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Augsburger Panther

14.12.2020

AEV-Prokurist Leo Conti zur DEL-Saison: "Du hängst ständig in der Luft"

Leonardo Conti gibt die Richtung vor: Als Prokurist ist der ehemalige Torwart an den Saisonplanungen der Augsburger Panther maßgeblich beteiligt.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Panther-Prokurist Leonardo Conti über einen problematischen Corona-Sommer, die Wende, die Planungen für eine abgespeckte Saison und einen Gänsehaut-Moment.

Das Jahr 2020 glich für die Panther einer Achterbahnfahrt. Der Klub war hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen, ob weiter Eishockey gespielt wird. Bereits das Ende der vergangenen Saison war ungewöhnlich. Nach dem letzten Punktspiel gegen die Kölner Haie (4:1) am 8. März war plötzlich Schluss. Die Play-offs fielen der Pandemie zum Opfer. Wie haben Sie das abrupte Ende in Erinnerung behalten?

Leonardo Conti: In der Regel nehmen wir uns zwei bis drei Wochen Zeit für Einzelgespräche mit den Spielern, planen eine Abschlussfeier mit der Mannschaft und den Fans. Im März mussten die Profis wegen drohenden Ausreise- und Einreisebestimmungen jedoch ganz schnell weg. Hauptgesellschafter Lothar Sigl, Sportmanager Duanne Moeser und Trainer Tray Tuomie haben es gerade noch geschafft, mit allen Spielern zu sprechen, aber gefühlt waren von heute auf morgen alle weg.

AEV-Prokurist Conti: "Wir wussten nicht, was wir unseren Partnern verkaufen können"

Wie ging es dann weiter, folgte der übliche Kassensturz?

Conti: Wir haben ein atypisches Geschäftsjahr. Das endet am 30. April. Wenn die Spieler weg sind, haben wir in der Geschäftsstelle normalerweise kurz Zeit, um kurz durchzuschnaufen. Dann plant man die neue Spielzeit. In diesem Jahr hat das Durchschnaufen unfreiwillig lange gedauert. Denn im Lauf der Zeit wurde immer klarer, dass wir nicht wussten, womit und wofür wir planen können. Das hat sich wie ein roter Faden durch den ganzen Sommer gezogen. Sei es in Sponsorengesprächen, sei es auch in der sportlichen Vorbereitung. Wir wussten nicht, ob oder wann wir starten können. Das war ein seltsames Jahr. Es gab immer wieder Meilensteine, an denen Entscheidungen getroffen wurden oder eben nicht. Du hängst ständig in der Luft. Als vor wenigen Wochen die Entscheidung fiel, dass wir am 20. Dezember in München loslegen, war das eine große Erleichterung. Auf einmal hast du wieder ein Ziel vor Augen. Davor wusste man nicht, ob die Arbeit, die man macht, überhaupt Sinn macht. Das war in den Sponsorengesprächen genauso. Wir wussten nicht, was wir unseren Partnern anbieten und verkaufen können.

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Bild: Siegfried Kerpf

Wann zweifelten die Panther daran, ob Eishockey in dieser Saison in Augsburg überhaupt zu finanzieren und umzusetzen ist?

Conti: Das Damoklesschwert der Ungewissheit hing den ganzen Sommer lang über uns. Aber im August war klar, dass es Mitte September niemals losgeht, selbst als der November mehr als ambitioniert klang. Zu dem Zeitpunkt hielt nicht nur ich eine Saisonabsage für die wahrscheinlichere Variante. Denn unser Ziel, mindestens 50 Prozent der Zuschauer ins Curt-Frenzel-Stadion zu bringen, wurde zur Utopie. Und Geisterspiele schienen uns allen finanziell nicht darstellbar. Wir hatten schon an den Gehältern gespart, ich nenne den Gehaltsverzicht der Spieler. Aber das Defizit zum Spielbetrieb war zu hoch, als dass wir uns mit Geisterspielen ernsthaft beschäftigen konnten. Auch mit 20 Prozent der Zuschauer hätten wir keine Zusage geben können.

Der Gehaltsverzicht der AEV-Profis war ein Meilenstein

Wie und wann kam es zur Wende?

