen: Ein dicker Patzer führte zum frühen Rückstand, den die Bayern noch umbogen. Schaffrath meint: „Wäre Bayern in diesem Spiel ausgeschieden, hätten wir die Diskussion über eine Rückkehr heute nicht.“
Ohnehin galt es als Überraschung, dass Neuer und Nagelsmann zueinanderfinden. Die beiden verbindet seit Bayern-Zeiten ein Beziehungsstatus, der mindestens schwierig ist. Nagelsmann war Coach der Münchner, als sich Neuer bei einer Skitour das Bein brach und lange ausfiel. Als Neuer Anfang 2023 im Krankenhaus lag, schaffte Nagelsmann Fakten und setzte den langjährigen Torwarttrainer der Bayern, Toni Tapalovic, vor die Tür. Tapalovic ist wie Neuer ein gebürtiger Gelsenkirchener sowie enger Freund und Trauzeuge des Torwarts. Er war 2011 zusammen mit dem Keeper vom FC Schalke zu den Bayern gewechselt. Neuer sagte der Süddeutschen Zeitung damals aus dem Krankenstand heraus dazu: „Ich hatte das Gefühl, mir wird mein Herz rausgerissen, das war das Krasseste, was ich in meiner Karriere erlebt habe.“ Wenige Monate später war Nagelsmann seinen Job als Bayern-Trainer los, Neuer glückte das Comeback. Als Nagelsmann Nationaltrainer wurde, fanden Trainer und Torwart zu einem professionellen Verhältnis zurück.
Eine innige Freundschaft wird die beiden nicht mehr vereinen – das war etwa zu sehen, als die deutsche Nationalmannschaft am 27. März zu einem Länderspiel bei der Schweiz antrat. Im Vorfeld ging es in nahezu allen Sportteilen des Landes neben dem Länderspiel um den 40. Geburtstag Neuers, der auf eben jenes Datum fiel. Als Nagelsmann vor dem Spiel dazu befragt wurde, welcher langjährige Nationalspieler Geburtstag feierte, gab sich der Bundestrainer ahnungslos. Als er darauf hingewiesen wurde, dass es sich um Neuer handelt, merkte Nagelsmann an, noch „Glückwünsche übermitteln zu lassen“. Die ganz große Herzlichkeit eben. „Dieses Tischtuch ist zerschnitten“, sagte Lothar Matthäus später in einer Medienrunde. Eine Neuer-Rückkehr schließe er aus, so der Rekordnationalspieler – und sollte sich wie viele andere täuschen.
Bundestrainer Nagelsmann über Manuel Neuer: „Er ist eben Manuel Neuer“
Zugleich zeigte Baumann bei dem 4:3-Sieg gegen die Schweiz – wie die gesamte deutsche Defensive – keine Glanzleistung. Anders Neuer Mitte April beim Sieg gegen Real. Er lieferte eine Glanzleistung ab, mit dem vollen Neuer-Programm, das ihn zum fünffachen Welttorhüter gemacht hatte. Antizipation, Reflexe, fußballerische Klasse. Und diesen Torwart will der DFB, der ohnehin nicht gesegnet ist mit Weltklassespielern, bei der WM zu Hause lassen? Zu jener Zeit fand beim DFB und Nagelsmann ein Umdenken statt, wie Nagelsmann am Donnerstag sagte. Schon im März habe er Oliver Baumann erstmals darüber informiert, dass er Kontakt zu Neuer aufgenommen habe. „Manu hat diese ganz besonderen Momente. Und er ist eben Manuel Neuer.“ Nach Telefonaten gab es ein Treffen, dann waren die Pläne konkret. Dass sie nun noch vor der offiziellen Bekanntgabe des Bundestrainers an die Öffentlichkeit drangen, ist hingegen ein Kommunikationsdesaster. Nagelsmann sagte, als er auf die Kritik an seinem Vorgehen angesprochen wurde: „Ich versuche, viel zu erklären und alle Menschen mitzunehmen. Aber natürlich hätte man Dinge anders machen können.“ Für den entthronten Baumann sei die Absetzung ein „Schlag gewesen“.
Neuer und Nagelsmann – das wird also auch bei der fünften und mutmaßlich letzten Weltmeisterschaft des Torhüters keine Freundschaft werden. Muss es auch nicht. Neuer gilt im Bedarfsall als gnadenloser Pragmatiker. Das belegt nicht zuletzt die vielleicht erste Episode seiner Bayern-Karriere. Gegen ihn, den gebürtigen Gelsenkirchener und Ultra-Fan des FC Schalke, hatte es bei seinem Wechsel zu den Bayern heftige Proteste aus der Münchner Fanszene gegeben. Das Spruchband „Koan Neuer“ wurde zu Tausenden in der Südkurve gehisst, wo die organisierte Fanszene der Bayern zu finden ist. Als der Wechsel perfekt war, stellte die harte Fanszene der Bayern Neuer einen Verhaltenskodex auf. Dieser sah vor, dass sich Neuer niemals der Südkurve nähern, sein Trikot nicht zu den Fans werfen und niemals das Bayern-Wappen auf seinem Trikot küssen dürfe. Neuer traf sich vor Amtsantritt mit den Ultras – und akzeptierte alle ihre Forderungen.
Überraschend gut sei das Treffen gelaufen, hieß es damals. Neuer war von Beginn an vielleicht nicht geliebt, aber zumindest akzeptiert bei den Bayern-Fans. Seine herausragenden Leistungen und die Zeit spielten anschließend für ihn, der längst zur Vereinslegende geworden ist.
Manuel Neuer weiß, wie es ist, im Vorfeld kritisch beäugt zu werden. Eben das wird bei der WM in Nordamerika der Fall sein. Denn patzt er oder verletzt er sich, wie es bereits dreimal in dieser Saison der Fall war, an der Wade, wäre der maximale Schaden perfekt und eine Torhüterdiskussion entfacht. „Dann muss Baumann spielen, der von Nagelsmann öffentlich demontiert worden ist und hochgradig verunsichert in das Turnier geht“, sagt Kommunikationsexperte Schaffrath. Es steht mal wieder viel auf dem Spiel für den ewigen Neuer. Zeit, um Urlaub zu machen, gibt es wohl erst nach dem Karriereende. Neuer hat erst kürzlich seinen Vertrag um ein Jahr bis 2027 verlängert.
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