ERC Ingolstadt

12.09.2019

Doug, der Baumeister

Ein Mann klarer und offener Worte: Panther-Headcoach Doug Shedden möchte mit seiner Mannschaft in dieser DEL-Saison ins Halbfinale einziehen.
Bild: Johannes Traub

Panther-Cheftrainer Doug Shedden spricht vor dem DEL-Auftakt in Schwenningen über Reparatur-Arbeiten an seinem Haus in Florida, den Umbau seines Teams, die Torhüter-Situation und den Entfesselungskünstler Hudini.

Ganz schön viel los hier, oder?“, sagt Ingolstadts Coach Doug Shedden. Nacheinander kommen herein: David Belitski, Torwarttrainer. Tim Regan, Assistenztrainer. Maritta Becker, Fitnesstrainerin. Sie tippen auf ihren Laptops herum, während Sportdirektor Larry Mitchell in einer Ecke sitzt und aufmerksam zuhört. Vor dem Saisonauftakt seines Teams in Schwenningen (Freitag, 19.30 Uhr) hat Shedden zum Exklusiv-Interview mit der Neuburger Rundschau in seine Trainerkabine gebeten.

Herr Shedden, wie sieht es eigentlich mit den Reparaturarbeiten an Ihrem Haus auf Marco Island in Florida aus? Ihr Feriendomizil wurde ja 2017 von Hurricane Irma beschädigt.

Shedden: In einem Monat sollte es fertig sein. Wir kommen der Sache näher.

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Auch auf einem Kunststoffschild im Kabinengang des ERCI steht ein Haus. Es basiert auf den Werten Respekt, Bindung und Verantwortung. Ein Team zu formen und ein Haus zu bauen – ist das vergleichbar?

Shedden: Ich baue kein Haus. Meine Frau macht das alles (lacht). Larry hat mehr Verantwortung dafür, das Team zu bauen als ich. Aber natürlich haben wir uns abgesprochen. Ich glaube, wir sind sehr glücklich mit den Charakteren, die wir reingebracht haben.

Wer hat Sie von den Neuen am meisten überrascht?

Shedden: Kris Foucault. Er hat nicht viel gespielt zuletzt. Wie oft habe ich gegen ihn gecoacht? Einmal? Vielleicht zweimal? Er ist ein sehr talentierter Spieler.

Was ist mit Wayne Simpson? Er scheint sich noch an das europäische Eishockey gewöhnen zu müssen...

Shedden: Er ist ein überdurchschnittlich schlauer Spieler. Ich glaube, er wird seine Sache hier sehr gut machen. Vielleicht wird es etwas länger dauern, bis er seinen Rhythmus findet. Aber man kann schon sehen: In den Ecken ist er ein Entfesselungskünstler wie Hudini.

Vor allem aus den hinteren Reihen gab es in der Vorbereitung viele Tore. Ist Variabilität Ihre größte Stärke in diesem Jahr?

Shedden: Darüber haben wir gesprochen und die Situation mit dem Vorjahr verglichen (blickt auf die Tafel hinter sich, auf der neben der aktuellen Aufstellung auch noch die letztjährigen Formationen zu sehen sind). Wir haben in diesem Jahr vier gleichwertige Reihen. Jede kann checken und treffen. Ich glaube auch, dass wir uns charakterlich verbessert haben. Ryan Garbutt hat viele schlechte Strafen gezogen. Das war ein großes Problem. Natürlich war Tyler Kelleher sehr talentiert und Thomas Greilinger lieferte auch am Ende seiner Karriere noch ab. Aber ich glaube trotzdem, dass die Qualität gestiegen ist.

Und mit Matt Bailey scheinen Sie einen zweiten Brett Olson gefunden zu haben...

Shedden: Sie sind sich ähnlich, ja. In den Scouting-Berichten zu Bailey hieß es: Keiner arbeitet härter als er! Es ist gut, solch einen Spieler im Team zu haben. Er könnte bestimmt an die 15 Tore für uns machen.

Brandon Mashinter will in diesem Jahr sogar 20 Tore schießen, hat er gesagt...