Conti: So etwa ab Mitte Oktober sind mehrere Dynamiken ins Spiel gekommen. Zum einen war das Konjunkturpaket Sport der Bundesregierung mit einer Hilfe von bis zu 800.000 Euro pro Klub ein Baustein, der in Aussicht stand. Wenngleich wir auch da erst sehr spät Gewissheit hatten. Dann kamen einige Werbepartner und Fans auf uns zu und haben gesagt, dass sie alles dafür tun, dass wir in diesem Jahr noch spielen. Doch das Entscheidende war, als die Spieler auf uns zugekommen sind. Sie haben selbst Lösungen angeboten und wollten ihren Beitrag leisten. Ohne das wären alle Szenarien nicht umsetzbar gewesen. Die Profis haben gesehen, dass ein weiteres Entgegenkommen nötig ist, sonst wird die Saison nicht zu retten sein, wie es auch bei fast allen anderen Klubs der Fall war.

Die Panther mussten ihren Saisonetat von ursprünglich knapp sieben auf 2,5 Millionen Euro mehr als halbieren. Ist damit die Saison definitiv gesichert?

Conti: Wenn sich an der aktuellen Situation nichts ändert, also wir nur mit Geisterspielen durch die Saison kommen, werden wir am Ende ein Defizit im sechsstelligen Bereich haben, und leider steht da nicht eine Eins vorne. Aber die Gesellschafter waren bereit, das Risiko einzugehen. Wir arbeiten hart daran, weitere Unterstützung von Sponsoren zu erhalten und dürfen auch auf ein zweites Hilfsprogramm für den Profisport in 2021 von der Bundesregierung hoffen. Oder dass wir im Saisonverlauf wieder Zuschauer ins Stadion bekommen. Im Augenblick jedoch erscheint Letzteres angesichts der hohen Infektionszahlen in Augsburg und Deutschland eher unrealistisch.

Bei den Augsburger Panthern gibt es einen Investitionsstopp in allen Bereichen

Wo haben die Panther den Rotstift angesetzt?

Conti: In erster Linie sind das die Gehälter, aber es gibt auch einen Investitionsstopp in allen Bereichen. Ein alter Rechner wird nicht ersetzt oder auch ein altes Trainingsgerät nicht. Wie in jedem Haushalt sind wir alle Posten durchgegangen und haben geschaut, wo wir sparen können. Mit dem Spielplan mit zwei Gruppen hat uns auch die Liga Einsparpotenzial ermöglicht. Wir werden zu allen Partien am Spieltag anreisen, auch nach Mannheim, wo wir sonst immer einen Tag früher hingefahren sind. Das spart Hotel- und Buskosten. Und schließlich haben wir lange nicht alle Ausländerstellen besetzt, sondern gehen mit den Spielern in die Saison, die wir bereits unter Vertrag hatten. Der einzige späte Neuzugang ist Wade Bergman, der jedoch nur gekommen ist, weil sich Verteidiger Patrick McNeill aus privaten Gründen dazu entschlossen hat, vorerst in seiner Heimat zu bleiben.

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Bild: Ulrich Wagner

Die Panther können die Saison also komplett mit Geisterspielen durchstehen?

Conti: Ja, mit dem zu erwartenden Defizit. Sollten wir eine Zuschauerkapazität von lediglich 20 Prozent genehmigt bekommen, befürchte ich sogar ein größeres Defizit, weil wir dann mehr in Personal und teure Hygienemaßnahmen investieren müssen, als wir einnehmen. Ob das Curt-Frenzel-Stadion mit 20 Prozent oder mit 80 Prozent ausgelastet ist, macht bei den Grundkosten keinen bedeutenden Unterschied. Ab rund 40 Prozent geht die Rechnung etwa mit Null auf. Aber ich glaube nicht, dass wir in dieser Saison mit Zuschauern Geld einnehmen werden. Unter den aktuellen Bedingungen halte ich es jedoch für unrealistisch, dass wir uns vor März/April Gedanken über Zuschauer im Stadion machen müssen.

Das ganze Panther-Team in Quarantäne - der AEV ist vorbereitet

Im Magentasport-Cup ist zu sehen, dass Mannschaften wie Berlin und Schwenningen wegen positiver Covid-Fälle komplett in Quarantäne mussten und deren Partien abgesagt wurden. Wie sind die Panther auf dieses Szenario vorbereitet?

