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Ein Jahr nach Turnskandal: Janine Berger kritisiert Umgang mit Missbrauch im Verband

Interview

Ex-Turnerin Janine Berger zu Missbrauchsskandal: „Ich setze eigentlich nur auf die Staatsanwaltschaft“

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    Die Ex-Turnerin Janine Berger kritisiert den Deutschen Turnverband scharf für dessen Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen mehrerer Sportlerinnen.
    Die Ex-Turnerin Janine Berger kritisiert den Deutschen Turnverband scharf für dessen Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen mehrerer Sportlerinnen. Foto: Bernhard Weizenegger

    Rund um den Jahreswechsel 2024/2025 prangerte die ehemalige Top-Turnerin Tabea Alt auf Instagram Missstände am Bundesstützpunkt Stuttgart und im deutschen Frauenturnen an: „Es ist kein Einzelfall: Essstörungen, Straftraining, Schmerzmittel, Drohungen und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Heute weiß ich, es war systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch.“ Weitere Turnerinnen schlossen sich der Kritik an, darunter Janine Berger. Die Ex-Turnerin aus Bubesheim im Landkreis Günzburg wurde bei den Olympischen Spielen 2012 in London Vierte. Sie kritisiert den Deutschen Turner-Bund (DTB) dafür, dass er auf die Vorwürfe unzureichend reagiert habe.

    Mehr als ein Jahr nach den ersten Vorwürfen hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart ihre Ermittlungen auf die Führungsspitze des Deutschen und Schwäbischen Turnerbunds ausgeweitet. Unter anderem richten sich diese gegen den Verbandspräsidenten Alfons Hölzl. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

    JANINE BERGER: Es geht jetzt in die richtige Richtung, dass auch die Funktionäre Verantwortung tragen und genauer durchleuchtet werden müssen. Und dass es nicht damit getan ist, dass man einzelne Trainer ausstellt. Das ist natürlich wichtig, aber es behebt nicht die Ursache.

    Das Turnen hat also ein strukturelles Problem?

    BERGER: Ja. Obwohl jetzt gegen den Präsidenten Hölzl ein Ermittlungsverfahren läuft, sieht er nach eigener Aussage trotzdem weiterhin keinen Anlass, sein Amt ruhen zu lassen oder zurückzutreten. Ganz im Gegenteil: Er möchte weiterhin im Amt bleiben. Das zeigt für mich, dass er immer noch nicht auch nur ansatzweise reflektiert hat, was da passiert ist. Was, wenn nicht ein Ermittlungsverfahren, wäre denn für ihn überhaupt ein Anlass zurückzutreten? Meiner Meinung nach wirft das Agieren der Führungsebene des Deutschen und Schwäbischen Turnerbundes erhebliche Zweifel an deren fachlicher Kompetenz und Eignung auf. Es stellt sich für mich die Frage, welche Verantwortung das Kultus- sowie das Innenministerium tragen, wenn Verbände derart inkompetent agieren und Ermittlungsverfahren laufen, die auch förderrechtliche Aspekte berühren könnten. Wann ist die Grenze der Autonomie des Sports überschritten?

    Das klingt, als würden Sie nicht auf die Selbstreinigungskräfte des Verbandes vertrauen?

    BERGER: Nein, überhaupt nicht. Ich setze eigentlich nur auf die Staatsanwaltschaft. Intern wird da nichts passieren. Deswegen habe ich immer gesagt, dass wir da jemanden brauchen, der das Ganze von extern beleuchtet. Der nicht aus dem Sportsystem kommt und der auch keine Verbindungen zu den ganzen Funktionären hat. Rückblickend hat sich diese Einschätzung mehr als bestätigt. Wenn Veränderungen eintreten sollen, dann muss das extern passieren. Ich setze und hoffe auf die Staatsanwaltschaft und dass es durch deren Ermittlungen gezwungenermaßen zu Veränderungen kommen muss.

    Wann rechnen Sie denn mit Veränderungen?

    BERGER: Das Ganze wird sich ziehen und ich habe das Gefühl, dass viele Betroffene deswegen extrem frustriert sind. Es ist natürlich ernüchternd, wenn man sieht, wie die Verbände dann doch so gut wie nichts tun und ihnen die Zeit in die Karten spielt. Ich bin aber mit der Erwartungshaltung reingegangen, dass es sehr, sehr lange dauern wird. Ich finde es gut, dass jetzt auch die Verantwortung der Verbände über die Staatsanwaltschaft durchleuchtet wird.

    Setzen Sie Ihr Engagement für Veränderung im Turnen fort?

    BERGER: Auf jeden Fall. Ich habe tatsächlich in den letzten Jahren meine zweite Leidenschaft im Ausdauersport entdeckt. Man lernt, geduldig zu bleiben. Es ist kein Sprint. Es ist ein Marathon, der so langsam zum Ultramarathon wird. Aber es geht ja zumindest in kleinen Stücken in die richtige Richtung.

    Wurden Sie im vergangenen Jahr aus dem Verband heraus angefeindet?

    BERGER: Bei den Verbänden wird mein Name wohl eher keine Euphorie auslösen. Aber ich bin nicht da, um mir Freunde zu machen. Mein Ziel sind Veränderungen. Mit Reden allein und Harmonie hat man es jahrelang versucht und ist gescheitert. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich damit auf Widerstand stoßen werde. Das kann man nur, wenn man alles verarbeitet hat. Und ich kann das machen, weil ich nicht abhängig bin. Wenn ich noch irgendwie in dem System bleiben wollte, sei es als Trainerin, als Funktionärin oder egal was, würde das nicht funktionieren. Kritik ist dort nicht gern gesehen, deshalb schauen dann viele doch lieber auf ihre eigene Karriere. Wirkliche Veränderung unterstütze ich gern, aber mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten würde meinen Werten schlicht widersprechen.

    Was treibt Sie an?

    BERGER: Dass es sich endlich verändert. Ich frage mich heute, was wir alles hätten erreichen können, wenn Menschen da gewesen wären, die mit uns gearbeitet hätten, statt gegen uns. Es kann nicht sein, dass man Turnerinnen kaputt macht. Es gibt so viele, mit denen ich im Nachhinein spreche, und die sagen, sie haben psychische oder physische Probleme davongetragen. So langsam muss man sich doch im Verband reflektieren können. Aber selbst jetzt verschwendet der Präsident keinerlei Gedanken daran, vielleicht doch zurückzutreten. Das ist eine klare Botschaft, wie dieser ganze Verband tickt. Eigentlich müssten jetzt die ganzen Landesturnverbände so viel Rückgrat haben und sagen: bis hierhin und nicht weiter. Aber so viel Courage traue ich denen nicht zu.

    Frustriert Sie das?

    BERGER: Naja, ich habe eher das Gefühl, dass man nerven muss. Wenn man wirklich was verändern möchte, muss man den Finger immer wieder in die Wunde legen. Natürlich sagen viele, dass es jetzt doch langsam reicht. Aber wir haben unser Ziel noch nicht erreicht. Es gibt ja noch keine große Veränderung. Es kostet Ausdauer, Geduld, Kraft und Zeit, da dranzubleiben. Ich verstehe, dass viele endlich damit abschließen wollen. Aber wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann mache ich etwas ganz oder gar nicht. Mittendrin aufhören kann ich nicht.

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