Shedden: Wow! Damit wären wir alle glücklich. Als „Mash“ hier ankam, hatte er keine Saisonvorbereitung und drei, vier Spiele in der ECHL für ein Team gemacht, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Er hatte also einen Rückstand. In diesem Sommer wusste er, was ihn in Ingolstadt erwartet. Er arbeitet sehr hart. Im Powerplay ist er vor dem Tor sehr wichtig für uns. Ein großer Körper, den keiner wirklich wegschieben wird. Und wenn sie es versuchen, könnten sie ihre Zähne verlieren. Er wird viele dreckige Tore schießen.

Wer muss sich noch steigern?

Shedden: Es war vielleicht nicht die beste Vorbereitung von Jerry D’Amigo. Als er ankam, hatte er Oberschenkelprobleme. Nicht, dass das ein Grund wäre. Aber er wird bereit sein, wenn gegen Schwenningen zum ersten Mal die Glocke läutet, soviel ist klar.

Auch die Defensive wirkt noch wacklig. Machen Sie sich Sorgen?

Shedden: Noch nicht. Wir haben Jungs wie Sean Sullivan, die 30 Minuten Eiszeit pro Partie fressen können. Würde noch ein Verteidiger ausfallen, dann würde ich mir Sorgen machen.

Sie wollen, dass sich ihre Verteidiger im Sturm einschalten und „pinchen“, sprich: Die Scheibe früh an der Bande abfangen...

Shedden: Absolut!

Wenn nicht jeder Feldspieler mitmacht und es keine Absicherung für den vorpreschenden Verteidiger gibt, ist ihr System konteranfällig. War die Defensive deshalb bisher so instabil?

Shedden: (überlegt) Ich glaube, wir haben in der Vorbereitung einige Geschenke verteilt. Das war nicht unbedingt systembedingt. Aber ihre Analyse ist richtig. Der Verteidiger muss das Spiel lesen und darf nicht „pinchen“, wenn er zu spät dran ist oder keine Absicherung hat. Und am Ende muss der Torhüter „Saves“ zeigen. Dafür werden sie bezahlt und haben ihren Promi-Status.

Was die Torhüter betrifft, entscheiden Sie stets aus dem Bauch heraus. Wer wird wann am Wochenende zwischen den Pfosten stehen?

Shedden: Wenn Sie mich jetzt fragen, wer Nummer eins ist, könnte ich Ihnen das nicht sagen. Wir müssen eine Lösung finden, bei der beide ihre Eiszeit kriegen. Aber diese müssen sie sich auch verdienen. Jochen Reimer hat in der vorigen Saison kein einziges Mal gegen Nürnberg verloren. Ich wäre also dumm, ihn dann nicht spielen zu lassen. Timo Pielmeier wird nach Rücksprache mit unserem Torwarttrainer wahrscheinlich gegen Schwenningen spielen.

Pielmeier ist sehr ehrgeizig, er will die klare Nummer eins sein. Mit seinen 25 Spielen im Vorjahr war er nicht zufrieden.

Shedden: Timo hat nicht grundlos nur 25 Partien gemacht. Er hat nicht gerade das gespielt, was er kann. Reimer schon. Weil jemand einen Promi-Status hat und bereits bei Olympia war – muss ich ihn ins Tor stellen, auch wenn er schlecht spielt? Es ist Wettkampf! Das ist eine wunderbare Sache. Und ob einem das gefällt oder nicht, es ist Teil des Sports.

Apropos Wettkampf: Mit welchem jungen Verteidiger werden Sie zunächst in die neue Saison gehen? Simon Schütz oder Garret Pruden?

Shedden: Ich glaube, es besteht kein Zweifel daran, wer wem voraus ist. Schützi hat eine sehr gute Vorbereitung gehabt und spielt schon seit vier Jahren als Profi. Pruden ist ein großartiger Junge. Er arbeitet hart und hat sich ordentlich geschlagen. Aber er braucht noch ein bisschen Zeit, muss schneller auf den Beinen werden. Wir werden ihn ausbilden. Hoffentlich.

Offensiv scheinen Sie Ihre Reihen gefunden zu haben. Können Sie Ihre Gedanken dahinter preisgeben?