Conti: Ja, wir sind vorbereitet. Zunächst war es wichtig für uns, ein plausibles Hygienekonzept zusammen mit dem Augsburger Gesundheitsamt zu entwickeln. Wir haben ordentliche Testprotokolle, um einen solchen Fall nach Möglichkeit auszuschließen. Dabei können wir uns auf die große Expertise und Unterstützung unseres Mannschaftsarztes Vladislav Trivaks und seines kompletten Teams vom Ärztehaus Augsburg Süd verlassen. Sollten wir einen Einzelfall haben, den wir dann hoffentlich frühzeitig erkennen, wird eine Mannschafts-Quarantäne nicht notwendig sein. Aber auszuschließen ist es nicht, dass das Virus in die Mannschaft kommt. Wenn das komplette Team dann 14 Tage in Quarantäne muss, wird es sehr herausfordernd. Doch der Spielplan ist schon relativ komfortabel gestaltet, sodass noch die Möglichkeit besteht, hier und dort Spiele einzuschieben. Genau aus diesem Grund wurde die Einfachrunde mit dem Norden, die sich an die Doppelrunde gegen unsere Südklubs anschließt, noch nicht terminiert. Da ist bewusst noch Luft im Spielplan. Trotz aller Schutzmaßnahmen ist man nicht davor gefeit, dass etwas passiert. Das hat man in Berlin und Schwenningen gesehen, die beide auf höchstem Niveau arbeiten.

Nicht nur im täglichen Leben verlangt das Virus auch von der Eishockey-Branche eine Anpassungsfähigkeit an neue Rahmenbedingungen. Wie blicken Sie auf die kommende Saison?

Conti: Es ist vielleicht nicht der schönste Begriff, aber man könnte es auch eine Rumpfsaison nennen. Wir haben uns in unserem Leben schon daran gewöhnen müssen, Kompromisse einzugehen. Uns allen ist bewusst, dass es auch im Eishockey nicht der Normalzustand ist. Wir alle hoffen, dass wir in der darauffolgenden Spielzeit weitgehend wieder zur Normalität zurückkehren können.

Wirtschaftlich wäre eine Absage der DEL-Saison einfacher gewesen

Es stand lange auch die komplette Saisonabsage in Augsburg im Raum. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wäre das planungstechnisch und finanziell besser kalkulierbar gewesen?

Conti: Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es ganz klar einfacher gewesen, zu sagen: Wir spielen nicht. Das Risiko wäre geringer. Aber wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn das Eishockey komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden wäre. Als Lothar Sigl mir erzählt hat, dass die Spieler auf ihn zugekommen sind, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Wir müssen es also wagen, auch aus der Verantwortung gegenüber den Profis, denen man nicht einfach ein Jahr stehlen kann. Es wäre falsch gewesen, den anderen Weg zu gehen. Zugleich können wir jetzt, da das Freizeitangebot reduziert ist, vielleicht den einen oder anderen Zuschauer über die TV-Spiele als Fan gewinnen. Das ist auch ein Ansporn. Wir brennen darauf, dass es jetzt endlich losgeht.

Inwieweit steht das Fundament für die Spielzeit 2021/22?

Conti: Bevor wir diese Spielzeit angehen, konnten wir dank der frühzeitigen Zusage vieler Sponsoren für 2021/22 den Grundstein für die nächste Saison legen. Wir werden ein DEL-Budget haben. Wir werden in der aktuellen Saison voraussichtlich kein Liquiditätsproblem bekommen. Aber wenn wir ein Minus schreiben, dann wird es uns im nächsten Jahr fehlen. Hoffentlich kommen wir alle gut durch die Krise. Mein größter Wunsch für 2021/22 ist, dass die Zuschauer wieder in die Stadien zurückkehren.

Dieser Artikel ist Teil unserer Beilage zur DEL-Saison 2020/21, die am 17. Dezember in den Lokalausgaben Augsburg, Augsburg-Land, Aichach, Friedberg und Schwabmünchen kostenlos der Zeitung beiliegen wird.

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