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ERC Ingolstadt

04.10.2020

ERC-Geschäftsführer Liedy im Interview: "Die Dinge liegen nicht in unserer Hand"

Hat alle Hände voll zu tun: Claus Liedy und der ERC Ingolstadt wissen nicht, ob und wann die neue Saison beginnt.
Bild: ERC Ingolstadt

Plus Die Deutsche Eishockey Liga hat ihren Saisonstart erneut verschoben. Und jetzt? Claus Liedy, Geschäftsführer des ERC Ingolstadt, über Imageverlust, fragile Hoffnungen und das Minusgeschäft Eishockey.

Eigentlich war es nur noch eine Frage der Zeit. Wann würde die Deutsche Eishockey Liga (DEL) am vergangenen Freitag öffentlich machen, dass das nichts wird mit einem Saisonstart am 13. November? Um 16 Uhr dann ploppte auf, was alle befürchtet hatten: Noch immer kein Erstliga-Eishockey in Deutschland. Eine dreiviertel Stunde später bat die Neuburger Rundschau Claus Liedy, Geschäftsführer des ERC Ingolstadt und damit Verhandlungsführer der Panther, zum Krisengespräch.

Herr Liedy, der DEL-Start wurde erneut auf unbestimmte Zeit verschoben. Wieso?

Claus Liedy: Da gibt es eigentlich nicht viel zu erklären. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen bei den Klubs sind nach wie vor nicht gegeben, um einen verantwortungsbewussten Saisonbetrieb zu starten.

Wie muss man sich die Stimmung in einer solch entscheidenden Gesellschaftersitzung vorstellen?

Liedy: Das sind alles Eishockeyfans, die mit Herzblut ihrem Job nachgehen. Gute Stimmung ist da keine. Uns liegt allen am Herzen, dass wir Eishockey spielen wollen. Wir arbeiten Tag und Nacht daran, die Voraussetzungen zu verbessern. Insofern: Spaß macht die momentane Situation keinem (lacht verbittert).

War die Entscheidung einstimmig?

Liedy: Ich habe das Beschlussergebnis noch nicht schriftlich bekommen. Aber die Entscheidung war auf jeden Fall mit einer großen Mehrheit.

Eine Mehrheit, die auch der ERC Ingolstadt unterstützt hat?

Liedy: Ich möchte das Wahlergebnis nicht im Einzelnen kommentieren. Man sollte jetzt nicht einen Verein in die eine oder andere Richtung hervorheben oder diskreditieren. Die Liga ist ein Zusammenschluss von 14 Vereinen. Und die haben demokratisch-mehrheitlich entschieden, diese Saison zu verschieben.

Die ersten Reaktionen von Fans und Spielern waren wenig überraschend vorwiegend negativ. Wieso konnte man sich nicht auf einen festen Starttermin zu einem späteren Zeitpunkt einigen? So hätte man zumindest einen klaren Fahrplan gehabt.

Liedy: Weil es auch keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt glückliche Entscheidungen vom Himmel fallen, die uns dann den Spielbetrieb ermöglichen. Wir müssen jetzt abwarten, wie sich die Fallzahlen entwickeln, wie die Testphase bis Ende Oktober verläuft…

…Sie meinen die Entscheidung der Bundesländer, bei Hallensportarten zunächst nur 20 Prozent der Stadionkapazität zu erlauben.

Liedy: Das ist richtig. Es bleibt abzuwarten, was die Politik aus diesen Erkenntnissen für Entscheidungen ableitet. Insofern ist es nicht in unserer eigenen Verantwortung, einen neuen Termin zu nennen, ab wann sich die Situation in die eine oder andere Richtung entscheidend verändert.

Die Gesellschafter wollen sich im November nochmals zusammensetzen und nennen die zweite Dezemberhälfte als neues Ziel für einen Saisonstart. Welche konkreten Kriterien müssen denn bis dahin erfüllt sein, damit Sie spielen?

Liedy: Wie ich bereits gesagt habe: Die Dinge liegen momentan nicht in unserer eigenen Hand, weil wir nicht wissen, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wie die Politik letztlich entscheidet. Am Ende ist es so, dass wir gesagt haben: Die Politik hat bis Ende Oktober einen Beobachtungszeitraum definiert, um dann gegebenenfalls daraus eine Entscheidung abzuleiten. Und diese Zeit geben wir uns auch, um mit den Entscheidungen dann entsprechend umgehen zu können.

Aber mit Verlaub, wenn man sich die aktuellen politischen Corona-Maßnahmen und auch die Pandemieentwicklung ansieht, halten Sie es wirklich für realistisch, dass im November mehr Zuschauer in den Stadien erlaubt sein werden?

Liedy: Ich habe weder eine Glaskugel, noch bin ich in den entsprechenden politischen Gremien, um diese Frage beantworten zu können.

Hinter hervorgehaltener Hand heißt es, viele Klubs würden unter den aktuellen Bedingungen finanziell besser wegkommen, wenn es gar keine DEL-Saison gäbe. Auch der ERC würde sich angesichts von Spielern in Kurzarbeit und eines halb vollen Kaders viel Geld sparen. Provokant gefragt: Ist es für Sie rentabler, gar nicht zu spielen?