Shedden: Es ist alles experimentell. Man stellt sich etwas im Kopf zusammen. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Und dann bastelt man eben ein bisschen. Smiths Einstellung ist, der Eishockey-Welt zu zeigen, dass sein schlechtes letztes Jahr reiner Zufall war. Daneben haben wir Foucault, der gefühlt in zehn Jahren nur drei Spiele gemacht hat. Diese beiden haben etwas zu beweisen. Gemeinsam mit Mike Collins könnte das eine effektive Scoring-Reihe sein. Bailey, Olson und Simpson können eine sogenannte „Shutdown-Reihe“ sein – mit Simpson als Kreativem und zwei harten Arbeitern. Sie können gegen jeden in der Liga spielen. Auch die Reihe um D’Amigo, David Elsner und Darin Olver passt sehr gut. Elsner ist ein großer Kerl, der seinen Körper einsetzt und schießen kann. Die 15 Tore im Vorjahr waren kein Zufall. Das kann er nochmals schaffen. Olver hatte eine tolle Vorbereitung. Er ist gut auf den Schlittschuhen und wird mit D’Amigo viel laufen.

Bleibt noch die vierte Reihe!

Shedden: Mirko Höfflin ist ja leider verletzt. Mit Mashinter und Hans Detsch hatte er zwei große Flügel und hätte wahrscheinlich in einer kurzen Badehose spielen können. Aber auch Tim Wohlgemuth, Detsch und „Mash“ spielen sehr gut zusammen.

Wussten Sie, dass die Fans schon einen Hashtag (#koandetschkoansieg) für Detsch erfunden haben?

Shedden: Ach echt? (lacht) Das wusste ich nicht, aber es stimmt. Er hat sich seinen Platz erarbeitet, hat einen guten Charakter und wird von seinen Teamkameraden sehr gemocht. Er geht auf den Körper und wird all die dreckigen Dinge machen, mit denen man Spiele gewinnt.

Wie steht es um die beiden Verletzten Höfflin und Ville Koistinen?

Shedden: Für Mirko wird es einen genauen Zeitplan erst geben, wenn er operiert wurde. Bei Koistinen hoffen wir auf das zweite DEL-Wochenende. Aber wir werden sehen.

Sie sind jetzt seit anderthalb Jahren Trainer in Deutschland. Die Nationalmannschaft hat in der Zwischenzeit Olympia-Silber gewonnen. In der Champions Hockey League feiern die drei deutschen Vertreter ihren besten Start überhaupt. Baut sich das deutsche Eishockey langsam einen Ruf auf?

Shedden: Es ist sicher weiter als früher. Mannheim und München helfen diesem Ruf. Und Augsburg ist auch kein halbes Hemd. Die Adler bauen sich gerade etwas sehr Spezielles auf. Es würde mich überhaupt nicht verwundern, wenn sie die CHL gewinnen.

Als Trainer mit acht Jahren Schweiz-Erfahrung: Was fehlt der DEL, um an das Niveau der dortigen NLA heranzukommen? Das Geld? Der Nachwuchs?

Shedden: So weit sind wir gar nicht weg. Es gibt deutsche Teams, die die Schweizer schlagen, das hat man bei uns gegen Lugano gesehen. Der große Unterschied ist die Geschwindigkeit. Sie zahlen natürlich viel mehr als DEL-Klubs, dürfen aber auch nur vier Ausländer spielen lassen. Das Schweizer Eishockey hat sich in den vergangenen zehn Jahren wirklich gut entwickelt.

Wollen Sie dort eines Tages einmal wieder coachen?

Shedden: Wo auch immer mich der nächste Job hin verschlägt.

Die Fans kennen Sie als charismatischen, emotionalen Trainer, nicht so sehr als Person. Was macht Doug Shedden eigentlich in seiner Freizeit in Ingolstadt?

Shedden: Ich gehe ins Fitnessstudio in den Westpark oder eine Runde um den See spazieren. Ich versuche mich einfach, beschäftigt zu halten. Meine Frau ist gerade nicht hier. Sie kommt erst, wenn die Reparaturen an unserem Haus fertig sind.

Und wenn mit ihrem deutschen Haus, dem ERC Ingolstadt, alles klappt? Keine Lecks, tragfähige Balken, stabiles Fundament. Was ist dann möglich in diesem Jahr?

Shedden: Wenn man in eine Saison geht, will man natürlich gewinnen. Aber am Ende gibt es nur einen Sieger und 13 Verlierer. Wir wollen in die „Top Sechs“ kommen und dann schauen wir, was passiert. Aber natürlich: Das Ausscheiden im Viertelfinale gegen Köln war enttäuschend. Deshalb ist es in diesem Jahr auch mein persönliches Ziel, das Halbfinale zu erreichen.

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