Liedy: Das ist doch eine Frage… Auch ich bin rund um die Uhr damit beschäftigt, den Spielbetrieb hoffentlich möglich zu machen. Mir liegt das Eishockey am Herzen. Dass wir heute diese Entscheidung getroffen haben, im Moment noch nicht starten zu können, das ist doch für uns alle fürchterlich. Die schlimmste Krise, die das Eishockey wahrscheinlich jemals durchgemacht hat. Im Moment ist es so, dass die Hilfspakete, die der Bund aufgelegt hat, gerade mal erst seit ein paar Tagen beantragt werden können, aber noch nicht entschieden oder gar zugesagt sind. Ohne diese Hilfsgelder würde es sowieso nicht gehen. Und dann muss man natürlich in allen anderen Bereichen auch noch Einsparungen vornehmen, wenn man in den Spielbetrieb kommen will. Und das ist die Aufgabe, die wir jetzt in den nächsten Wochen haben. Das positive Signal ist, dass alle 14 Vereine sich der Aufgabe stellen und sich ein neues Ziel gesetzt haben, nämlich hoffentlich Ende des Jahres so weit zu sein, dass man dann in einen Spielbetrieb gehen kann. Ob das gelingt, kann ich heute noch nicht sagen.

Wie schätzen Sie die Imagefolgen für die DEL ein? Ihre Kollegen vom Handball und Basketball starten bereits in ihre Saison.

Liedy: Wenn Sie und Ihre Kollegen das so erklären, dass es die Fans verstehen, hoffe ich, dass wir den Schaden geringhalten können. Noch mal: Das Eishockey ist eine sehr stark von Zuschauern abhängige Sportart. Und wenn jetzt aufgrund einer Pandemie die Zuschauer nicht ins Stadion dürfen, ist das ein wirtschaftlich großes Problem für die Vereine, das nicht einfach mit einem Fingerstreich bewältigt werden kann. Warum Handball oder Basketball spielen können, möchte ich nicht kommentieren. Da einen Vergleich zu ziehen, steht mir nicht zu.

Dass Eishockey generell ein Draufzahlgeschäft ist, ist ein offenes Geheimnis. Jahr für Jahr gleichen die Gesellschafter einiger Standorte am Ende einer Saison Fehlbeträge wieder aus. Einfach gefragt: Wieso ginge das in diesem Jahr unter diesen Umständen nicht?

Liedy: Das ist ein absolutes Insider-Thema und ist von Standort zu Standort unterschiedlich. Dazu möchte ich nichts sagen.

Rechnet man das finanzielle Loch von 60 Millionen Euro, von dem die Liga insgesamt spricht, anhand der erlaubten Zuschauer jeweils auf die einzelnen Vereine herunter, käme man bei den Panthern auf ein Minus von etwa drei Millionen Euro.

Liedy: Wir haben unzählige Planungsszenarien durchgerechnet und bisher keines ohne Verluste gefunden.

Trotz der bundesweiten 20-Prozent-Regelung, waren an diesem Wochenende beim „So geht sächsisch.“-Cup in der Eishalle in Dresden (Kapazität: 4.412 Plätze) nach Erlaubnis der lokalen Gesundheitsbehörde 1.800 Zuschauer zugelassen. Das sind mehr als ein Fünftel. Was gilt denn nun - die Entscheidung der Länder oder die Güte des Gesundheitsamts?

Liedy: Die politische Entscheidung hebt die Erlaubnis der Gesundheitsämter auf. Das ist ganz klar. Aber es ist gut, dass Sachsen es wagt, hier auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Eine vergleichbare Größenordnung kommt ja den Szenaren, mit denen wir leben könnten, schon sehr nahe. Und im Fernsehen sah alles sehr geordnet aus. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

Gäbe es für die Saturn Arena denn ein abgesegnetes Hygienekonzept?

Liedy: Wir haben ein Hygienekonzept erarbeitet, das flexibel auf verschiedene Szenarien und Pandemiestufen angepasst werden kann und uns somit größtmögliche Flexibilität bietet, auf die individuelle Lage vor dem jeweiligen Spieltag reagieren und die Fans entsprechend rechtzeitig informieren zu können. Eine endgültige Freigabe dieses Konzepts durch das Gesundheitsamt kann aber erst erfolgen, wenn die Rahmenbedingungen klar sind, unter denen wir eine Saison starten können.

Hätte man eine 20-prozentige Auslastung mit je anderthalb Metern Abstand überhaupt in die Saturn Arena hereingebracht?

Liedy: Ich weiß nicht, ob es genau 1,5 Meter sind. Sagen wir es mal andersherum: Unser bisheriges Ziel war, Konzepte zu entwickeln, mit denen wir zumindest alle unsere Dauerkartenbesitzer reinbekommen hätten. Selbst das ist jetzt durch die politischen Vorgaben unmöglich. Von den erlaubten etwa 1.000 Zuschauern in der Saturn Arena müssen sie das gesamte Personal, inklusive der Spieler, Eismeister, Sicherheitsleute, Presse und so weiter abziehen. Das sind allein schon 200 bis 300 Personen.

Wie viele Zuschauer bräuchte der ERC denn, um eine Saison zu starten?

Liedy: Das spielt gar keine Rolle. Wir brauchen ja auch Gegner. Wir brauchen eine bundeseinheitliche Regelung, bei der wir ein gutes Gefühl haben müssten, dass sie die ganze Saison hält. Und das ist im Moment nicht gegeben.

Was passiert jetzt mit Spielern, die bereits angereist sind? Wayne Simpson ist vergangenen Dienstag in Bayern gelandet, Frederik Storm schon länger auf der Schanz.

Liedy: Zunächst einmal gibt es zwei Spielerarten - die mit gültigem Vertrag und die ohne gültigen Vertrag. Es gibt Spieler letzterer Art, die trotzdem schon in Deutschland sind. Das ist dann deren Privatvergnügen und hat nichts mit dem Arbeitsverhältnis zu tun. Grundsätzlich sind wir und vor allem Larry Mitchell (ERC-Sportdirektor, Anm. d. Red.) tagtäglich mit allen Spielern in Kontakt, um ihnen die Situation zu erklären.

Welche Rückmeldung kriegen Sie da von Ihren Akteuren?

Liedy: Ähnlich wie bei den Clubmanagern. Freude macht das keinem. Die Sportler wollen auf’s Eis. Das ist eine ganz schwere Zeit für alle Beteiligten.

Sie sprachen vorhin die Fördermittel des Bundes an. Maximal 800.000 Euro gibt es pro Klub. Doch die Frage, wer überhaupt berechtigt ist, sorgte für Verunsicherung. Voraussetzung soll eine stabile Finanzlage im Jahr 2019 sein, sowie der Status als Kleingewerbe (unter 50 Mitarbeiter). Zwar hatte der ERC Ingolstadt laut Geschäftsbericht der Saison 2018/2019 keinen ungedeckten Fehlbetrag, wohl aber 143 Mitarbeiter. Ist Ihr Verein überhaupt anspruchsberechtigt?

Liedy: Es gibt bestimmte Kriterien, an die diese Gelder geknüpft sind. Wir beim ERC Ingolstadt haben den Antrag noch nicht gestellt. Der ist noch in der Vorbereitung. Aber wir gehen davon aus, dass wir Gelder bekommen werden.

Die Vereine fordern mehr Zuschauer oder mehr Geld vom Staat, kurz gesagt also mehr Einnahmen. Beides erscheint eher unrealistisch. Wäre es nicht sinnvoller, mehr auf der Ausgabenseite zu sparen und den Spieleretat weiter zu kürzen?

Liedy: Dazu muss ich zunächst sagen: Es ist großartig, wie sich unsere Spieler verhalten haben und auf einen wesentlichen Teil ihres Einkommens verzichten. Damit haben sie eine Situation geschaffen, die es uns heute erlaubt, abzuwarten und nicht sehend ins Verderben zu laufen. Das ist der große Unterschied zu anderen Sportarten. Ob es darüber hinaus gehende Maßnahmen geben muss, ist ein internes Thema, über das ich in der Presse nichts sagen will.

Es gäbe ja andere Möglichkeiten, die Transferpolitik etwa. Köln hat sich einen Transferstopp auferlegt und füllt die vierte Reihe mit DNL-Spielern. Nürnberg hat sich vor allem in der DEL2 bedient. Larry Mitchell sprach vor vier Wochen von der Option, zehn Ausländer-Positionen zu besetzen. Gibt es mittlerweile andere Szenarien?

Liedy: Das müssen Sie Larry Mitchell fragen. Um die Qualität von einzelnen Spielern oder des Kaders zu kommentieren, bin ich nicht kompetent genug.

Wie geht es für den ERC jetzt weiter bis zur nächsten Gesellschaftersitzung im November?

Liedy: Wann die Spieler kommen, hängt davon ab, wann wir einen Starttermin haben. Im Hintergrund arbeiten wir derweil rund um die Uhr daran, die finanzielle Lücke zu schließen, die wir noch haben.

Und womit wollen Sie diese Lücke schließen?

Liedy: Das spielt sich intern ab und hat auch nichts in der Presse zu suchen, Entschuldigung (lacht).

Die Spieler mit laufendem Vertrag sind noch in 100-prozentiger Kurzarbeit und dürfen deshalb nicht mit der Presse sprechen. Wird sich daran in Zukunft etwas ändern?

Liedy: Nein. Nicht, solange wir voll in Kurzarbeit sind.

Wir haben jetzt eine halbe Stunde lang über widrige Voraussetzungen und schwere Entscheidungen gesprochen - ohne konkretes Ergebnis. Besteht weiterhin die Möglichkeit, dass die Saison komplett abgesagt wird?

Liedy: Das ist eine Sache der DEL und somit eine Entscheidung, die alle 14 Klubs gemeinsam bei der nächsten Aufsichtsratssitzung Ende Oktober, Anfang November – eventuell – treffen müssen. Das weiß ich heute noch nicht.

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